Sachsen-Anhalt
Unterwegs mit dem Demokratiebus – zuhören gegen die Ohnmacht

"Wir sind eine Art Druckventil", sagt Konstantin Gerbrich, der die Demokratiegestalter-Tour bei der Adenauer-Stiftung verantwort
"Wir sind eine Art Druckventil", sagt Konstantin Gerbrich, der die Demokratiegestalter-Tour bei der Adenauer-Stiftung verantwortet. (Archivbild) Foto
© Christopher Kissmann/dpa

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Viele Menschen in Sachsen-Anhalt sind vor der Wahl unzufrieden und fühlen sich nicht gehört. Am Demokratiebus wird zugehört, gesammelt, diskutiert – wie kann neues Vertrauen in die Politik entstehen?

"Hier wohnen mehr Flüchtlinge als Deutsche", sagt der Rentner, der gerade auf der Parkbank vor der Jacobikirche in Sangerhausen Platz genommen hat. Ein junger Mann hört ihm zu und hinterfragt die Aussage freundlich. In einer Kreisstadt wie Sangerhausen mehr Ausländer als Deutsche? Schwierig. Und doch bricht das Gespräch nicht ab.

Es müsste mehr für die Deutschen getan werden, fordert der Senior. Und mehr Geflüchtete müssten arbeiten gehen. "Die laufen spazieren den ganzen Tag." Ihm selbst gehe es grundsätzlich nicht schlecht. "Wir haben unser Auskommen", sagt er, seine Frau nickt zustimmend.

Das Gefühl, nicht gehört zu werden

Gespräche wie diese wird es an den Wahlkampfständen der Parteien bis zur Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt wohl noch viele geben. Ein Team der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung ist bereits im Mai verstärkt unterwegs, um den Menschen zuzuhören und mit ihnen über die Demokratie ins Gespräch zu kommen. Die Anliegen unterscheiden sich – doch viele Gespräche kreisen um das Gefühl, nicht gehört zu werden.

Da ist die Rentnerin mit dem schwarzen Labrador, die beklagt, das gegenseitige Helfen in der Gesellschaft gehe verloren. Da ist eine Mittsechzigerin mit der hellbraunen Handtasche, die gar nichts zu meckern hat – das Einzige, was sie sorge, seien "die Rechten", sagt sie. Und da ist eine zugewandte Frau, die genervt ist von Bürokratie und den Berichtspflichten von Selbstständigen.

Der häufigste Vorwurf: "Wir werden ja gar nicht gehört"

"Wir sind eine Art Druckventil", sagt Konstantin Gerbrich, der die Demokratiegestalter-Tour bei der Adenauer-Stiftung verantwortet. Das Team ist täglich an einem anderen Ort unterwegs. Ziel sei es, den Menschen auf Augenhöhe zuzuhören und sie mit ihren Sorgen und Ängsten wahrzunehmen. Globale Krisen wie der Krieg in der Ukraine, die Corona-Pandemie, die Konflikte in Nahost ließen die Menschen ängstlicher werden.

Doch neben Ängsten begegnet dem Team vor allem eines: massive Unzufriedenheit. "Wir werden ja gar nicht gehört" sei der häufigste Vorwurf, sagt Gerbrich. Die Politik sei möglicherweise zu lange nicht auf die Sorgen der Bürger eingegangen. "Das war ein schleichender Prozess, der wurde unterschätzt." Manche Parteien seien leider immer seltener bei Volksfesten mit Bratwurst und Bier unterwegs.

Wer sich nicht mitteilt, transportiert sein Anliegen nicht

In Sangerhausen wird der Stand am Demokratiebus nicht gerade überrannt, es gibt auch immer mal Leerlauf. Viele Menschen lassen sich aber auf einen Kaffee und Gespräche ein. Auf Zetteln können sie notieren, was sich vor Ort ändern soll. Die Vorschläge werden später dem Bürgermeister übergeben. Mal geht es um einen Sportplatz, mal um Straßensanierungen – die Menschen haben feine Antennen und auch Ideen.

In Osterburg, wo der Bus bereits Station gemacht hat, landeten in der Box für den Bürgermeister neben dem Wunsch nach Frieden in der Welt häufig Forderungen nach besseren Nahverkehr und zu Straßenreparaturen. Aber auch mehr Angebote für Kinder und Jugendliche wünschen sich die Einwohner. Bei einem Bürgersommerfest will die Stadt darüber mit Bürgern sprechen.

Der Leiterin des Politischen Bildungsforums Sachsen-Anhalt, Rabea Brauer, ist wichtig, dass es diesen aktiven Teil mit den Zetteln beim Demokratiebus gibt. Wer sich nicht mitteile, nicht engagiere, nicht zur Gemeinderatssitzung gehe, transportiere seine Anliegen nicht, sagt sie. Brauer ermutigt ihre Gesprächspartner am Stand immer wieder, nicht in Passivität und Meckern zu verharren.

Beteiligung als Ausweg von Ohnmacht?

Doch woher kommt die tiefgreifende Unzufriedenheit? "Ohnmacht ist das politische Gefühl der Zeit", sagte der Jenaer Soziologe Matthias Quent der "Rheinischen Post". Menschen kämen besser durch Krisen, wenn sie sich nicht als einsam oder fremdbestimmt erlebten. Viele würden aktive demokratische Möglichkeiten der Mitbestimmung gar nicht in Betracht ziehen. "Autoritäre Parteien nutzen das – und machen Allmachtsversprechen", so Quent.

Als Ausweg empfiehlt der Soziologe Beteiligung. "Empirisch ist gut belegt, dass die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, also mitgestalten zu können, wesentlich dazu beiträgt, dass Menschen sich weniger ohnmächtig fühlen und das Funktionieren der Demokratie tragen." Alltagserfahrungen etwa in Vereinen seien wichtiger als große politische Appelle. "Denn wenn es keinen Kassenwart mehr gibt, keine Vereinsvorsitzenden, dann brechen diese Orte des Gemeinwesens zusammen. Und das sind Orte, wo man unabhängig von politischen Richtungen zusammenkommt und miteinander redet."

Reden ist auch der Ansatz der Mitarbeiter beim Demokratiebus. Man kann sich dort nicht nur Infomaterial zu den Grundrechten mitnehmen, es gibt auch kleine Samenpakete. "Wir säen Demokratie", steht auf der Verpackung. Wenn sie eingepflanzt sind und gepflegt werden, sollen Vergissmeinnicht wachsen.

dpa