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Angebliches Abnehm-Mittel Chitosan: Fischige Verheißungen

Das Krabbenschalen-Präparat Chitosan soll Fett förmlich aus dem Körper saugen. Doch vor allem zieht es den Käufern das Geld aus der Tasche, warnt Edzard Ernst.

Viel essen und trotzdem abnehmen - das klappt auch nicht mit Chitosan

Viel essen und trotzdem abnehmen - das klappt auch nicht mit Chitosan

Schier unendlich ist die Auswahl an Mitteln, die angeblich beim Abnehmen helfen - und damit meist weit mehr versprechen, als sie halten können. Einer der Verkaufsschlager unter den "alternativen" Gewichtsverminderern ist derzeit Chitosan. Die Substanz besteht, vereinfachend gesagt, aus pulverisierten Schalen von Krabben und ähnlichen Meerestieren.

Diese wasserunlöslichen Faserstoffe, die der Darm nicht absorbieren kann, binden Fett; zumindest lässt sich das im Reagenzglas so zeigen. Was liegt also näher als die Annahme, im menschlichen Darm passiere Ähnliches? Wenn Fett auf diese Weise gebunden und unverdaut ausgeschieden würde, dann würden dem Körper kalorienreiche Nährstoffe entzogen. Ein Effekt, der natürlich sehr gut zum Abnehmen genutzt werden könnte.

Annahmen sind gut, Beweise sind besser. Die Mehrheit der Untersuchungen zeigt, dass die mit dem Stuhl eliminierte Fettmenge bei der Einnahme von Chitosan nicht deutlich ansteigt. Aber die Ergebnisse sind nicht einheitlich, und vielleicht sind diese Labordaten auch nicht völlig zuverlässig. Wie so häufig in der Medizin gilt: Entscheidend ist, was klinische Studien besagen.

Hier liegt es nahe, sich auf Untersuchungen mit Mitteln zu beschränken, die außer Chitosan keine weiteren potenziell gewichtsmindernden Stoffe enthalten. Ferner sollten die Studien eine ausreichend lange Laufzeit haben, um tatsächlich auch einen Effekt zeigen zu können. Derzeit existieren sieben Untersuchungen, die diese Voraussetzung erfüllen. Die meisten von ihnen zeigen keinen Effekt von Chitosan auf das Körpergewicht. Weder die Therapiedauer noch die Dosis scheinen einen entscheidenden Einfluss auszuüben. Auch eine Metaanalyse aller Placebo-kontrollierten Chitosan-Studien kommt zu dem Schluss, dass eine Gewichtsreduktion nicht belegt werden kann.

Potenziell gefährliche Nebenwirkungen

Was im Reagenzglas klappt, funktioniert im menschlichen Darm offenbar nicht wie erhofft. Schlechte Karten also für das derzeit beliebte Abnehmmittel. Beleuchtet man die Frage, ob Chitosan möglicherweise Schaden anrichten kann, sieht das Blatt noch schlechter aus. Denn falls der Faserstoff im Darm doch geringe Mengen Fett binden sollte, wie er das im Reagenzglas tut, dann bestünde die Gefahr, dass über diesen Mechanismus dem Körper lebenswichtige Stoffe entzogen werden, zum Beispiel fettlösliche Vitamine oder Medikamente. Tatsächlich gibt es einige Hinweise darauf, dass dies eine potenziell ernste Nebenwirkung von Chitosan sein könnte. Und schließlich sollten wir auch die Folgen für den Geldbeutel erwähnen: Chitosan-Präparate sind nicht billig.

Unterm Strich kommt für Chitosan also herzlich wenig heraus. Die wissenschaftlichen Untersuchungen sprechen gegen eine Wirksamkeit, die Nebenwirkungen sind potenziell gefährlich. Für mich erlaubt das nur einen Schluss: Hände weg!

Edzard Ernst
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