Im Prozess um Mafia-Vorwürfe vor dem Stuttgarter Landgericht hat ein italienischer Angeklagter jede Verbindung zur kalabrischen ’Ndrangheta zurückgewiesen. "Ich habe mit diesen Leuten nichts zu tun", sagte er vor Gericht. Auch von illegalen Geschäften habe er nichts gewusst. Er habe außerdem nicht erkannt, dass es sich bei den Waren in einem Lager in Fellbach um Produkte aus Mafia-Handel gehandelt habe.
Der Mann steht im Mittelpunkt eines Verfahrens, das sich um mutmaßliche Aktivitäten der italienischen Mafia im Raum Stuttgart dreht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Kontakt zu einer sogenannten Basiseinheit der ’Ndrangheta gehabt zu haben. Die kalabrische Mafia-Gruppe gilt als eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen der Welt.
Tarnfirma für Lebensmittelbetrug
Nach den Ermittlungen gründeten Mitglieder der Organisation 2019 in Fellbach ein Unternehmen zum Vertrieb von Lebensmitteln – ein klassisches Mafia-Geschäftsmodell. Unter der Tarnung eines seriösen Lebensmittelhandels sollen sie große Mengen Waren wie Olivenöl bestellt, jedoch nie bezahlt haben. Stattdessen sollen Restaurantbetreiber unter Druck gesetzt worden sein, die überteuerten Produkte abzunehmen.
Auch mit Lebensmitteln im Wert von mehreren Hunderttausend Euro sollen der Italiener und weitere Verdächtige betrogen haben. Die bestellte Ware sei an Adressen im Rems-Murr-Kreis geliefert, aber nie bezahlt worden.
Polizist soll Dienstgeheimnisse verraten haben
Neben dem Italiener steht auch ein ehemaliger Polizist vor Gericht. Er soll laut Anklage vor fünf Jahren in polizeilichen Datenbanken nach Informationen gesucht und sie an seinen italienischen Bekannten weitergegeben haben. Dabei ging es um ein Autokennzeichen und Personendaten. Den Vorwurf, den Polizisten zum Datenabgleich gedrängt zu haben, räumte der Italiener ein.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Informationen bei einem mutmaßlichen Erpressungsversuch gegen ein italienisches Restaurant eine Rolle spielten. Mit einer nächtlichen Attacke auf das Lokal hätten die Betreiber zum Kauf von Mafia-Lebensmitteln gezwungen werden sollen.
Hintergrund: "Operation Boreas"
Die beiden Angeklagten waren Teil der deutsch-italienischen "Operation Boreas" – einer Aktion gegen die Mafia und organisierte Kriminalität. Damals wurden 34 Haftbefehle erlassen, überwiegend gegen italienischstämmige Verdächtige.