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Zum Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" Es gibt ihn, den guten Tod. Aber er ist selten

"Die Suche nach dem guten Tod"-Host Lukas Sam Schreiber mit seiner Mutter Claudia Schreiber
"Die Suche nach dem guten Tod"-Host Lukas Sam Schreiber mit seiner Mutter Claudia Schreiber
© Tim Löbbert
Unser Autor hat sich im Podcast auf die Suche nach dem Tod gemacht – für seine an Alzheimer erkrankte Mutter. Am Ende steht die Erkenntnis: Es gibt den guten Tod. Aber er ist selten.
Lukas Sam Scheiber

Der Tod ist beängstigend. Wer das nicht glaubt, hat wahrscheinlich noch nicht so richtig darüber nachgedacht. Für die längste Zeit habe ich das auch nicht, bis er vor mir stand. Im Alter von sechzig Jahren wurde bei meiner Mutter Claudia Schreiber Alzheimer diagnostiziert. Sie war und ist eine brillante Frau, die ich sehr bewundere. Ihr ganzes Leben war sie als Schriftstellerin tätig und stolz darauf, mit dem Kopf zu arbeiten – jetzt nimmt ihr die Krankheit ihr wichtigstes Instrument. 

In den vergangenen drei Jahren hat Claudia mich hunderte Male gefragt, was ihre Prognose ist und wie sie sterben kann. Sie möchte dem Albtraum ihrer Krankheit entgehen. Die Frage des selbstbestimmten Sterbens hat sie bereits beschäftigt, als sie noch gesund war. Jetzt ist sie krank und zu ihrer Diagnose gehört, dass sie sich immer seltener an unsere Gespräche erinnern kann. Für sie ist jede Frage ihre erste.

Der Tod ist abstrakt. Eigentlich.

Immer und immer wieder sprechen wir darüber, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Eine Zukunft, für die es kein gutes Ende geben wird. Die Krankheit ist schlimm und wird definitiv schlimmer werden. Das fantastische Leben meiner Mutter schreibt sein letztes Kapitel, und ich verzweifle daran, zu begreifen, was es wirklich bedeutet. Ich nehme von einem Menschen Abschied, obwohl doch genau dieser Mensch atmend neben mir sitzt. 

Ich bin dreißig Jahre alt. Bislang war ich unsterblich. Hier und da ist mal ein Haustier oder ein entfernter Verwandter gestorben. Da wurde mir die Vergänglichkeit des Lebens kurz bewusst. Aber der Tod ist mir zu abstrakt – etwas Gegebenes, ja, aber unvorstellbar. Eigentlich.

Jetzt meine Mutter. Die Antworten fordert. Für sie muss ich wissen, wie wir sterben, wie das Leben endet und was Menschen wirklich denken, wenn sie am Lebensende stehen. Für viele ist der Zustand des Nichtseins kaum zu fassen. Andere fürchten nur den Prozess des Sterbens, sie wollen einfach nicht leiden und würdevoll gehen. 

Immer wieder fragte mich meine Mutter, ob es einen guten Tod gebe. Also habe ich in den letzten Monaten mit Dutzenden Menschen gesprochen, die im Sterben liegen. In dem Podcast “Die Suche nach dem guten Tod” sind diese Gespräche dokumentiert. Gibt es den guten Tod? Die Antwort: Es ist kompliziert. 

Podcast "Die Suche nach dem guten Tod": alle Folgen

Ich habe eine spannende Studie der Harvard Medical School  aus dem Jahr 2016 gefunden: Medizinische Fachkräfte wurden gefragt, wie sie sterben wollen. Eins der Ergebnisse, vereinfacht ausgedrückt: Wenn Ärzte mit ihrem eigenen Tod konfrontiert werden, vermeiden sie eine intensivmedizinische Betreuung signifikant häufiger als der Rest der Bevölkerung. Obwohl sie sich doch auskennen? Oder gerade weil sie sich auskennen?

Meine eigene Recherche stützt die Studie. Palliativmediziner und Pflegekräfte erzählten mir von ihrer Arbeit, von ihrer Fürsorge und Hingabe. Sie tun alles für ihre Patienten. Nach sich selbst gefragt möchten viele von ihnen allerdings keine lebensverlängernden Maßnahmen in Anspruch nehmen. Für mich heißt das: Auch wenn die Palliativ- und Hospizbewegung bereits wichtige Schritte in der Begleitung von Sterbenden gegangen ist, haben wir den Prozess des Sterbens gesellschaftlich noch nicht gemeistert. Ein Grund könnte sein, dass Mediziner vor allem Menschen heilen möchten und sich das Sterben für viele von ihnen wie eine Niederlage anfühlt. Oder vielleicht ist einfach noch nicht genug Zeit vergangen? Dank moderner wissenschaftlicher Möglichkeiten leben Menschen heute länger und besser als zu jeder anderen Zeit in der Geschichte. Noch 1945 fanden die meisten Todesfälle zu Hause statt. In den 1980er-Jahren waren es nur noch 17 Prozent. Den Prozess des Alterns und Sterbens ideal zu begleiten, ist eine vergleichsweise neue Herausforderung für das Gesundheitssystem. Somit ist es nachvollziehbar, dass wir hier noch nicht am Ende der Reise sind.

Der gute Tod ist für jeden anders

Einen wichtigen Meilenstein auf der Suche nach dem guten Tod und auf die Frage nach selbstbestimmtem Sterben hat das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 gelegt. Die Richter und Richterinnen entschieden, dass die geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland, zum Beispiel durch Vereine, nicht mehr verboten sein darf. Sterbewillige dürfen also Hilfe beim Suizid in Anspruch nehmen. Claudia hörte davon und fragte mehrfach, ob das eine Option für sie sein könnte. 

Dazu konnte ich mit Matthias Tidden sprechen (Folge 2). Der Palliativmediziner Matthias Thöns hat den Kontakt hergestellt. Dieses Gespräch hat mich umgehauen. Denn Matthias Tidden hat entschieden, seinem Leben am nächsten Tag ein Ende zu setzen. Mit Mitte 50 ist er schwer krank. Seine intensiven, klaren Gedanken wenige Stunden vor seinem Tod waren für mich ein Wendepunkt im Umgang mit dem Sterben. Und ich begreife, dass Sterbehilfe eine Möglichkeit eines guten Todes sein kann. Eine von vielen. Denn erwiesen ist, dass der größte Teil derjenigen Menschen, die sie in Anspruch nehmen wollen, es letztendlich gar nicht tun. Für sie scheint Suizid keine Lösung. Es geht vielmehr um die Freiheit, es zu dürfen.

Der gute Tod ist für jeden anders. Und er braucht die richtigen, individuellen Voraussetzungen, die nicht für alle erreichbar sind. Was erzähle ich jetzt Claudia? Ich weiß, dass Patienten mit Alzheimer auch noch bis spät in die Krankheit gute Momente haben können. Solange es geht, möchte ich einige dieser guten Momente mit ihr teilen. Wenn sie Fragen zum Sterben oder ihrer Prognose stellt, habe ich bessere Antworten. Aber ihre Sorgen, die bleiben. Der Tod ist harte Arbeit. Vielleicht einer der härtesten Aufgaben, der wir uns stellen müssen. Das muss aber nicht notwendigerweise eine schlimme Erfahrung sein. Ein guter Freund meiner Mutter starb selbstbestimmt mit seiner Familie um sich herum. Seine letzten Worte waren: "Ich sterbe so schön." Das ist ein guter Tod. Er ist selten. Aber es gibt ihn. 

Rat und Hilfe

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich.  Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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