Kürzlich stand ich an einem Sonntag frühmorgens am Straßenrand, hielt eine Plastik-Ratsche in den strahlenden Frühlingshimmel und brüllte irgendwelche Vornamen. „Jaaa, Lothar!“, „Marlene, juchu!“, „Go, Hugo!“. Es war Marathon in Hamburg. 20.000 Läufer, rund 300.000 Zuschauer – ich war längst nicht die Einzige, die sich leicht bescheuert benahm. Wieso will man sonntags früh schwitzende Fremde anfeuern?
Normalerweise renne ich vor Menschenmassen weg. Enge und Gedränge bitte ohne mich. Der Marathon aber ist jedes Jahr die Ausnahme. Da stehe ich in der Masse und schaue zu, wie Massen vorbeirennen. Warum eigentlich? Die sportlichen Leistungen interessieren mich in Wahrheit wenig. Ob 42 Kilometer bewältigt werden oder 37 oder zwölf, ist mir Wurst. Wer gewinnt, auch. Nein, was mich anzieht wie den Läufer die nächste Verpflegungsstation, ist dies: Ich lese wahllos Vornamen von den Startnummern ab, die die Läufer an ihre Shirts geheftet haben, stachele diese Unbekannten zum Durchhalten an und warte, was passiert.
Das Gefühl der Woche: Fremdenfreude
Das Schöne ist, dass man nie wissen kann, wer wie reagiert. Irgendein Emil glotzt nur durch mich durch. Sabrina würde bestimmt lächeln, wenn sie noch könnte. Aber Maxima (wie könnte sie anders heißen?) hört das irre Rattern meiner Ratsche, quert extra dafür die Bahn und klatscht mich mit schweißnasser Hand ab. Riesengrinsen auf beiden Seiten. Genauso Sepp, der auf meine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung – „Du bist super, Sepp!“ – gellend zurückbrüllt: „Selber!“
Marathon-Läufer gibt es in allen Größen, Breiten, Farben und Altersklassen, man kann anhand von Äußerlichkeiten kaum sehen, wer durchhalten und wer zusammenbrechen wird. Auch das gefällt mir: Da pusht ein sommersprossiger Dietmar an Kilometer 35 lässig seinen Schwabbelbauch vorbei, während ein muskelbepackter Florian nur noch schrittchenweise humpeln kann. Sympathisch sind sie mir in dem Moment alle. Vielleicht liegt genau darin der Zauber: Dass ich mich diesen Unbekannten einen Wimpernschlag lang verbunden fühle und mir einbilden darf, dass mein Gebrüll sie voranbringt, wenn auch nur ein paar Meter weit.
Was bin ich also, ein Fan? Die Psychologie des Fan-Seins ist beim Fußball gut erforscht: Menschen erleben die Identifikation mit einem Verein oder einem Spieler als bereichernd, weil sie sich zugehörig fühlen und weil die Emotionen so schön klar geregelt sind: Jubel und Freude, wenn der BVB oder der FC St. Pauli oder Was-weiß-ich-wer siegt. Trauer und Tränen, wenn er verliert.
Hamburg-Marathon für Kinder – United Nations auf kurzen Beinen
In meinem Fall ist das Fan-Sein eine Nummer kleiner, denke ich. Ich habe einfach Fremdenfreude, spontan und zufällig. Apropos „kleiner“: Am Samstag vor dem Marathon findet seit Jahrzehnten das „Zehntel“ statt, ein Lauf von 4,2 Kilometern für Kinder ab sechs Jahren. Dieses Jahr rannten rund 12.000 Knirpse die große Runde um den Innenstadtpark „Planten un Blomen".
Auch hier kommen alle Formen und Farben vor, da laufen Nikolai-Friedhelm und Alma-Amalia, Shazad, Fritz, Xoel, Ole und Abiba – United Nations auf kurzen Beinen. Manche laufen an der Hand eines Betreuers, weil sie blind sind oder das Down-Syndrom haben, andere hecheln mit fliegenden Armen im Rollstuhl vorbei, „Los, Jacoba, gib Gas!“ Die allerletzte in diesem Jahr ist Amy, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Türkisfarbener Sportanzug, blonde Zöpfe, Bäuchlein. Hinter ihr fährt der Besenwagen langsamer als Schritttempo, aber Amy kämpft, lässt sich alle Zeit der Welt, und wir am Rand flippen fast aus über dieses Mädchen, das zu sagen scheint: Ich bin die Letzte. Und stolz drauf. „Go, Amy!“, schallt es von allen Seiten, und wir klatschen, „Du schaffst das, Süße!“, „Yeah, Amy, du bist super!“. Auch hier wieder: Riesenlächeln auf beiden Seiten.
Wäre das nicht wunderbar, denke ich, wenn sich diese Fremdenfreude auch außerhalb von Marathons ausbreiten würde? Morgens zum Busfahrer: „Super, wie Sie die Linie 25 lenken, so gekonnt an der unübersichtlichen Baustelle!“ Oder zu der Radlerin, die eigentlich Vorfahrt hat, aber geduldig alle vorbeilässt: „Die Letzten werden die Ersten sein“, Daumen hoch. Neulich sah ich eine junge Frau, deren Regenschirm farblich und im Muster perfekt zu ihrer Hose passte, und hätte gern etwas gesagt wie: „Ein Look für Fortgeschrittene, total hübsch!“ Ich werde das üben. Man wird mich für bescheuert halten.
Der Sticker der Woche...
… klebt an einem Ampelmast an der Willy-Brandt-Straße nahe der Hamburger Innenstadt und will sagen: Demokratie ist, genau wie ein Marathon, kein Zuschauersport. Für ein siegreiches Finish aller Teilnehmer hilft es sehr, auch mal begeistert zu jubeln.
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