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Physikalische Nesselsucht: Wenn die Haut auf äußere Reize reagiert

Reibung, Druck, Kälte, Wärme oder Licht - viele Faktoren können eine physikalische Nesselsucht auslösen. Allen gemeinsam ist, dass sie von außen einwirken. Die Ursachen dieser Form sind unbekannt.

Manchmal kann schon kühle Luft Quaddeln und Schwellungen auslösen

Manchmal kann schon kühle Luft Quaddeln und Schwellungen auslösen

Eine physikalische Nesselsucht entsteht immer durch äußere Einflüsse. Auf bestimmte Reize reagiert die Haut mit Quaddeln und Juckreiz, wobei diese in den meisten Fällen auf die Hautstellen begrenzt bleiben, die dem Reiz ausgesetzt sind. Auch wenn die Symptome denen einer Allergie ähneln, handelt es sich bei dieser Form nicht um eine Allergie. Über die Krankheitsdauer lässt sich wenig sagen, die Angaben variieren und hängen auch von der jeweiligen Art der physikalischen Nesselsucht ab. Nach heutigem Wissensstand umfasst die Erkrankung mindestens sechs verschiedene Typen. Die wichtigsten werden im Folgenden besprochen.

Reibungs-Nesselsucht

Die sogenannte Urticaria factitia, auch symptomatischer Dermographismus genannt, ist die häufigste Form der physikalischen Nesselsucht. Schätzungen zufolge leiden zwischen zwei und vier Prozent der Deutschen daran, wobei die Ausprägung sehr unterschiedlich sein kann. Der Auslöser ist ein leichtes bis mäßiges Reiben, Scheuern oder Kratzen, etwa durch den Trageriemen einer Tasche auf der Schulter. Manchmal reicht sogar schon das Reiben eines T-Shirts auf der Haut. An der betroffenen Stelle entstehen nach wenigen Minuten stark juckende Quaddeln und eine Rötung. Mediziner sprechen daher auch von der so genannten dermographischen Urtikaria, weil man mit einem Holzstäbchen auf der Haut regelrecht schreiben kann.

Druck-Nesselsucht

Bei dieser Form der Nesselsucht ruft Druck auf belastete Körperstellen tiefe Schwellungen hervor. Deshalb sind häufig der Rücken, die Handinnenflächen oder die Fußsohlen betroffen. Die Reaktion auf den äußeren Druck tritt entweder innerhalb einer Stunde auf, manchmal schon nach wenigen Minuten, oder verzögert nach vier bis acht Stunden auf. Vor allem Männer erkranken an der Druck-Urtikaria. Sie heilt im Durchschnitt nach sechs bis neun Jahren von alleine aus.

Kälte-Nesselsucht

Kalte Gegenstände, kalte Luft, kalte Flüssigkeit oder Eis verursachen bei manchen Personen Quaddelschübe und Schwellungen auf der Haut oder auf den Schleimhäuten. Wie hoch der Kältereiz sein muss, um solche Reaktionen hervorzurufen, variiert von Mensch zu Mensch: Manchmal reicht schon der kühle Film, der entsteht, wenn Schweiß auf der Haut verdunstet. Ein Sprung ins kalte Wasser kann sogar so viel von dem Botenstoff Histamin im gesamten Körper freisetzen, dass unter Umständen das Leben des Betroffenen gefährdet ist.

Meist sprießen die Quaddeln schon nach wenigen Minuten. Oft entstehen sie auch erst, wenn die Stelle sich wieder erwärmt. Die Beschwerden klingen nach 30 Minuten wieder ab, können jedoch einige Stunden bestehen bleiben. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Kälte-Nesselsucht, auch Kälte-Urtikaria genannt, kann beim ersten Mal zusammen mit einer Infektion und als Begleiterscheinung einer Blut- oder Immunkrankheit auftreten. Ärzte nennen sie dann sekundäre Kälte-Nesselsucht.

Wärme-Nesselsucht

Diese Form der Urtikaria ist ausgesprochen selten. Quaddeln treten nur dort auf, wo eine Wärmequelle direkt mit der Haut in Kontakt kommt. Die auslösenden Temperaturen liegen zwischen 38 und 56 Grad Celsius.

