Diese Geschichte hört sich nach einem Hollywood-Film an, mit Freude, mit Herzschlag, mit Tränen, mit ganz viel Liebe und einem Happy End wie aus dem Bilderbuch. Aber es ist kein Stoff aus der Traumfabrik, sondern eine Liebesgeschichte aus dem wirklichen Leben. Ellen Schmitz (80) aus dem ostfriesischen Hage und Johan van Dijk (78) aus dem niederländischen Apeldoorn haben sich über eine Dating-Plattform kennengelernt.
Durch E-Mails kamen sie sich näher – und nach der ersten gemeinsamen Nacht machte Ellen ihrem Johan einen Heiratsantrag. Wenige Wochen später folgte der Termin auf dem Standesamt.
Kontakt über Dating-Plattform
Über eine Dating-Plattform im Internet sei sie Johan begegnet, erzählt Ellen in ihrem Haus im ostfriesischen Hage. Als sie zum ersten Mal den Namen Johans, "diesen Holländer", las, habe sie ihn eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. "Der spricht doch wahrscheinlich gar kein Deutsch", habe sie sich gedacht.
Auch für Johan war Ellen als Vorschlag der Dating-Plattform überraschend. Er habe dort nicht nach einer deutschen Frau gefragt. Ellen sei aus heiterem Himmel in sein Leben getreten. Aber sie habe ihn sofort nach seiner Mail-Adresse gefragt. "Wir haben uns gleich jede Stunde eine E-Mail geschickt, und das zwei Tage lang."
Liebesbriefe ohne Hemmungen
Es seien besondere E-Mails gewesen, sagt Ellen. Es waren Liebesbriefe. "Wir haben uns beide so gut miteinander gefühlt, dass wir gar keine Befürchtungen oder Hemmungen hatten." Und das in ihrem Alter, fügt sie hinzu. "Die Zeit für Romantik ist dann eigentlich schon vorbei. Aber für uns beide nicht. Und wenn ich die Liebesbriefe jetzt lese, sage ich manchmal zu Johan: Die sind nicht jugendfrei." "Ja, die dürfen nur Menschen ab 78 lesen", sagt Johan lächelnd.
Wollen Sie nichts mehr vom stern verpassen?
Persönlich, kompetent und unterhaltsam: Chefredakteur Gregor Peter Schmitz sendet Ihnen jeden Mittwoch in einem kostenlosen Newsletter die wichtigsten Inhalte aus der stern-Redaktion und ordnet ein, worüber Deutschland spricht. Hier geht es zur Registrierung.
Schon nach zwei Tagen fragte Ellen, ob Johan sie nicht in Ostfriesland besuchen könne. Wegen ihrer Knieprobleme macht ihr das Reisen Schwierigkeiten. Am nächsten Tag fuhr Johan nach Deutschland, und Ellen holte ihn vom Bahnhof in Norden (Landkreis Aurich) ab.
Warum denn getrennt schlafen?
Auf dem Bahnsteig seien ihre Knie weich geworden, als sie Johan zum ersten Mal sah und er sie anlächelte, erinnert sich Ellen. "Das ist er, das ist der Mann, auf den ich gehofft habe", habe sie gedacht. "Es war ein wunderschöner Moment", erinnert sich Johan an den Augenblick, an dem er Ellen zum ersten Mal sah.
Zu Hause bei Ellen wurde erst einmal viel geredet – die beiden verwitweten Menschen erzählten sich ihre Lebensgeschichte. Nach drei Stunden habe sie Johan das Gästezimmer gezeigt. "Und da fragt mich dieser wunderbare Mann ganz harmlos: Müssen wir denn in getrennten Zimmern schlafen?", erzählt Ellen. Zuerst habe sie sich erschrocken – mit einem völlig fremden Mann in einem Zimmer, was komme da noch auf sie zu?
Heiratsantrag aus Verzweiflung
Nicht nur schlafen, berichtet Ellen trocken weiter. "Also, wir haben in einem Zimmer geschlafen, und haben eigentlich überhaupt nicht geschlafen." Aber nach der Liebesnacht habe sie es am nächsten Morgen mit der Angst bekommen: Was, wenn Johan sich nun ein Taxi nimmt, zum Bahnhof fährt und auf Nimmerwiedersehen zurück nach Holland verschwindet? "Und in meiner tiefen Verzweiflung fiel mir nichts anderes ein, als Johan zu fragen: Möchtest Du mich vielleicht heiraten?"
Er habe zuerst gedacht, die Frage sei ein Scherz, eine besondere regionale Art von Humor, ein Ostfriesen-Witz, erzählt der 78-Jährige. Aber als er in ihre Augen geblickt habe, habe er gemerkt, dass es Ellen ernst war und sie Angst hatte, ihn wieder zu verlieren. Gefühlt habe er eine Ewigkeit nachgedacht, aber tatsächlich waren es wohl nur wenige Minuten, bis er gesagt habe: "Ja, wenn Du das willst, dann machen wir das." Das war im September.
Die Trauung folgte im Dezember in Emden. Standesbeamtin Monika Friesenborg denkt gern daran zurück. "Es war eine sehr schöne Begegnung", erzählt sie. Johans und Ellens Beispiel zeige, dass "Liebe keine Altersgrenzen kenne". Friesenborg geht davon aus, dass künftig mehr Paare auch im höheren Alter noch heiraten werden. Johan und Ellen seien zwar eine Ausnahme. Aber: "Wir hatten auch schon ältere Brautpaare, die sich dann noch entschlossen haben zu heiraten."
Giftige Kommentare – und ein böser Streit
Die Zeit bis zum Ja-Wort im Emder Standesamt verlief zwischen Johan und Ellen allerdings nicht ohne Konflikte. Viele ihrer Freunde hätten sie vor der Beziehung gewarnt, erzählt Ellen. Ein alter Freund habe Johan als Heiratsschwindler bezeichnet. Andere seien ein wenig dezenter in der Wortwahl gewesen, aber hätten dasselbe gemeint.
Und es kam zu einem bösen Streit zwischen beiden. Zwei Tage, nachdem Johan bei ihr eingezogen war, sei er wieder ausgezogen. "Das war das Schrecklichste, was mir überhaupt passieren konnte", erinnert sich Ellen. Es sei eine Warnung gewesen. Johan habe seine Entscheidungsfreiheit in Gefahr gesehen – und damit auch recht gehabt. Sie selbst sei auch ein Mensch, der seine Freiheit brauche – ihm dasselbe Recht zuzugestehen, habe sie wohl kurzzeitig vergessen, räumt sie ein.
Aber die Beziehung überstand diese Krise. Ellen sei eine emanzipierte Frau, die nicht warte, bis der Mann vor ihr auf die Knie gehe und um die Hand anhalte, sagt Johan heute: "Wir haben nicht mehr 30 oder 40 Jahre, wir mussten ein bisschen Schwung haben und es eilig machen." Ellen sei so schnell gewesen wie Max Verstappen, der niederländische Formel-1-Weltmeister, sagt Johan: "Das war wirklich wunderbar."