Es ist jedes Jahr wieder ein Spektakel, wenn 90 bis 100 Schwäne schnatternd und flügelschlagend ihr Winterquartier verlassen und sich auf der Alster und ihren Nebengewässern breit machen. In diesem Jahr sind die Tiere deutlich später dran. Eigentlich paddeln sie sonst im März oder April schon draußen herum. Die Verzögerung hat einen wichtigen Grund.
Warum kommen die Schwäne so viel später als sonst auf die Alster?
Der Grund dafür ist das bis noch wenigen Wochen grassierende Vogelgrippe-Virus. "Wir hatten gerade zahlreiche Verluste unter den Gänsen. Wenn da die Schwäne draußen gewesen wären, wären die davon auch betroffen", sagt Hamburgs Schwanenvater Olaf Nieß dazu. Er ist der Chef des sogenannten Hamburger Schwanenwesens. Vor ihm war sein Vater der Schwanenvater.
Was ist das denn?
Das Hamburger Schwanenwesen gilt als die älteste Dienststelle Hamburgs. Sie wurde 1674 eingeführt - und damit auch das Amt des Schwanenvaters. Diese Dienststelle kümmert sich aber längst nicht nur um die Schwäne auf Hamburgs Gewässern rund um die Alster. Im Gegenteil: Zum Alltag des bis zu 15-köpfigen Teams gehören Rettungen von Wildtieren jeder Art - von der Robbe über den Adler bis hin zum Gänseküken. 2025 waren Nieß und sein Team mehr als 1.700 Mal ausgerückt.
Aber warum eine Dienststelle für Schwäne, die doch bestimmt auch ohne sie da wären?
Die Alsterschwäne sind seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen Hamburgs - sie gelten als Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit der Hansestadt. Die Schwäne werden deshalb schon mindestens genauso lange in der Hansestadt gehegt und gepflegt. "Diese jahrhundertealte Tradition geht bis ins elfte Jahrhundert zurück. Dadurch ist Hamburg intensiv mit den Tieren verbunden und übernimmt den Schutz der Tiere", sagt Nieß dazu. Und dazu gehört eben auch die Versorgung im Winter.
Und weil das mit Blick auf die Alster und ihr kilometerlanges Kanalsystem enorm viel Aufwand wäre, werden die Schwäne einfach zu Beginn des Winters eingesammelt und im Winterquartier versorgt. Das hat in Jahren, in denen die Vogelgrippe umgeht, den Vorteil, dass die Tiere vor dem Virus geschützt sind. Und in harten Wintern, wenn die Gewässer und auch die Alster zugefroren sind, ist eine zentrale Versorgung auch sinnvoller.
Stimmt es, dass die Tiere gar nicht wegfliegen können?
Ja, das stimmt zum Teil. Denn das Hamburger Schwanenwesen ist quasi auch eine Schwanenauffangstation. "Wir nehmen auch die Tiere anderer Bundesländer und teilweise auch von weiter weg, wenn sie voll lebensfähig sind, aber nicht mehr fliegen können." Gründe dafür können Verkehrsunfälle, Kollisionen mit Hochspannungsleitungen oder ähnliches sein. Die sind dann teilweise amputiert.
Zur Gruppe gehören immer aber auch Schwäne, die noch fliegen können. "Wir haben einen Mischbestand. Es gibt da auch welche, die völlig frei umher fliegen können." Es komme auch vor, dass Tiere aus anderen Orten zur Gruppe hinzustoßen. Und das sei auch durchaus in Ordnung. "Das ist ja auch ein Vorteil, wenn von außen neue Tiere dazu kommen. Und die können ja alle frei ihre Entscheidung treffen, ob sie bleiben oder wegfliegen wollen."
Und was genau ist eigentlich ein Winterquartier für die Alsterschwäne?
Normalerweise überwintern die Tiere am und im Eppendorfer Mühlenteich. Das ist ein kleines Gewässer rund drei, vier Kilometer nördlich der Außenalster. Es ist mit der Außenalster verbunden und rund 300 bis 400 Meter lang. Dort ist auch der Sitz des Schwanenwesens.
Weil dort aber gerade neu gebaut wird, waren sie diesen Winter im Stadtteil Ohlsdorf, in der Wildtierstation des Schwanenwesens, untergebracht. Wenn die Vogelgrippe grassiert, werden sie zum Schutz vor dem Virus überdacht und abgeschirmt untergebracht, ansonsten können sie im Winter im Teich schwimmen.
Wie viele Schwäne gehören denn zum Team Alsterschwäne?
2023 hatte ein Bakterium und die Vogelgrippe den Bestand von rund 120 Tieren deutlich minimiert, seitdem wächst er langsam - auch dank der Zeit im Winterquartier. "Aktuell haben wir etwa 100 im Bestand", sagt Nieß. "Wir nähern uns langsam dem, was wir als Ursprungsbestand hatten, bevor wir den Volltreffer hatten." Am Dienstagmittag werden etwa 90 Tiere auf die Alster, ihre Nebenflüsse und Kanäle entlassen und dürfen sich ihre Brutplätze für die Saison suchen.
Kann der späte Start die Brutsaison negativ beeinflussen?
Darauf hat Schwanenvater Nieß keine eindeutige Antwort. "Wir können es nicht beurteilen. Vieles verändert sich in der Natur. Generell ist die Brut zuletzt wesentlich später gestartet. Wir hoffen, dass wir jetzt gut in der Zeit liegen." Im Winterquartier habe auf jeden Fall noch keines der Paare mit dem Brüten begonnen.