Licht-Nesselsucht

Bei dieser Form bilden sich nach wenigen Minuten Quaddeln auf Hautstellen, die direkt mit Licht in Berührung gekommen sind. Auslöser sind meist UV-A-Strahlen, seltener UV-B-Strahlen. Auch die Licht-Urtikaria kommt nur sehr selten vor.

Symptome

Die Symptome einer physikalischen Nesselsucht können sehr unterschiedlich ausfallen und sich an verschiedenen Körperstellen zeigen, je nach äußerem Reiz.

Reibungs-Nesselsucht

Bei einer Reibungs-Nesselsucht entstehen Quaddeln, wenn an der Haut etwas reibt, scheuert oder kratzt, etwa ein Gürtel oder Tragriemen. Der Juckreiz ist hierbei nicht immer auf die Fläche mit dem Ausschlag begrenzt. Auch darüber hinaus kann die Haut jucken.

Druck-Nesselsucht

Ist direkter Druck der Auslöser einer Nesselsucht, entstehen tiefliegende Schwellungen, die gerötet sind und schmerzen - vor allem an Fußsohlen und Handinnenflächen sowie am Gesäß. Häufig klagen Betroffene außerdem über Übelkeit, Schwindel, Fieber oder Kopfschmerzen.

Kälte-Nesselsucht

Bei der Kälte-Urtikaria können die Quaddeln auf die Kontaktstelle begrenzt sein oder sich über den gesamten Körper verteilen. Außerdem entstehen manchmal sogenannte Angioödeme, also tiefer liegende Schwellungen der Haut. Die meisten Betroffenen leiden unter Juckreiz und brennenden Schmerzen. Bei einem starken Kältereiz, ausgelöst durch einen Sprung ins kalte Wasser oder ein sehr kaltes Getränk, kommt es außerdem zu Übelkeit, Schluckbeschwerden, Atemnot, Schwindelgefühl, Ohnmacht, Bewusstlosigkeit bis hin zum lebensgefährlichen Schock.

Wärme-Nesselsucht und Licht-Nesselsucht

Quaddeln entstehen ebenfalls, wenn eine Wärme- oder Lichtquelle direkt mit der Haut in Berührung kommt.

Diagnose

Je nach Art der physikalischen Nesselsucht hat der Arzt verschiedene Möglichkeiten, den Auslöser für die Beschwerden zu finden.

Reibungs-Nesselsucht

Streicht der Arzt fest mit einem Holzspatel über die Haut, ruft das bei einer Reibungs-Nesselsucht innerhalb von wenigen Minuten Quaddeln, Rötungen und Juckreiz an dieser Stelle und darüber hinaus hervor.

Druck-Nesselsucht

Bei Verdacht auf eine Druck-Nesselsucht führt der Arzt einen Drucktest durch. Hierzu legt sich der Betroffene auf eine Liege und bekommt für 10 bis 20 Minuten ein bis zwei Kilogramm schwere Gewichte auf den Rücken gelegt. Die Druckfläche ist etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Direkt danach untersucht er die Haut auf Quaddeln, um eine Reibungs-Nesselsucht auszuschließen. Nach vier, sechs und acht Stunden schaut er sich die Druckstellen erneut an, um tiefere Hautschwellungen zu entdecken.

Kälte-Nesselsucht

Die Provokationstests hierfür sind nicht standardisiert und variieren mitunter sehr. Der einfachste ist der Eiswürfeltest, bei dem der Arzt einen Eiswürfel für drei Minuten auf die Haut des Unterarms legt. Bleibt eine Reaktion aus, folgt vielleicht noch ein Kaltwasser-Armbad. Der Arzt muss solche Provokationstests immer sorgfältig überwachen, weil Betroffene mit Luftnot oder einem Schock reagieren können. Sie zielen auch darauf ab, die Reizschwelle zu bestimmen.

Sehr einfach lässt sich eine Kälte-Nesselsucht auch mit einem sogenannten TempTest-Gerät nachweisen. Es besteht aus einem Thermoelement, dessen Temperatur sich mithilfe eines Steuergerätes genau einstellen lässt. Der Arzt kann hiermit die Schwellentemperatur bestimmen, ab der die Quaddeln auftreten.

