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"stern TV"-Talk Polizistin nach Tötung von zwei Beamten in Kusel: "Ich habe große Angst um meinen Sohn"

Kriminalhauptmeisterin Cathleen Martin zu der Tat von Kusel bei "stern TV":
Kriminalhauptmeisterin Cathleen Martin zum Fall Kusel bei "stern TV": "Oh Gott, das könnte dein Junge sein."
© RTL-Screenshot
Die beiden erschossenen Polizisten von Kusel haben die zunehmende Gewalt gegen Beamte in den Fokus gerückt. Bei "stern TV" schildert eine Polizistin ihre eigenen Erfahrungen und erklärt, was die Politik ändern müsste.

Der Fall Kusel hat vielen in Deutschland schmerzlich bewusst gemacht, wie schnell die Polizei selbst vom "Freund und Helfer" zum Opfer werden kann. Was vergangenen Montag als gewöhnliche Verkehrskontrolle begann, wurde für zwei Polizisten in der Pfalz zum Todesurteil. Bei der Kontrolle eines Fahrzeugs waren eine 24-jährige Polizeianwärterin und ein 29 Jahre alter Oberkommissar ohne Vorwarnung erschossen worden. Inzwischen sitzen zwei Tatverdächtige in Untersuchungshaft, die offenbar ihre Wilderei vertuschen wollten.

Die Tat hatte bundesweit großes Entsetzen ausgelöst. Die Geschichte "sitzt uns allen noch ganz schön in den Knochen", bringt es Moderatorin Frauke Ludowig bei "stern TV" am Sonntagabend auf den Punkt.

Zunehmende Gewalt: "Normale Bürger, die Polizisten angreifen"

"Ist es schlimmer geworden auf Deutschlands Straßen?", will sie von der anwesenden Polizistin Cathleen Martin wissen. "Ja, wesentlich schlimmer", bestätigt die Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft in Sachsen. Dass Gewalttaten gegen die Frauen und Männer in Blau längst keine Einzelfälle mehr sind, zeigt auch ein aktuelles Lagebild des Bundeskriminalamtes (BKA). Seit 2012 ist die Anzahl der Gewalttaten gegen Polizeibeamte um 20 Prozent gestiegen. Allein im Corona-Jahr 2020 wurden knapp 39.000 gewalttätige Vorfälle gemeldet.

Doch nicht nur bei den nackten Zahlen scheint die Pandemie das Gewaltpotenzial gegenüber der Polizei beeinflusst zu haben. Kam die Gefahr früher von "links oder rechts", seien es inzwischen "normale Bürger, die Polizisten angreifen", berichtet Kriminalhauptmeisterin Martin in der "stern TV"-Diskussionsrunde. Das habe sich in den letzten zwei Jahren, seit Corona, verschoben. Früher seien es Jüngere gewesen, die "ihre Ideologien ausleben" wollten, inzwischen sei es ein Querschnitt der Bevölkerung, so die Polizistin. "Da gibt es den Rentner als Straftäter, der einfach mit dieser ganzen Situation überfordert ist, der seine Emotionen an der Polizei auslässt."

"Was kann die Polizei denn da machen?", fragt Moderator Nikolaus Blome.

"Mit viel Toleranz, mit viel Reden sollte man einen Weg finden", sagt Martin. Aber dafür müsse es erstmal eine gerade Linie der Regierung in der Corona-Politik geben, "damit die Leute wieder ihren Weg finden". Mit Blick auf die Demonstrationen sei das Motto der Polizei Deeskalation. "Wir sind ja auch nur Menschen", bekräftigt die Beamtin. "Wir wollen als Polizisten unser Gegenüber auch nicht verletzen."

Nach Schüssen in Kusel: "Oh Gott, das könnte dein Junge sein"

Auch Martins 21-jähriger Sohn will Polizist werden. Auf die Frage, wie sie damit umgehe, antwortet die Polizistin: "Als Gewerkschafterin sage ich: Das ist ein wunderschöner Beruf. Als Mutti sage ich: Ich habe große Angst um meinen Sohn." Als sie die Bilder aus Kusel gesehen habe, sei es ihr eiskalt den Rücken runtergelaufen, berichtet die Beamtin mit stockender Stimme. Zuerst habe sie an die jungen Kollegen denken müssen, mit denen sie in der Ausbildung arbeite. Der nächste Gedanke sei gewesen: "Oh Gott, das könnte dein Junge sein."

Wie real die Gewaltbereitschaft ist, zeigt sich nach der Tat in Kusel vor allem im Netz. Dort häufen sich die Hasskommentare, Beifallsbekundungen mit den Tätern und konkreten Drohungen gegen Beamte. So konkret, dass die Polizei in der Nacht zu Freitag einen Mann im Raum Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) festnimmt, der online zu weiteren Polizistenmorden aufgerufen hat. Wie die Beamten mitteilten, hatte der 55-Jährige in zwei Facebook-Videos dazu aufgefordert, Polizisten auf einen Feldweg zu locken und aus dem Hinterhalt zu beschießen. Bei der Wohnungsdurchsuchung entdecken die Beamten unter anderem eine Armbrust. Am Tag danach muss die Polizei wegen eines Drohanrufs in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern ausrücken. Der 49-jährige Tatverdächtige hatte am Telefon gesagt, "dass er gut und gern auch hier zwei Polizeibeamtinnen erschießen würde", berichtete ein Sprecher am Samstag.

Die Sorge wächst, dass aus Online-Drohungen Realität werden. "Wir erleben im Netz gerade widerwärtige Dinge", warnte Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Rande einer Gedenkfeier in Kusel. Dass die Tat von manchen bejubelt werde, sei "menschenverachtend" und "schlimm". 

Polizistin kritisiert bei "stern TV" billige Ausrüstung

Noch sind im Fall Kusel viele Fragen offen. Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft (GdP), ist sich sicher, auch eine bessere Schutzausrüstung hätte die beiden Polizisten nicht vor dem Tod bewahrt. "In dem Fall Kusel haben zwei Täter skrupellos und kaltblütig bei einer Fahrzeugkontrolle zwei Polizisten ermordet. Dagegen kann sich Polizei nicht schützen", sagt er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Das sieht die Kriminalhauptmeisterin Martin etwas anders. In der Talkrunde bei "stern TV" fordert sie von der Politik, dass sich etwas an der Ausrüstung ändern muss: "Dass wir nicht die billigste Ausrüstung haben, sondern die beste Ausrüstung für alle Polizisten im ganzen Bundesgebiet." Die Beamtin erklärt, dass die Polizei als öffentlicher Träger massiv von Einsparungen betroffen sei und "immer das preiswerteste Angebot" nehmen müsse. Selbst bei Schusswesten werde "der billigste Anbieter" genommen, kritisiert sie.

Dabei ist Fakt: Gerade bei Polizistinnen und Polizisten kann die Schutzausrüstung im Zweifelsfall über Leben und Tod entscheiden. Müde lächelnd zuckt Cathleen Martin mit den Schultern: "Entweder die Weste hält oder die Weste hält nicht."

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