Noch ist es ruhig auf dem Domgelände. Eine Stunde bevor die Fahrgeschäfte ihre Geräte hochfahren und in den vielen Essensbuden Bratwurst und Zuckerwatte auf dem Hamburger Dom verkauft werden, öffnet der Schulwagen um 14 Uhr seine Türen. Versteckt zwischen Achterbahn und gebrannten Mandeln machen die Kinder der Schausteller hier ihre Hausaufgaben.
Orlando sitzt an einem Holztisch am Fenster und beschäftigt sich mit Mathe-Aufgaben. Der Geräuschpegel auf dem Rummel mache dem zehnjährigen Viertklässler nichts aus, sagt er. "Das ist irgendwie Gewohnheit geworden. Also die bunten Lichter, wenn ich schlafen gehe und die laute Musik." Da Orlandos Stammschule, also dort, wo er regulär zur Schule geht, in Niedersachsen liegt, hat er eigentlich gerade Schulferien. Um für anstehende Prüfungen zu lernen, kommt er aber trotzdem regelmäßig für eine Stunde am Tag in den Schulwagen.
Ergänzung zu normalem Schulunterricht
Die Hausaufgabenhilfe im Schulwagen sei kein Ersatz für regulären Schulunterricht, sondern lediglich eine Ergänzung, sagt Nico Weiß. Er ist selbst Schausteller, betreibt eine Zuckerbude mit gebrannten Mandeln, und ist verantwortlich für den Schulwagen. Gestaffelt nach Stufe kommen die Kinder und Jugendlichen nachmittags nach Ende ihres regulären Unterrichts in den Schulwagen. Insgesamt seien es etwa 25, sagt Weiß.
Den eigentlichen Unterricht absolvieren sie jeweils in ganz normalen Schulen jener Stadt, in denen ihre Eltern gerade gastieren. In einem Online-Tool, welches besonders für reisende Kinder entwickelt wurde, schreiben die Lehrerinnen und Lehrer der Hamburger Schulen, in denen die Kinder während der Dom-Zeit den Vormittagsunterricht besuchen, auf, was die Kinder gemacht haben, damit die Lehrkräfte in den jeweiligen Stammschulen Bescheid wissen.
Knapp 25.000 Kosten für Schulwagen
Für den Wagen haben die Schausteller zusammengelegt: Knapp 25.000 Euro habe er gekostet, sagt Weiß. Seit acht Jahren steht der Wagen, der in Holland gebaut wurde, nun jedes Jahr auf dem Dom-Gelände auf dem Heiligengeistfeld neben dem St. Pauli-Stadion. Die Hamburger Schulbehörde stellt sogenannte Bereichslehrer für das Projekt. Das sind Lehrer und Lehrerinnen, die beruflich reisende Kinder unterrichten, also beispielsweise auch Kinder von Menschen, die im Zirkus arbeiten und viel umherreisen. Hinzu kommt ein Pädagogen-Team des Lernwerks.
Der Betrieb des Wagens wird durch Spenden der Schausteller selbst finanziert. Standkosten gibt es nicht, da der Wagen in der zweiten Reihe hinter den Geschäften steht.
Freiwilliges Angebot wird gut angenommen
Das Angebot des Schulwagens sei eine große Erleichterung für die Eltern, sagt Weiß. "Wir müssen ja arbeiten in unseren Geschäften, da ist das manchmal schwierig, sich zu kümmern. Mit dem Wagen ist das klasse, da haben wir Top-Leute, die sich um die Kinder kümmern, die werden super betreut. Die Kinder gehen hier gerne hin."
Besonders von den Kindern im Grundschulalter seien alle "Dom-Kinder", wie sie hier genannt werden, hier, sagt Weiß. Die Kinder und Jugendlichen aus den älteren Stufen kommen seltener, da sie oft bis nachmittags Schule haben oder in ihren Wohnorten zur Schule gehen und dort während der Abwesenheit der Eltern beispielsweise bei den Großeltern wohnen.
Kinder fahren überall kostenlos
Das Dom-Gelände sei ein Riesenspielplatz für die Kinder, sagt Weiß. Sie dürfen in allen Fahrgeschäften kostenlos fahren oder essen. "Das ist so gang und gäbe bei uns, man kennt sich eben." Viele der Kinder helfen ab und zu auch in den Geschäften ihrer Eltern mit. Vielen mache das Spaß, sagt Weiß.
Dennoch: Das Leben als Dom-Kind sei auch manchmal ziemlich anstrengend, sagt Orlando. Er träume davon, einmal in einem Haus zu wohnen, "wie normale Kinder". Wie die meisten Schausteller-Familien lebt Orlando mit seinen Eltern und drei Geschwistern in einem Wohnwagen.
Die zehnjährige Melody kommt ebenfalls immer nach dem regulären Unterricht in den Schulwagen. Danach zieht sie gerne mit ihren Freunden über das Dom-Gelände. Am liebsten fährt sie in der Achterbahn mit fünf Loopings. Im Schießwagen ihrer Eltern helfe sie auch oft mit, sagt sie. Das sei auch gut zum Kopfrechnen lernen. Manchmal nerve es, dass es so laut ist auf dem Dom. "Aber es ist cool, dass wir Kinder einfach so alles fahren dürfen."
Langsam wird es laut auf dem Gelände. Die Musik der Fahrgeschäfte ertönt und die ersten Waggons auf der Achterbahn rumpeln über die Gleise: Es ist 15 Uhr und der Dom öffnet wieder seine Tore. Die Schulkinder klappen ihre Hausaufgabenhefte zu und verschwinden in die vielen Wagen und Buden ihrer Eltern.