Theater ohne Sessel
Bocholt vermisst über 600 rote Theaterstühle

Das Theater in Bocholt vermisst etwa 600 rote Klappsessel. (Symbolbild) Foto: Monika Skolimowska/dpa
Das Theater in Bocholt vermisst etwa 600 rote Klappsessel. (Symbolbild) Foto
© Monika Skolimowska/dpa

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Theater um das Theater: Die formschönen Klappsessel sollten bloß neu gepolstert werden, die Arbeiten schienen auf einem guten Weg zu sein. Doch daraus wird ein Fall für die Justiz. Ein Drama in Akten.

Ungeplantes Drama im Bühnenhaus: Die nordrhein-westfälische Stadt Bocholt vermisst über 600 rote Polstersessel ihres Theaters und muss jetzt einen aufwendigen Ersatzkauf ins Auge fassen. Wegen einer mutmaßlichen Unterschlagung hat sie rechtliche Schritte eingeleitet. 

Eigentlich sollte die Theaterbestuhlung des städtischen Bühnenhauses im Zuge von Bauarbeiten neu gepolstert werden, wie ein Stadtsprecher sagte. Dafür seien die Klappsessel abgebaut und zu einem Dienstleister gebracht worden. Der Polstereibetrieb habe die Arbeiten zunächst wie vereinbart aufgenommen. 

Plötzlich herrschte Funkstille

So seien Metallgestelle neu beschichtet worden. Die Stadtverwaltung habe Muster der neuen Stuhlpolster begutachten können. Der Arbeitsfortschritt sei auch dokumentiert worden. Doch plötzlich herrschte dann Funkstille: Den letzten direkten Kontakt zu dem Betrieb habe es im Frühjahr 2025 gegeben. 

Strafanzeige gestellt

"Wir haben Strafanzeige gestellt", sagte der Stadtsprecher. Die Anzeige sei gegen den Geschäftsführer eines Polstereibetriebs aus dem Raum Hannover bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Hildesheim erstattet worden. Der Fachbetrieb habe den Auftrag nach einer EU-weiten Ausschreibung erhalten. 

Mahnungen erfolglos

Die Stadt Bocholt habe unverzüglich alle vertraglich und rechtlich gebotenen Schritte unternommen, um das Unternehmen zur Vertragserfüllung zu bewegen. Trotz mehrfacher schriftlicher Mahnungen, Fristsetzungen und Zustellungsversuche seien diese Bemühungen aber ergebnislos verlaufen. 

Kein Versicherungsfall

Mit der Strafanzeige sollen die finanziellen Interessen der Stadt gesichert werden. "Gegen mutmaßliche Unterschlagung seitens eines Vertragspartners gibt es für Kommunen keine marktübliche Versicherung; hier greift das allgemeine Lebens- und Geschäftsrisiko", erläuterte die Stadtverwaltung. 

Ersatz in Vorbereitung 

Ziel sei es, in einem anschließenden Zivilverfahren einen vollstreckbaren Titel zu erwirken. Aktuell müsse davon ausgegangen werden, dass die Stühle vorerst verschwunden bleiben. Deshalb bereite die Stadt eine Ersatzbeschaffung vor, um den Zeitplan für die Fertigstellung des Bühnenhauses nicht zu gefährden.

Kosten offen

Zu den möglichen Kosten einer neuen Bestuhlung machte der Stadtsprecher keine Angaben. Die finanziellen Auswirkungen einer Ersatzbeschaffung auf dieses Projekt stünden noch nicht fest. Ein Ersatz wäre wahrscheinlich nicht unkompliziert, da es sich um einen denkmalgeschützten Bereich handele. 

Gebäude aus den 70ern

Bei den laufenden Bauarbeiten geht es um die Sanierung des Rathauses und des angeschlossenen städtischen Bühnenhauses in Bocholt, die beide in den 1970er Jahren zusammen errichtet wurden. Die Rathaussanierung soll den Angaben zufolge bis Ende des kommenden Jahres abgeschlossen werden. 

650 Stühle 

Die Bestuhlung des Bühnenhauses besteht aus etwa 650 Stühlen. Sie sollte im Rahmen der Sanierung originalgetreu restauriert und neu gepolstert werden. Das "Bocholter Borkener Volksblatt" und der WDR hatten zuvor berichtet. Die Stadt Bocholt liegt im Westmünsterland und hat mehr als 70.000 Einwohner.

dpa