Gesundheit
NRW will Patienten gezielter zum passenden Arzt lotsen

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat Reformvorschläge für eine bessere Steuerung von Patienten gemacht. Foto: Federico
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat Reformvorschläge für eine bessere Steuerung von Patienten gemacht. Foto
© Federico Gambarini/dpa
Wochenlang auf einen Termin warten? NRW will das ändern: Mit digitaler Ersteinschätzung und weniger Papierkram soll der Weg zum passenden Arzt schneller werden. Entschieden wird darüber aber im Bund.

Die Krankenkassenbeiträge steigen, Patienten warten teils wochenlang auf Facharzttermine und der Ärztemangel wird sich absehbar verschärfen. Vor diesem Hintergrund hat Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) detaillierte Reformvorschläge für eine effizientere und verbindliche Steuerung von Patienten durch das Gesundheitssystem gemacht. Laumann sieht den Plan als wichtigen Beitrag für die aktuelle bundespolitische Debatte über die Reform der ambulanten Versorgung. 

Ausbau der Nummer 116 117

Kern des 15-Punkte-Plans aus NRW ist der Ausbau der bundesweiten kostenfreien Rufnummer 116 117 der Kassenärztlichen Vereinigungen zu einer ersten Anlaufstelle. Telefonisch oder über die Website sollen Patienten eine Ersteinschätzung etwa bei einem Infekt oder akuten Schmerzen erhalten und bei der Terminvermittlung gesteuert werden. 

Über die 116 117 soll geprüft und verbindlich entschieden werden, ob eine Behandlung nötig ist, wie dringend sie ist und welche Art von Praxis geeignet ist. Nicht erforderlich soll sie bei Behandlungen von chronischen Erkrankungen oder für Vorsorgeuntersuchungen sein. 

Primärversorgungspraxen sollen steuern

Ergänzend dazu sollen sogenannte Primärversorgungspraxen - gemeint sind vor allem die Hausarztpraxen - dem NRW-Plan zufolge Patienten steuern, behandeln und wenn nötig in Facharztpraxen überweisen. Die Ersteinschätzung kann also auch am Praxistresen erfolgen. Dabei sollen die Ergebnisse verbindlich sein. Patienten sollen die Ärzte und Praxen aber weiterhin frei wählen können. Schon jetzt hätten zwei Drittel der Versicherten in NRW eine Hausarztpraxis, sagte Laumann. 

Weniger Formulare, mehr Dauerverordnungen

Arztpraxen sollen dem Plan zufolge durch Bürokratieabbau entlastet werden. Dazu gehören dem Vorschlag zufolge weniger und standardisierte Formulare sowie einjährige Dauerverordnungen und -überweisungen besonders bei chronischen Erkrankungen. Ausgenommen von Überweisungen werden Behandlungen durch Gynäkologen, Kinderärzte oder Psychotherapeuten. Einfacher werden müsse auch die Verordnung von Hilfsmitteln bei bekannten Dauerbedarfen wie etwa Inkontinenzmaterial.

Modernere Praxen 

Neue Berufe wie die der ärztlichen Assistenten (Physician Assistants) sollen entwickelt werden. Sie sollen Aufgaben von Ärzten übernehmen und zum Beispiel auch einfache Erkrankungen behandeln dürfen. Schon jetzt gibt es in Hausarztpraxen Versorgungsassistenzen, die eigenverantwortlich Hausbesuche oder Wundversorgung übernehmen. 

Auch die Vergütung der ärztlichen Leistungen sollte nach Ansicht Laumanns grundlegend geändert werden, um Fehl- und Mengenanreize zu vermeiden. Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken, sollten Zulassungsverfahren für Ärzte beschleunigt werden. 

Ausbau der Digitalisierung 

Die ideale Zukunft ist dem Plan zufolge vor allem digital: Die Patientinnen oder Patienten melden sich bei gesundheitlichen Beschwerden bei der116 117 (online oder telefonisch). Eine intelligente Ersteinschätzungssoftware ergänzt um Künstliche Intelligenz (KI) analysiert die Angaben. Ist eine ärztliche Abklärung notwendig, erfolgt die Terminvereinbarung, während gleichzeitig alle relevanten Informationen in der elektronischen Patientenakte (ePA) hinterlegt werden und für die Ärzte verfügbar sind. 

Und die Privatpatienten?

Die neue Patientensteuerung sollte nach Worten Laumanns verpflichtend sein. Das bedeute, dass es außer in akuten Fällen keinen Zugang zu anderen Leistungssystemen geben solle. Laumann räumte aber auch ein, dass es weiter Patienten geben werde, die direkt zum Facharzt gingen und privat bezahlten. "Da kannst du nichts gegen machen. Es ist ja nicht verboten, dass ein Arzt sagt, wenn jemand seine Behandlung selber bezahlt, behandele ich den." 

Impuls für Bundespolitik

Laumann bezeichnete den Plan aus NRW als "wichtigen Impuls" für die bundespolitische Debatte. Das größte Problem sei derzeit die Vielzahl der Einzelvorschläge, die immer nur ein "kleiner punktueller Blick auf bestimmte Symptome seien". 

Auch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) arbeitet derzeit an einer gezielteren Patientensteuerung, die in der Regel erst einmal über die Hausarztpraxis führen soll. Die genaue Gestaltung des neuen Systems ist noch offen. Alltag werden soll es voraussichtlich 2028. 

Auf die Frage, wie groß die Chancen für eine Umsetzung der Vorschläge auf Bundesebene seien, sagte Laumann: "Nordrhein-Westfalen ist natürlich als größtes Bundesland auch nicht ganz einflusslos." Immerhin habe die CDU NRW im Bundestag sogar mehr Abgeordnete als die CSU.

Wie reagieren Verbände und Kassen?

Das Eckpunktepapier ist im Austausch mit Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Kassen, Ärztekammern und Hausärzten entstanden. Sie unterstützen die Vorschläge im Grundsatz, setzen aber eigene Akzente. So sagte Frank Bergmann, Vorstandschef der KV Nordrhein, die geplante Primärversorgung dürfe nicht dazu führen, dass jeder Patient pauschal vom Hausarzt gesteuert werde. Die 116 117 solle auch Facharzttermine vermitteln, um unnötige Umwege zu vermeiden. 

Auch die Krankenhäuser unterstützen den Reformplan. Allein die NRW-Krankenhäuser behandelten jedes Jahr rund 4,3 Millionen Patientinnen und Patienten ambulant, sagte Ingo Morell, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW). Dieser Anteil werde steigen. Eine zusätzliche Herausforderung werde sein, die neuen Wege der Primärversorgung allen Menschen zu vermitteln. Denn viele Menschen mit ausländischen Wurzeln suchten direkt die Krankenhäuser auf, weil sie nicht mit der Rolle niedergelassener Ärzte vertraut seien. 

Rund 40.000 Arztpraxen versorgen nach Angaben des Ministeriums die Menschen in NRW ambulant. Bereits jetzt sei ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte älter als 65 Jahre und werde auf absehbare Zeit in den Ruhestand gehen.

dpa

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