Auch im Gefängnis gibt es immer mehr ältere Menschen. Irgendwann brauchen die Gefangenen einen Rollator oder Rollstuhl, können sich nicht mehr alleine anziehen oder waschen. Und dann sind da auch jüngere Straftäter mit chronischen Erkrankungen, die pflegebedürftig sind.
"Es gibt da einen Punkt, wo wir diese Gefangenen im Regelvollzug einer normalen Justizvollzugsanstalt (JVA) nicht mehr vernünftig unterbringen können", sagt der Leiter der JVA Wittlich, Jörn Patzak. Anfang Januar ist daher in der JVA Wittlich eine neue Pflegeabteilung des Landes eröffnet worden - für Gefangene aus den Haftanstalten in Rheinland-Pfalz und im Saarland.
Hier haben Gefangene mit Pflegestufe größere Räume, Pflegebetten, barrierefreie Badezimmer, einen Alarmknopf und eine Gemeinschaftsküche. Im normalen Haftraum gebe es keine Dusche, nur ein Waschbecken mit kaltem Wasser. Und er sei zu klein, um sich darin mit dem Rollstuhl bewegen zu können.
Warum gibt es dieses neue Angebot?
"Wir wollen diese Leute nicht in Watte packen. Sie haben Straftaten begangen", sagt Patzak. "Aber auch für sie muss es eine menschenwürdige Unterbringung geben." Denn sonst sagten die Gerichte irgendwann: Sie müssten entlassen werden. "Und solche Haftunterbrechungen: Die wollen wir vermeiden."
Die Nachfrage sei groß. "Die anderen Anstalten warten händeringend darauf und stehen schon Schlange", sagt der Leiter der JVA Wittlich, die mit gut 500 Männern im geschlossenen Vollzug die größte in Rheinland-Pfalz ist. Die neue Abteilung solle eine Entlastung auch für andere Anstalten sein. In Rheinland-Pfalz gibt es insgesamt zehn Haftanstalten, im Saarland sind es zwei.
Wie viele Plätze gibt es?
In der neuen Pflegeabteilung gibt es fünf behindertengerechte Hafträume. Drei von ihnen sind bereits mit Gefangenen der Pflegestufe 2 belegt. Einer von ihnen ist ein 50-Jähriger, der wegen Betrugs einsitzt. "Ich habe mehrere unheilbare Erkrankungen", sagt er. Und eine Gehbehinderung, daher könne er sich nur mit dem Rollator fortbewegen. "Die Pflege hier ist sehr gut", sagt der Mann aus Wiesbaden in seinem Pflegebett.
Der Mann sei aus einer anderen JVA zunächst im landesweit zuständigen Justizvollzugskrankenhaus in Wittlich untergebracht gewesen, sagt Abteilungsdienstleiter Mario Klären. Auf Dauer sei aber dieses als Akutkrankenhaus konzipierte Justizvollzugskrankenhaus nicht die richtige Adresse. Und in einem normalen zehn Quadratmeter großen Haftraum wäre der Mann auch nicht optimal untergebracht. "Diese neue Pflegestation schließt genau diese Lücke, die es bisher gegeben hat", sagt er.
Im Krankenhaus auf dem Gefängnisgelände in Wittlich gibt es zudem noch vier weitere Pflege-Hafträume, die für Menschen mit hohen Pflegestufen sind. Sie sind zurzeit alle belegt, sagt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Heidrun Schneider. Unter den Insassen ist ein 53-Jähriger, der nach mehreren Schlaganfällen auf Hilfe angewiesen ist. Er sitzt im Rollstuhl.
"Ich kann nicht alleine duschen", sagt der Mann aus Bad Sobernheim. Oder alleine aufstehen. Er schaue viel Fernsehen. Einmal am Tag fahre er eine halbe Stunde raus auf den Hof. "Die Pflegekräfte sind sehr freundlich", meint er. Schneider sagt, dass es bald mehr Tagesangebote geben werde, wenn die neue Pflegestation sich weiterentwickele. "Wir sind da ja noch am Anfang."
Altenpflegerin Simone Willems ist für die neue Station frisch eingestellt worden. Ihr macht der Job Spaß. "Natürlich weiß ich: Das sind drei Straftäter. Aber das sind auch Menschen, die Hilfe benötigen. Und das steht für mich als Pflegekraft im Vordergrund", sagt sie. Ihr gefalle es, dass sie Zeit habe für die Menschen. "Sonst ist das ja in der Pflege oft Massenabfertigung."
Sie hat keine Angst. Flur und Küche seien videoüberwacht. Sie trage ein Notrufgerät. "Und ein Vollzugsbeamter ist immer in meiner Nähe", sagt sie. Besonders in dieser Art Wohngruppe ist, dass zu bestimmten Zeiten die Türen der Gefangenen in dem Sicherheitstrakt offen stehen. "Sie können also mit dem Rollator über den Flur in den Gemeinschaftsraum gehen."
Bedarf gebe es noch an zusätzlichen Pflegekräften, sagt Patzak. Der Aufbau der neuen Station sei nicht sehr aufwendig gewesen. Die größeren Hafträume habe es bereits gegeben. Man habe umgebaut - etwa Handläufe angebracht. Hinzu kamen noch Räume für Physiotherapie und Pflegekräfte.
Ist das Pflegeangebot bundesweit besonders?
"Wir werden Anfragen aus ganz Deutschland kriegen", ist sich Patzak sicher. Es gebe nicht viele Einrichtungen mit solch einem Angebot. Ob er auch Gefangene aus anderen Bundesländern aufnehme? "Wenn Platz ist: Warum nicht?" Die anderen Länder müssten dann die Pflegekosten übernehmen.
In der JVA Wittlich sind 45 Gefangene über 55 Jahre alt. Zwei Männer seien älter als 80 Jahre. Patzak: "Wir werden eine Warteliste führen." Es werde auch Fluktuation geben. "Welche werden entlassen, manche sterben. Das ist das Leben. Wir sind mittendrin hier."