Fast täglich finden sich neue Einträge in der Statistik des Landeserdbebendienstes (LED). Zuletzt schüttelte sich die Erde in Kandern und Schelklingen etwas mehr. Dann ruckelt es ein wenig, bei stärkeren Beben zittern die Wände, vielleicht fällt irgendwo auch etwas um – und dann ist es auch schon wieder vorbei.
Erdbeben im Südwesten sind kein seltenes Phänomen: Baden-Württemberg ist das seismisch aktivste Bundesland Deutschlands. Durchschnittlich einmal pro Monat bebt die Erde hier spürbar. Die meisten dieser Erschütterungen sind aber harmlos, kaum mehr als ein kurzer Schrecken.
Doch die Region hat auch stärkere Beben erlebt – und Geologen schließen ein ernstes Ereignis für die Zukunft nicht aus. Höchste Zeit also, sich zu fragen: Wo bebt es besonders oft? Wann wird es wirklich gefährlich? Und was sollte man tun, wenn es passiert?
Wann hat es zuletzt spürbar gebebt?
Anfang März zitterte der Südwesten gleich zweimal innerhalb weniger Tage spürbar: Am 1. März bebte es bei Kippenheim im Ortenaukreis mit Stärke 2,5, am 3. März folgte ein Beben der Stärke 2,4 bei Tunsel im Breisgau-Hochschwarzwald. "Beide Erdbeben wurden von der Bevölkerung wahrgenommen", sagt Stefan Stange vom LED. Stärker war ein Beben im Dezember 2025 bei Dettingen unter Teck im Landkreis Esslingen – Magnitude 3,0, das stärkste des vergangenen Jahres im Land.
Kein Vergleich zu einer Bebenserie im Jahr 1356 in Basel. Mit einer Stärke von geschätzt über 6,5 war es das schwerste historisch belegte Erdbeben nördlich der Alpen.
Warum bebt es ausgerechnet hier so oft?
Baden-Württemberg ist das seismisch aktivste Bundesland Deutschlands – im weltweiten Vergleich gilt die Gefährdung aber nur als moderat. Der Grund für die vergleichsweise hohe Aktivität: Die afrikanische Platte schiebt sich gegen die eurasische, hebt dabei die Alpen an – und diese Kräfte wirken bis weit in den Südwesten hinein. "Wir liegen an der Kollisionszone der europäischen und afrikanischen Platte", sagt Geophysiker Joachim Ritter vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Entlang sogenannter Schwächezonen wie dem Oberrheingraben oder der Albstadt-Scherzone auf der Zollernalb entlädt sich diese Spannung immer wieder in Form von Erdbeben.
Wo liegen die Hotspots?
Besonders aktiv sind die Zollernalbregion, der südliche Oberrhein mit dem Südschwarzwald sowie der westliche Bodenseebereich. Allein 2025 entfielen 6 der 14 spürbaren Beben im Land auf den Landkreis Lörrach. Historisch gehören auch Albstadt und die Region um Waldkirch zu den erdbebengeplagten Gegenden.
Bebt es eigentlich häufiger als früher?
Gefühlt vielleicht – aber nein. "Man geht davon aus, dass sich die längerfristige Erdbebenaktivität nicht verändert hat", sagt LED-Experte Stange. Tatsächlich würden heute dank moderner Seismometer immer schwächere Beben registriert, die früher schlicht unentdeckt geblieben seien. Was also aussieht wie mehr Beben, sind natürliche Schwankungen – kein Trend. Dies liegt auch daran, dass die verursachenden tektonischen Spannungen praktisch konstant über lange Zeiträume sind.
Ab wann wird's gefährlich?
Leichte Erschütterungen spürt man ab etwa Magnitude 2,0 – dann können Wände zittern und Lampen schwingen. Erste Gebäudeschäden sind ab Stärke 4 möglich. "Alles darunter richtet eigentlich keine Schäden aus", sagt Ritter. Ernster wird es ab Stärke 5, dann drohen Risse, herabfallende Gebäudeteile oder Betriebsstörungen. Im Schnitt passiert das etwa einmal pro Jahrzehnt – zuletzt 2004 bei Waldkirch mit Magnitude 5,4. Ein Extremereignis wie das Basler Beben von 1356 ist selten – aber nicht ausgeschlossen.
Was ist für Baden-Württemberg zu erwarten?
Nach Einschätzung Ritters ist in Baden-Württemberg zwar immer mal wieder mit kleineren Erschütterungen zu rechnen. "Aber es werden sicher keine Gebäude einstürzen", sagt er. Dafür gebe es Baugenehmigungen, die auf die Regionen zugeschnitten seien. "Wegen dieser Vorschriften halte ich es für ausgeschlossen, dass in Baden-Württemberg Menschen in Gebäuden durch ein Erdbeben zu Schaden kommen können."
Wie erkenne ich ein Erdbeben?
Typisch sind ein plötzliches Rucken oder Grollen, manchmal ein knallartiger Laut, gefolgt von kurzem Zittern von Möbeln, Wänden oder Lampen. In oberen Stockwerken wirken Erschütterungen oft stärker als im Erdgeschoss. Wer unsicher ist: Der LED veröffentlicht alle bekannten Beben auf seiner Website – und nimmt Meldungen per E-Mail entgegen.
Was tun, wenn es bebt?
"Rausrennen ist die falsche Reaktion", warnt Ritter. Denn herabfallende Dachziegel, Fassadenteile oder Glas sind draußen die größte Gefahr. Drinnen gilt: Schutz unter einem stabilen Tisch suchen, Abstand zu Fenstern und hohen Möbeln halten, Aufzüge meiden. Nach dem Beben Radio einschalten – und den Notruf wirklich nur bei echten Notfällen nutzen. Beim Waldkircher Beben 2004 war die Leitung über 90 Minuten blockiert, weil Neugierige die Polizei anriefen.
Was kann ich vorsorglich tun?
Es ist grundsätzlich immer eine gute Idee, Schränke und Regale an der Wand zu befestigen sowie schwere Gegenstände nicht über Betten oder Sitzplätzen zu lagern. Taschenlampe und batteriebetriebenes Radio sollten griffbereit gehalten werden. Und wer baut oder saniert: Das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen bietet eine Broschüre zum erdbebensicheren Bauen – die Vorschriften einzuhalten ist die wichtigste Schutzmaßnahme überhaupt.