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Alternative Medizin: Was sie wirklich kann

Auf dem Markt buhlen Schulmedizin und Naturheilkunde um Gunst und Geld der Patienten. In acht Folgen stellt der stern die wichtigsten von ihnen vor und hilft, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wenn es galt, Schmerzen zu bekämpfen und Leiden zu lindern, war der Einfallsreichtum der Menschheit immer schon groß. Grabungsfunde belegen, dass schon vor Tausenden Jahren Schädel aufgesägt und angebohrt wurden - nicht etwa nur von den Ärzten der hoch entwickelten Kulturen Chinas oder Ägyptens: Einige der besterhaltenen Exemplare stammen aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Dort herrschte damals tiefste Steinzeit.

Wurden so Verletzungen kuriert, Migräne oder Epilepsie behandelt? Sicher ist: Der Wunsch zu heilen hat schon sehr früh den Erfindungseifer der Menschen geweckt. Immer weiter ist der Fundus der Therapieformen gewachsen. Heute reicht die Liste der Mittel, die der Mensch ersonnen hat, um der Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit seines Körpers zu begegnen, vom Aderlass bis zur Radionuklidbehandlung, von der Akupunktur bis zur Schutzimpfung, von Yoga bis Viagra.

Das Repertoire der Behandlungsformen jedoch gruppiert sich längs weltanschaulicher Kampflinien. Kaum je wird der Radiotherapie-Profi seinen Patienten zur Ader lassen wollen. Ebenso wenig wird der Yoga-Meister, sofern er es überhaupt darf, zum Rezeptblock greifen, um synthetische Gliedversteifer zu verordnen.

Durch die Welt der Heilkunde geht ein Riss. Auf der einen Seite - behaupten Kritiker gern - habe sich das medizinische Establishment verbunkert, die ihre Privilegien verteidigende Elite eines seelenlosen Rationalismus, der nicht in der Lage sei, den "ganzen Menschen" zu sehen, nur "Symptome" kuriere. Ärzten dieser Schule mangele es an "sanften Therapien", und sie neigten dazu, stets zur "chemischen Keule", zum "nicht naturgemäßen" Stahl und Strahl zu greifen.

Diesseits des Grabens, immer an der Seite der Kranken, sehen sie sich selbst, die Praktiker der "alternativen", der "ganzheitlichen", der "sanften" Medizin. Für den nach Ideologie und Glaubensgewissheit hungernden Zeitgenossen mögen derlei weltanschauliche Debatten unterhaltend und bestärkend sein - für den kritischen Verbraucher sind sie es längst nicht mehr. Dem Patienten, der heute gesund werden möchte, kann es gleich sein, ob die Behandlung, die ihn kuriert, im Schlaf erträumt oder im Reagenzglas entdeckt wurde. Es muss ihn nicht scheren, ob das Idol seines Arztes Paracelsus oder Barnard heißt. Wichtig ist nur, dass am Ende sein Wohlbefinden wieder hergestellt ist, seine Leiden gelindert werden.

Opposition zur westlichen Medizin

In acht Serienteilen stellt der stern Therapien und Traditionen vor, denen oft nur eines gemeinsam ist: Sie sind nicht typisch für den Mainstream der westlichen Medizin oder sind in Opposition oder als Nebenlinie zu ihm entstanden und teils bereits erfolgreich integriert worden. Ein Beispiel für Ersteres ist die so genannte Traditionelle Chinesische Medizin, ein Destillat aus zum Teil über zwei Jahrtausende alten heilkundlichen Praktiken. Zu deren bekanntesten Methoden zählt die Akupunktur. Exempel für gelungene Integration und Koexistenz sind die besonders in Deutschland hoch entwickelten Therapien mit pflanzlichen Arzneimitteln und die physikalischen Behandlungen, etwa nach Sebastian Kneipp, die den Grundstein der modernen Badekur bilden.

In einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den stern gaben 35 Prozent der Befragten an, bereits mit Erfolg Pflanzenheilkunde angewendet zu haben, weitere 32 Prozent würden es probieren. 43 beziehungsweise 20 Prozent sind es im Falle von Kneipp-Anwendungen, 33 beziehungsweise 20 Prozent bei der Homöopathie. Deutlich abgeschlagen sind dagegen Mode-Therapien, die einen kurzlebigen Boom erlebten: Behandlungsversuche mit Eigenharn haben nur vier Prozent der Umfrageteilnehmer gewagt, "Hildegard-Medizin" wendeten ganze drei Prozent an.

Leitmotiv unserer Serie ist es, ganz die Interessen des Verbrauchers heilkundlicher Angebote in den Mittelpunkt zu rücken, also Antworten auf die Frage zu geben: "Welche Behandlungsform bietet mir gute Aussichten auf ein optimales Therapieergebnis?" Im Idealfall Heilung, zumindest aber bessere Lebensqualität bei chronischen Leiden wie Asthma oder Rheuma.

Wir werden die Traditionen beleuchten, aus denen die einzelnen Therapierichtungen entstanden sind. Das nicht selten nur aus gefälligen Phrasen zusammengezimmerte Marketing konkurrierender Schulen werden wir aber, so weit es geht, ignorieren - nicht die Verpackung zählt, sondern die Ware. Professor Robert Jütte, Medizinhistoriker in Stuttgart und Autor einer umfassenden "Geschichte der alternativen Medizin", nennt ein Beispiel für gefälligen Zierrat: "Die chinesische Medizin wird bei uns als "Ganzheitsmedizin" verkauft. Da wundern sich die Chinesen. Das ist eine auf Körpertechniken abzielende Medizin. Sie will nicht auf den Geist wirken, sondern über den Körper, sei es durch Massage, über Kräuter, mit Nadeln. Der neutral erscheinende Begriff Ganzheitsmedizin ist ideologisch hoch belastet." Belastet deshalb, weil die Vokabel in den fünfziger Jahren von jenen Naturheilkundlern zum unverdächtigen Etikett erkoren wurde, die dringend neue Namen für ihr Tun brauchten - hatten sie doch just eine leidenschaftliche Affäre mit dem Nationalsozialismus hinter sich, woran sie, wie auch "rassenkundlich" engagierte Schulmediziner, nicht gern erinnert wurden.

Das für Patienten Interessante an der Alternativmedizin liegt jenseits ihrer werblichen Selbstdarstellung: Es sind ihre Methoden. Es ist ihre handwerkliche Seite. Die verdient es, ernst genommen zu werden. Mehrfach zeigte sich, dass das Einstechen spitzer, feiner Nadeln in die Haut des Patienten als wirksame Therapie taugt, zum Beispiel bei Zahnschmerzen oder Übelkeit. Deutsche Wissenschaftler haben sogar eigens "Placebo-Nadeln" erfunden, die den Behandelten nicht wirklich stechen - so wurde sichergestellt, dass nicht allein der Glaube an die Therapie heilt. In der Praxis waren die echten Spitzen den Attrappen überlegen. Schlussfolgerung: Ganz unabhängig davon, ob das Ideologiegebäude der chinesischen Medizin kritischer Betrachtung standhält, ganz gleich, ob die "Lebensenergie" Qi entlang bestimmter "Meridiane" fließt, die noch kein Anatom je finden konnte, haben die Mediziner im Reich der Mitte vor zwei Jahrtausenden eine wertvolle Behandlungsmethode entdeckt.

