Kolumne: Gefühl der Woche
Körper? Total platt. Aber die Psyche ist so aufrecht wie selten

Bis zur Erschöpfung: Montage zeigt Helen Bömelburg vor drei aufeinander gestapelten Kartons
Wohlfühl-Erschöpfung: Wer ordentlich Gewicht auf die Arme bringt, fühlt sich hinterher umso leichter im Kopf
© stern-Montage: Fotos: Jana Mai; Adobe Stock

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Rennen, radeln, dann noch Kisten schleppen: Unsere Autorin entdeckt den Zauber der körperlichen Total-Erschöpfung.

Es war beim dritten Karton, den ich über die Straße wuchtete, als mir die Arme schlapp und die Knie weich wurden. Verdammt, dachte ich, wieso habe ich keine Sackkarre besorgt, wieso lasse ich das Zeug nicht abholen? Und wo, bitte, ist eigentlich der Ehemann, wenn man ihn braucht?! 

Es folgten Karton Nummer vier und fünf, beide jeweils so schwer wie mein spargeliger Neunjähriger, also knapp über 20 Kilo. Zwei Etagen runtertragen, über die Kreuzung, nach 150 Metern abbiegen, Treppe runter und rein in den DHL-Kiosk. Sie ahnen es: Ich habe Bücher ausgemistet und an Antiquariate und Second-Hand-Händler verkauft. Der Ertrag fürs Konto ist mickrig, der fürs Wohlbefinden erstaunlich groß.

Und das lag nicht am vielen neuen Platz in den Regalen und auch nicht an der Zufriedenheit, endlich mal etwas richtig aufgeräumt zu haben. Es lag an der totalen Erschöpfung, die ausnahmsweise nur meinen Körper erfasst hatte und sonst nichts. 

Das Gefühl der Woche: Wohlfühl-Erschöpfung

Wir alle fühlen uns häufig erschöpft, müde, ausgelaugt. Meistens sind das aber Erschöpfungszustände, die sich nur in Kopf, Geist und Seele abspielen: die mentale Erschöpfung (zu viel Arbeit, zu große Sorgen), die emotionale Erschöpfung (Gereiztheit, Zynismus, innere Leere), die soziale Erschöpfung (Genervtsein von Freunden und Familie). Digital sind wir auch voll erschöpft (zu viele Infos, zu viele Reize). Armer, armer Kopf. 

Gut also, wenn der Körper richtig ranmuss: Vor dem Kistenschleppen war ich frühmorgens meine übliche Runde gejoggt, radelte dann zu einem Termin, dann weiter ins Büro, dann noch ein Termin am anderen Ende der Stadt – bis zum Abend waren das gut 25 Kilometer. Mit nur drei Gängen und einer Fahrradkette, die dringend geölt werden müsste (wo ist eigentlich der Ehemann, wenn man ihn braucht …?). Jedenfalls bewirkte dieser zufällige Triathlon aus Rennen, Radeln und Kistenschleppen bei mir die reinste Wohlfühl-Erschöpfung. Halleluja, war ich platt! Der Körper sinkt nieder, die Psyche aber ist so aufrecht wie selten. Ich schlief wie ein Stein.

Man sollte das öfter machen, mir fallen da so einige Triathlons für herrliche Erschöpfungszustände ein: Schwimmen, in den 6. Stock ohne Aufzug und wieder runter, Fenster putzen. Oder: Auto waschen, Getränkekisten schleppen, Rasen mähen. Kinder herumtragen, Hochbett bauen, Keller aufräumen…   

Das Ganze hat natürlich längst einen wissenschaftlichen Namen, es heißt Non-Exercise Activity Thermogenesis, kurz: NEAT. Gemeint ist der Kalorienverbrauch ohne Sport, allein durch Alltagsbewegungen. Wer 500 bis 1000 Kalorien pro Tag mit NEAT verbrennt, hat einen gesunden Körper, der wiederum positiv auf die Psyche wirkt. 

Ich habe keine Ahnung, wo mein NEAT-Wert an diesem Tag lag, die Wohlfühl-Erschöpfung war jedenfalls enorm und steigerte sich noch, als ich das Abendessen sah: Ratatouille, Grillwürstchen, Grauburgunder (ach, da ist der Mann, wenn man ihn braucht!).

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© Helen Bömelburg

Der Sticker der Woche...

…ist eine mit Kreide geschriebene Botschaft im Hamburger Park „Meenk-Wiesen“, die sagen will: Genug gerannt. Jenseits dieser Linie wartet die Wohlfühl-Erschöpfung.

 

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