Alternativmedizin Gefühlter Vorteil

Komplementärmedizin setzt vermehrt auf Körperkontakt
Komplementärmedizin setzt vermehrt auf Körperkontakt
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Über wirksamere Methoden verfügen Naturheilkundler wohl nicht. Was sie der Schulmedizin voraushaben: Sie hören zu, fassen ihre Patienten mehr an und widmen ihnen viel Zeit.
Von Edzard Ernst

Etwa zwei Drittel aller Deutschen schätzen komplementärmedizinische Therapien. Dabei ist die konventionelle Medizin heute effektiver als je zuvor - und die Wirksamkeit der meisten Alternativmethoden alles andere als gut belegt. Dass sie dennoch so beliebt sind, führen die meisten Experten darauf zurück, wie Naturheilkundler mit Patienten umgehen.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die Beziehung von Therapeut und Patient in der Komplementärmedizin in entscheidenden Punkten anders aussieht als in der Schulmedizin. Naturheilkundler nehmen sich zum Beispiel meist mehr Zeit. Sie hören zu und können so auf die Belange ihrer Patienten besser eingehen. Diese stufen Empathie, Sympathie, Einfühlungsvermögen und Offenheit hoch ein. Qualitäten, die im Alltag der konventionellen Praxis leider oft hintenanstehen.

Hinzu kommt der körperliche Kontakt - ein wenig beforschter Umstand, vermutlich jedoch von erheblicher Bedeutung. Schulmediziner berühren ihre Patienten nur noch selten. Die traditionelle körperliche Untersuchung ist zum Großteil durch Labor- und andere Tests ersetzt worden. Selbst Blutdruckmessungen laufen halb automatisch fast ohne Kontakt ab. Im Vergleich gibt es während einer Konsultation beim Manualtherapeuten oder Akupunkteur viel mehr Körperkontakt. Dieser hilft, eine intensive Therapeut-Patient-Beziehung aufzubauen; er beruhigt und flößt Vertrauen ein.

Naturheilkunde hilft Kontrolle zu bewahren

Weitere Faktoren sind wahrscheinlich ebenso wichtig: Patienten wollen ihr gesundheitliches Schicksal nicht aus der Hand geben. Naturheilkundliche Therapien geben viel Gelegenheit, die Kontrolle über die eigene Gesundheit zu bewahren. Kneipp’sches Wassertreten, Tai-Chi oder Yoga involvieren den Patienten zu 100 Prozent, und diese Einbeziehung motiviert ihn.

Ein Schulmediziner mag ein Medikament verschreiben. Dem Patienten obliegt es dann lediglich, es regelmäßig einzunehmen. In der Komplementärmedizin wird dagegen meist viel mehr Wert darauf gelegt, dass der Patient Eigenverantwortung übernimmt, etwa regelmäßige Entspannungsübungen absolviert und gesundheitsschädigende Verhaltensweisen unterlässt.

All das intensiviert die zwischenmenschlichen Interaktionen. Untersuchungen zeigen, dass dies der Hauptgrund dafür ist, warum Patienten die Komplementärmedizin schätzen. Viele konsultieren Heilpraktiker und naturheilkundliche Ärzte also nicht wegen deren effektiver Verfahren, sondern wegen der Beziehung, die sie zu den Heilern aufbauen können. Sie fühlen sich verstanden und motiviert, an ihrer eigenen Gesundheit mitzuarbeiten. Die Erkenntnis, dass Komplementärmedizin so beliebt ist, muss deshalb zugleich als deutliche Kritik an der Schulmedizin verstanden werden, die als kalt oder zu technisch empfunden wird.

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