Wärme-Nesselsucht

Um eine Wärme-Nesselsucht zu diagnostizieren, legt der Patient seinen Unterarm in 40 bis 42 Grad warmes Wasser, oder der Arzt stellt einen angewärmten Metall-Zylinder auf dessen Haut. Meist entstehen die Quaddeln sofort nach dem Kontakt mit der Wärmequelle, selten erst nach mehreren Stunden.

Licht-Nesselsucht

Bei einer vermuteten Licht-Nesselsucht werden einige Stellen der ungebräunten Haut mit UV-A-Strahlen, UV-B-Strahlen oder sichtbarem Licht bestrahlt. Die Haut darf mehrere Tage vorher nicht in der Sonne gewesen sein - dies würde das Testergebnis verfälschen. Erscheinen spätestens zwei Stunden nach der Bestrahlung Quaddeln auf der Haut, ist das ein wichtiger Hinweis auf die Erkrankung.

Therapie

Je nach Art der physikalischen Nesselsucht unterscheiden sich die Behandlungsmethoden.

Reibungs-Nesselsucht

Bei der Reibungs-Nesselsucht helfen Medikamente gegen den Botenstoff Histamin. Das sind die so genannten Antihistaminika. Zusätzlich ist es gut, den auslösenden Reiz zu meiden oder zu verringern: etwa durch breitere, gepolsterte Trageriemen bei Taschen oder wattierte Handschuhe bei der Arbeit mit Werkzeugen.

Druck-Nesselsucht

Eine Druck-Nesselsucht ist mit Medikamenten schwer zu beeinflussen. Versuchsweise kann der Arzt Antihistaminika in hoher Dosis verordnen. Auch ein starkes Kortisonpräparat als Creme oder Salbe kann die Beschwerden lindern. Allerdings wird wegen der Nebenwirkungen nur eine zeitlich begrenzte Anwendung empfohlen. Manchmal lässt sich ein längerer Einsatz aber nicht vermeiden. Wichtig ist außerdem, den Auslöser weitestgehend zu vermeiden. Dabei helfen luftgepolsterte Schuhe und Sitzflächen oder gepolsterte Möbel ohne scharfe Kanten.

Kälte-Nesselsucht

Die wichtigste Therapie bei einer Kälte-Urtikaria ist, plötzliche, starke Kältereize zu meiden, da sie im schlimmsten Fall einen Schock auslösen können. Tragen Sie deshalb immer ein Notfall-Set mit sich. Auch ein Notfallpass kann Ihr Leben retten, denn er hilft, rechtzeitig Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. So sollte bei Operationen der Operationsraum nicht zu kühl sein, und der Anästhesist sollte Infusionen vorwärmen, bevor er sie verabreicht.

Wird die Kälte-Nesselsucht durch eine andere Krankheit, etwa durch eine Entzündung, verursacht, muss der Arzt auch diese behandeln. Selbst wenn die Ursache der Nesselsucht unklar ist, kann eine dreiwöchige Antibiotikatherapie helfen. Dazu verschreibt der Arzt Penicillin oder Doxycyclin. In der Hälfte der Fälle verschwindet die Nesselsucht danach. Gegen die Symptome wirken auch hoch dosierte moderne Antihistaminika. Hilft das nicht, kann der Arzt versuchsweise andere Arzneien verschreiben: Omalizumab, Leukotrien-Antagonisten, welche die Ausschüttung von Botenstoffen hemmen, oder das Lepra-Medikament Dapson.

Wärme-Nesselsucht

Bei Wärme-Nesselsucht hilft ein einfaches Rezept: Meiden Sie die entsprechenden Reize - das genügt in der Regel. Ansonsten helfen Antihistaminika.

Licht-Nesselsucht

Achten Sie im Freien auf konsequenten Lichtschutz, wenn Sie an einer Licht-Urtikaria leiden. Unter ärztlicher Kontrolle können Sie die Haut mit Bestrahlungen auch langsam wieder an die Sonne gewöhnen.

Sarah Schelp