Unfall am Stuttgarter Olgaeck
"Hätte nicht fahren dürfen": Prozess nach tödlichem Unfall

Der Angeklagte hat im Prozess um einen tödlichen Unfall eingeräumt, am Tag vor der Fahrt Kokain konsumiert zu haben. Foto: Marij
Der Angeklagte hat im Prozess um einen tödlichen Unfall eingeräumt, am Tag vor der Fahrt Kokain konsumiert zu haben. Foto
© Marijan Murat/dpa

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Mit seinem Geländewagen kommt ein Mann mitten in Stuttgart von der Straße ab und fährt in eine Menschengruppe. Im Prozess räumt er ein: Er hätte an dem Tag nie in ein Auto steigen dürfen.

Es sind chaotische Szenen, die sich an einem lauen Frühlingsabend Anfang Mai an der Stadtbahnhaltestelle Olgaeck in Stuttgart abspielen. Polizeibeamte berichten von Verletzten, die wegen Schmerzen schreien, von weinenden Kindern. Eine 46 Jahre alte Frau ist so schwer verletzt, dass sie noch vor Ort reanimiert wird und später im Krankenhaus stirbt. 

Kurz zuvor ist an der belebten Haltestelle in der Stuttgarter Innenstadt ein Auto von der Straße abgekommen und in eine Menschengruppe gefahren. Recht schnell ist klar: Es handelt sich um einen Unfall, nicht um einen Anschlag. 

Gut ein Jahr später hat nun der Prozess gegen den 43 Jahre alten Fahrer des Geländewagens begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann in ihrer Anklage fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung in acht Fällen sowie fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs vor. Sie geht davon aus, dass er zum Unfallzeitpunkt wegen Drogen- und Arzneimittelkonsums fahruntüchtig gewesen sei.

46-Jährige stirbt, acht weitere Menschen werden verletzt

Der 43-Jährige sei Anfang Mai im Bereich der Straßenbahnhaltestelle Olgaeck nahe der Stuttgarter Innenstadt mit seinem Geländewagen von der Fahrbahn abgekommen und in den Fußgängerbereich vor der Haltestelle gefahren, sagte der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklage. Eine 46 Jahre alte Frau kam ums Leben, acht weitere Fußgänger wurden teils schwer verletzt.

An den konkreten Ablauf des Unfalls kann sich der Mann eigenen Angaben zufolge nicht mehr erinnern. "Das Gehirn hat diese Sekunden gelöscht." Seine Erinnerung setze erst wieder an dem Moment ein, nachdem er die Fußgänger erfasst habe. 

Was im Prozess klar wird: Erst eine Art Kurzschlussreaktion des Fahrers hat wohl zum Tod der Frau geführt. Diese habe, als das Fahrzeug an der Treppe zur Haltestelle zum Stehen kam, hinter dem Vorderrad des Geländewagens gelegen, berichtete der Polizeibeamte, der den Unfall bearbeitet hat. Dann legte der Angeklagte den Rückwärtsgang ein und überrollte die 46-Jährige. Eine Obduktion habe später gezeigt, dass die Rückfahrbewegung die tödlichen Verletzungen verursacht habe, so der Beamte.

Angeklagter spricht von Panik nach Unfall

Der Angeklagte erklärt sich sein Verhalten mit Panik. Er sei mit seinem Auto auf einem Fußgängerweg gelandet und habe das Gefühl gehabt, er müsse unbedingt zurücksetzen, damit er wieder auf die Straße zurückkomme. Hätte er gewusst, dass sein Zurücksetzen den Tod der Frau bedeutet hätte, hätte er das niemals gemacht, sagte er. Im Rückblick wäre die einzig richtige Entscheidung gewesen, auszusteigen und zu schauen, wo die Verletzten sind. Das sei ihm nicht möglich gewesen, er sei in Panik geraten.

Im Prozess räumt der Mann auch ein, dass er an dem Tag nicht in der Verfassung gewesen sei, ein Fahrzeug zu führen. Er habe am Vortag Kokain und Schlafmittel konsumiert. "Ich hätte nicht fahren dürfen", sagte der 43-Jährige vor dem Amtsgericht. 

Er hätte erkennen müssen, dass er nach dem vorangegangenen Betäubungsmittelkonsum nicht am Straßenverkehr hätte teilnehmen dürfen, sagte der Angeklagte. Er sei nicht davon ausgegangen, dass die Substanzen am Folgetag noch immer Wirkung entfalteten. In dieser falschen Annahme habe er sich ans Steuer gesetzt. Hätte er Zweifel an seiner Fahrtauglichkeit gehabt, hätte er auch nie seinen fünfjährigen Sohn mit ins Auto gesetzt. Sein Führerschein wurde noch in der Nacht des Unfalls eingezogen.

Die Angehörigen der Opfer bat der Angeklagte im Verfahren um Entschuldigung. Ihm sei aber klar, dass er darauf keinen Anspruch habe. Er trage die Verantwortung für das Geschehen. "Ich habe diesen Unfall nie gewollt." Er habe niemandem das Leben nehmen wollen - das ändere aber nichts daran, dass er die Ursache dafür gesetzt habe. 

Keine Drogen seit dem Unfall

Er zeigte sich tief betroffen von dem Unfall, sprach von einem "Tiefpunkt seines Lebens". Als er die Angehörigen während seiner Erklärung anschaut, bricht ihm immer wieder die Stimme, mehrfach wischt er sich über die Augen.

Mit Blick auf seinen Drogenkonsum zeigte sich der Mann geläutert. Seit dem Tag des Unfalls stehe für ihn fest, dass er nie wieder Drogen nehmen wolle. Er sei seither abstinent, gehe regelmäßig zur Therapie und lasse regelmäßig Haarproben auf Drogenrückstände kontrollieren. 

Details zu seinem Konsum nannte er aber nicht – auch weil die Staatsanwaltschaft ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen den Mann wegen Betäubungsmitteldelikten führt. Wenn er sich nun zu Details äußere, könne das in diesem Verfahren gegen ihn verwendet werden, so der Angeklagte. Seinen Konsum begründete er in einer langen Erklärung mit privaten und beruflichen Belastungen, es sei ihm um die Betäubung von Einsamkeit, Schmerz und innerer Leere gegangen, sagte der Mann. Heute stünden Drogen dagegen für ihn für Verlust, Schmerz, Schuld und Zerstörung.

dpa