Der allererste Kuss im Leben gilt oft als besonders aufregender Moment – aber was, wenn ausgerechnet dann auch noch eine laufende Kamera dabei ist? „Der erste Kuss, ein Filmkuss; das ist schon eine Nummer“, sagt Heike Thiem. Um jungen Darstellerinnen und Darstellern in, vor und nach solchen Szenen gut zur Seite zu stehen, hat die Schauspielerin sich extra ausbilden lassen.
Als sogenannte Intimitätskoordinatorin unterstützt Thiem etwa den jugendlichen Cast bei „Schloss Einstein“. Gerade laufen in Erfurt die Dreharbeiten zur mittlerweile 30. Staffel der auf dem gemeinsamen Kinderkanal Kika von ARD und ZDF zu sehenden Serie über immer wieder neue Generationen von Schülern des fiktiven „Schloss Einstein“-Internats.
Fehlende eigene Erfahrung trifft auf Kamera
Erster Kuss, überhaupt erste Berührungen – häufig fehlten den jugendlichen Schauspielern die eigenen Erfahrungen, die erwachsene Darsteller in dem Bereich schon hätten, sagt Thiem. In der Ausbildung zur Intimitätskoordinatorin habe sie aber Handwerkszeug gelernt, um Sicherheit in solchen Szenen zu schaffen.
Helfen dürfte da auch, dass Thiem „Schloss Einstein“ schon länger als Set-Coach begleitet und so schon eine Vertrauensbasis mit vielen der Darsteller besteht. „Man wächst mit, man kennt sie, und ist neugierig, wo sie gerade stehen“, fasst Thiem zusammen. Zu den Nachwuchstalenten, mit denen sie schon länger zusammenarbeitet, zählt etwa Matti Schneider.
Der 17-Jährige spielt seit Staffel 25 mit und ist als Marlon Beck vor der Kamera herangewachsen: Eine Tanz-Szene zählt er zu den intimeren Momenten, die er gedreht hat. Der Verweis auf die Tanz-Szene passt gut, um die Arbeit der Intimitätskoordinatorin zu beschreiben: „Wie beim Tanz, oder wie bei Stunt- und Kampfszenen geht es auch bei intimen Szenen um Choreografie“, sagt Thiem. Auch bei Kampfszene käme niemand auf die Idee, den Darstellern ein „Macht einfach mal“ zuzurufen, so Thiem.
Kuss-Choreografie, ähnlich wie beim Tanz
Aber: „Es geht nicht nur um die körperliche Sicherheit, sondern auch um die emotionale Sicherheit. Dafür bin ich da, dass ich am Set das gewährleisten kann.“ Die entsprechenden Aufnahmen sollten gut vorbereitet, sicher und unter Wahrung der Grenzen jedes Einzelnen im Sinne der Regie und der Produktion erfolgen.
Dazu spreche sie vorher mit der Regie, was diese sehen möchte, kläre dann mit den Schauspielern einzeln, wozu diese bereit sind. „In den Gesprächen vorab sollen klar Grenzen benannt werden: Wo kann man berührt werden, was möchte ich nicht“, betont Thiem.
Welche Berührung ist wo okay?
Wichtig seien klare Verabredungen und dass die Darsteller vorher bei sich selbst schauen, wo es für sie okay ist, angefasst zu werden. Berührungen würden dann eher technisch beschrieben. Mal soll die Hand leicht wie eine Feder über den Arm des Gegenübers streichen, oder so fest, als ob man sich eingecremt. Kuss-Szene habe sie schon häufig koordiniert, so Thiem. „Wir sagen dann: Es gibt eigentlich keinen Kuss, sondern eine Lippenberührung. Der Kuss wird nur simuliert und erzählt.“
In Deutschland gibt es in der Film- und Fernsehbranche nach Einschätzung der Schauspielgewerkschaft BFFS noch kein durchgehendes Bewusstsein für die Bedeutung der Arbeit von Intimitätskoordinatoren. Aber es nehme zu: So hat sich die BFFS dafür eingesetzt, dass „Intimacy Coordinating“ explizit in eine branchenweite Vereinbarung für einen respektvollen und professionellen Umgang bei Film- und Fernsehproduktionen aufgenommen wurde.
Wachsendes Bewusstsein für herausfordernde Szenen
Bei US-Produktionen sind die „intimacy coordinator“ schon präsenter. Dort sind sie inzwischen auch in der Screen Actors Guild organisiert: Im vergangenen Jahr schloss die Medienschaffenden-Gewerkschaft dort Verträge über Mindestvorgaben zur Beschäftigung der Koordinatoren mit großen Produktions-Studios ab.
Die „Me Too“-Debatte habe das Bewusstsein für das Thema in der Branche allgemein geschärft, meint Thiem. Aber auch fernab von Skandalen rückt die Aufgabe solcher Koordinatoren zunehmend in den Fokus. Viel Beachtung fand zuletzt etwa die Arbeit der Intimitätskoordinatorin bei der kanadischen Streaming-Hit-Serie „Heated Rivalry“, in der es zwischen zwei Eishockey-Spielern heiß hergeht.
Gewerkschaft wünscht sich mehr Koordinatoren
Die BFFS schätzt, dass es aktuell in Deutschland etwa 30 erfahrene und gut ausgebildete „Intimacy Coordinators“ gibt. „Das ist für den Markt dieser Größe wenig“, sagt Barbara Rohm. Sie ist Gründerin des Culture Change Hub, wo Ausbildung zu Intimitätskoordinatoren angeboten werden und das mit der BFFS zusammenarbeitet. Rohm war es auch, die gemeinsam mit der BFFS die unabhängige Vertrauensstelle Themis gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film- und Fernsehbranche ins Leben gerufen hatte.
Der Beruf ist nicht geschützt, betont die BFFS. Das Feld dynamisch. Grundsätzlich sollten den Job nur Menschen machen, die bereits viel Dreherfahrungen haben, etwa selbst Schauspieler sind oder waren.
Wichtig, gerade für besonders empfindliche Gruppe
Gerade für Dreharbeiten mit Kindern und Jugendlichen seien Intimitätskoordinatoren aus Sicht der Schauspielgewerkschaft zwingend, erklärt Rohm, die bei der BFFS auch Ansprechpartner für das Thema ist. „Minderjährige gehören zur vulnerabelsten Gruppe aller Darstellenden.“ Sie hätten etwa keine Schauspielausbildung wie Erwachsene und könnten die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen noch nicht vollständig einschätzen. Intimitätskoordinatoren übernähmen an der Stelle auch die Aufgabe einer Vertrauensperson, gerade, wenn etwa Eltern bei den Drehs nicht dabei seien.