Die geplante Schließung mehrerer Produktionsstandorte des Impfstoffherstellers Biontech kostet in Marburg rund 540 Arbeitsplätze. Der Abbau solle sozialverträglich ablaufen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Biontech hatte die Einschnitte mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kosteneinsparungen begründet.
Das Werk in Marburg war 2021 während der Corona-Pandemie eröffnet worden, bis heute wird dort der Covid-19-Impfstoff hergestellt, mit dem Biontech einst Milliarden verdient hatte. Noch in diesem Jahr solle die letzte Charge in dem mittelhessischen Werk gefertigt werden, danach stehe noch der Rückbau an, sagte die Sprecherin. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und lote auch Verkaufsoptionen aus.
Sozialplan und Betroffenenprogramm für Beschäftigte
Der Stellenabbau soll über einen Sozialplan sowie ein sogenanntes Betroffenenprogramm erfolgen. Zudem hätten betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch die Möglichkeit, sich innerhalb des Unternehmens auf offene Stellen zu bewerben.
Biontech hatte das Werk, das sich auf dem Gelände der historischen Behringwerke in Marburg befindet, vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und Millionen in den Standort investiert. Die angekündigte Schließung ist nicht die einzige Hiobsbotschaft in der Branche in Marburg: Das Unternehmen CSL will neben der Einstellung der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in der mittelhessischen Stadt auch Einschnitte in der Produktion vornehmen.
Fast 1.900 Jobs bei Biontech könnten betroffen sein
Neben Marburg sind von den Plänen auch die Produktionsstandorte in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz und Singapur sowie Standorte vom übernommenen Konkurrenten Curevac betroffen. Bis zu 1.860 Stellen könnten von den Maßnahmen betroffen sein, hatte das Management angekündigt.
Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro
Geplant ist, die Standorte in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen bis Ende 2027 zu schließen. Der Betrieb in Singapur soll voraussichtlich im ersten Quartal 2027 eingestellt werden. Geplant sei ein partieller oder vollständiger Verkauf.
Das Biopharma-Unternehmen rechnet nach vollständiger Umsetzung der Maßnahmen im Jahr 2029 mit wiederkehrenden jährlichen Einsparungen von bis zu rund 500 Millionen Euro. Die Mittel sollen für die Forschung, Entwicklung und Markteinführung von Medikamenten gegen Krebs eingesetzt werden.
Betriebsräte und Gewerkschaft entsetzt
Die Betriebsräte der betroffenen Standorte sprachen nach der Bekanntgabe der geplanten Werkschließungen von inakzeptablen und verantwortungslosen Plänen des Managements. Die Arbeitnehmervertreter kündigten entschiedenen Widerstand der Beschäftigten an. Die Betriebsräte äußerten die Hoffnung, dass die angedrohte Stilllegung der Werke durch den Verkauf an einen Investor verhindert werden könnte.
Die Gewerkschaft IG BCE kritisierte "den geplanten Kahlschlag". Im Konzern hätten offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen, sagte der Leiter des Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. "Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland."
Nicht der erste Stellenabbau
Es ist nicht der erste Jobabbau bei Biontech. Nachdem das Unternehmen 2024 mit Millionen in die roten Zahlen gerutscht war, wurde ein Stellenabbau über drei Jahre bis Ende 2027 angekündigt. Es sollte 950 bis 1.350 Vollzeitäquivalente weniger in Europa und Nordamerika geben. Zum Zeitpunkt der Ankündigung kam das Biopharma-Unternehmen nach eigenen Angaben global auf etwa 7.200 Beschäftigte.
Betroffen von den Plänen waren damals schon die Standorte in Marburg und Idar-Oberstein. Als Begründung nannte das Management vor rund einem Jahr die geringere Nachfrage nach dem Covid-Impfstoff.
Im ersten Quartal verbuchte Biontech einen zurückgehenden Umsatz. Die Erlöse lagen bei 118,1 Millionen nach 182,8 Millionen Euro in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Der Rückgang sei vor allem auf niedrigere Umsätze mit den Covid‑19-Impfstoffen zurückzuführen.
Der Nettoverlust stieg an und betrug den Angaben zufolge 531,9 Millionen Euro. Im ersten Quartal des Vorjahres lag der Wert bei 415,8 Millionen Euro. Als Grund für die Entwicklung nannten die Mainzer höhere Kosten für die Entwicklung von Programmen für die Immunonkologie.
Herstellung von Covid-19-Impfstoff vollständig bei Pfizer
Angesichts der hohen Entwicklungskosten hatte Biontech bereits das Vorjahr mit einem Milliardenverlust abgeschlossen. Für dieses Jahr rechnet Biontech sowohl auf dem europäischen als auch auf dem US-amerikanischen Markt mit geringeren Umsätzen aus dem Geschäft mit Covid-19-Impfstoffen.
Für die Impfsaison 2026/27 werde die Entwicklung eines an Varianten angepassten Covid-19-Impfstoffs vorbereitet. Biontech kündigte an, dass die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs künftig vollständig von den Pfizer-Standorten in Europa und Amerika abgedeckt werde.
Weltweiter Erfolg in der Corona-Pandemie
In der Corona-Pandemie war Biontech weltbekannt geworden, weil das Unternehmen gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer die erste Marktzulassung für einen Impfstoff gegen Covid-19 bekam. Dieser spülte in der Folge Milliardengewinne in die Kassen der Mainzer.
Für 2026 erwartet das Unternehmen, dessen Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci spätestens Ende dieses Jahres ausscheiden werden, Erlöse zwischen 2,0 Milliarden und 2,3 Milliarden Euro.
Onkologie im Fokus
Das Biopharma-Unternehmen entwickelt Medikamente auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten. Grob gesagt soll mittels mRNA dem Immunsystem der Patientin oder des Patienten geholfen werden, Krebszellen anhand bestimmter Merkmale zu erkennen und zu zerstören.