Mal schnodderig und nuschelig, mal gemütlich und bisweilen rustikal - so klingt der hessische Dialekt für viele Menschen in- und außerhalb des Bundeslandes. Doch das Hessische schlechthin gibt es eigentlich gar nicht, wie der Sprachwissenschaftler und Dialektforscher Alfred Lameli vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Marburger Philipps-Universität sagt. Das Charakteristische am Hessischen sei seine Vielfalt - selbst von Dorf zu Dorf klinge die Mundart unterschiedlich.
Drei Projekte und eine Band mit Mundartpreis ausgezeichnet
Davon zeugt auch der Hessische Mundartpreis, der am Abend im Marburger Lokschuppen verliehen wurde. Einer der beiden Hauptpreise ging an das Projekt "Es woar emol - Märchen in Südhessischer Mundart". Bekannte Märchen werden als Hörbücher und zweisprachige Begleitbücher neu gestaltet und eingesprochen. Mit einem weiteren Hauptpreis wurde der Arbeitskreis Mardorfer Dorfgeschichte geehrt, der den lokalen Dialekt mit Formaten wie Plattschwätz-Nachmittagen, einer informativen Homepage und anschaulichen Materialien bewahre, wie das hessische Heimatministerium mitteilte.
Einen Sonderpreis erhielten die Dark Vatter Combo, die sei 2010 Rockabilly, Country, Soul und Blues mit Texten auf Kasselänerisch verbinde. Das Schulprojekt "Vom Blaasderschesser bis zum Walfischfänger" wurde von der Jury mit einem weiteren Sonderpreis bedacht - es dokumentiert historische Uznamen - also Spitznamen - aus Lauterbach und bereitet sie mit Audioaufnahmen und KI-gestützten Videos für einen YouTube-Kanal auf.
Für die zweite Auflage des mit insgesamt 8.000 Euro dotierten Hessischen Mundart-Preises waren fast 100 Bewerbungen aus allen Teilen Hessens eingegangen. "Es ist toll zu sehen – und noch mehr zu hören –, wie lebendig unsere hessischen Dialekte sind und mit welcher Kreativität sie in ganz Hessen gebraucht werden", erklärte Heimatminister Ingmar Jung (CDU).
Zwei Sprachräume bestimmen hessische Dialekte
Die großen regionalen Unterschiede beruhen auf historischen und sprachlichen Entwicklungsprozessen, aber auch auf der geografischen Lage Hessens mitten in Deutschland, sagt Lameli. Im heutigen Hessen träfen die beiden großen Sprachräume des Niederdeutschen aus dem Norden Deutschlands und des Hochdeutschen aus südlichen Regionen aufeinander, das wiederum in das Mittel- und Oberdeutsche untergliedert sei. Das prägt auch die hessische Mundart: Während sie in nördlichen Landesteilen eher niederdeutsch klinge und den germanischen Dialekten ähnele, habe sich das Hessische weiter südlich im Laufe der Zeit an das Hochdeutsche angeglichen. Hinzu kamen Einflüsse aus anderen Sprachen wie dem Jiddischen oder Französischen.
Tempo der Sprachentwicklung regional unterschiedlich
Auch die Urbanisierung habe stark zur unterschiedlichen Entwicklung der Dialekte beigetragen, sagt der Sprachwissenschaftler. In eher ländlichen Regionen wie dem Lahn-Dill-Kreis etwa, der für seinen ausgeprägten R-Laut bekannt ist, hielten sich sprachliche Phänomene stabiler als im städtischen Rhein-Main-Gebiet. Deutlich zu beobachten sei aber überall, dass viele Menschen ihren jeweiligen Dialekt eher im privaten Umfeld anwenden als am Arbeitsplatz und in der Schule. Dort werde meist eine Standardsprache gesprochen.
Das war in früheren Zeiten nicht so, wie Lameli verdeutlicht. Jahrhundertelang sei die Landwirtschaft das größte Arbeitsfeld gewesen, daher habe sich im jeweiligen Dorf das gesamte Leben abgespielt. Mehr Vielfalt im Arbeitsleben habe später auch zu neuen Kommunikationssituationen geführt - "in denen man darauf angewiesen ist, auch überregional verstehbar zu sein", so Lameli.
Mundart-Preis soll für mehr Aufmerksamkeit sorgen
Zur Wahrnehmung des Hessischen habe auch die mediale Präsenz von TV-Sendungen beigetragen. Mehr Aufmerksamkeit soll dem Dialekt jetzt auch durch die Verleihung des Mundart-Preises zuteil werden, was der Sprachwissenschaftler ausdrücklich begrüßt. Dialekte stifteten nicht nur Identität, sondern machten Sprache auch kreativer und stünden für sprachliche Teilhabe.
Sprachführer mit Vokabeln wie Bobbes und Gosch
Wer die Preisträger des mit insgesamt 8.000 Euro dotierten diesjährigen Mundart-Preises sind, will das hessische Heimatministerium vorher noch nicht verraten. Aber wer sich schon einmal einstimmen will, kann auf der Seite der hessischen Landesregierung schmökern: Vom obligatorischen Äbbelwoi (Apfelwein) über Bagaasch (Anhang, Gruppe, Gesindel) und Bobbes (Po, Hintern) über dormelisch (schwindlig) und Gosch (Mund) bis hin zu Kabbes (Unsinn) und dem eigentlich aus dem Jiddischen stammenden Zores (Ärger, Streit, Durcheinander) hält der "Kleine Sprachführer Hessisch für Anfänger" einige unverzichtbare Vokabeln des Hessischen bereit - nebst Übersetzung.