Das mag ebenso für weitere therapeutische Importware gelten. Paul Unschuld, Medizingeschichtler in München und einer der besten Kenner der chinesischen heilkundlichen Traditionen, attestiert ihnen "in der Arzneikunde, in Atemtechniken oder der Massage ein reiches praktisches Wissen, das auch heute noch vielen hilfreich erscheint. Der Kern des Problems sind die Theorien." Unschuld erläutert: "Mit Yin und Yang kann man zwar vieles im Nachhinein erklären, aber keine Flugzeuge in die Luft und keinen Wecker zum Klingeln bringen. Und hier liegt die Gretchenfrage: Hat es einen Sinn, ein Ideensystem der Antike in die Gegenwart zu übertragen, dessen faktische Realitätsnähe sich auf Banalitäten wie den Dualismus von Tag und Nacht, Hell und Dunkel, Mann und Frau beschränkt?"

"Natürlich nicht!", will der naturwissenschaftlich Gebildete unvermittelt ausrufen. Doch macht er einen Denkfehler, wenn er eine Heilkunde vorauseilend verwirft, weil sie wirksame Methoden mit falschen Argumenten zu erklären versucht: Man kann Gutes tun, ohne seine wirklichen Gründe zu kennen.

Praxistests wie im Falle der Akupunktur lassen sich für die meisten alternativmedizinischen Behandlungsformen ersinnen - nichts außer weltanschaulichen Scheuklappen hindert uns daran, beispielsweise homöopathische "Kügelchen" mit Attrappen aus Zucker zu vergleichen. Wichtig ist, dass weder Behandler noch Patient bei diesem Experiment erfahren, ob Letztere das echte oder das Scheinpräparat (ein Placebo) enthalten. Schneidet dabei das echte Medikament signifikant besser ab als das Placebo, spräche nichts dagegen, es in den Schatz der akademischen Medizin aufzunehmen, egal, wie abwegig die Lehre des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann einem gestrengen Wissenschaftler erscheinen mag.

Diesen Weg zu gehen dient dem Patientenwohl: Wo ineffiziente und sinnlose Behandlungen solidarisch finanziert werden, das Kassenmitglied also von der Illusion lebt, "meine Kasse zahlt ja dafür", wird eines Tages die Rechnung präsentiert - in Form der nächsten Beitragserhöhung oder neuen Zuzahlungspflicht. Und wer ohnehin in die eigene Tasche greifen muss, weil er alternative Heilverfahren außerhalb des Kassen-Leistungskatalogs in Anspruch nehmen möchte, wird erst recht wissen wollen, ob seine Investition sinnvoll ist. Wer behauptet, die Methoden der Alternativmedizin seien für derlei Tests nicht zugänglich, beleidigt die Vernunft: Er gleicht einem Autohändler, der leitungswasserbetriebene Limousinen offeriert, Zweiflern jedoch die Probefahrt verweigert. Eine Heilkunde, die einzig Strenggläubige ihrer eigenen, reinen Lehre zu behandeln vermag, ist keine Medizin, sondern ein sozialreligiöser Erlösungskult - und damit für die Allgemeinheit kaum von Interesse.

Oder doch? Kann nicht beispielsweise allein der Glaube an die Kräfte eines Geistheilers Krankheiten überwinden? Selbst dies lässt sich placebokontrolliert überprüfen. Professor Edzard Ernst, einer der weltweit führenden Alternativmedizin-Forscher und wissenschaftlicher Berater dieser Serie, hat es getan - mit negativem Ergebnis. Dennoch ist in diesem Fall das letzte Wort nicht gesprochen: In seinem umfassenden Handbuch alternativmedizinischer Behandlungsformen erwähnt Ernst 23 weitere hochwertige Studien, von denen die Hälfte den beteiligten Geistheilern ein positives Therapieergebnis bescheinigte. Das faire Resümee: "Ob Geistheilung spezifische therapeutische Effekte erzielt, ist unklar. Sie besitzt geringe Risiken. Es besteht keine genügende Evidenz dafür, diese Methode entschieden zu empfehlen oder zu verwerfen."

Bei derart diffuser Datenlage bleibt es dem Hilfesuchenden selbst überlassen, ob er sich auf einen vielen exotisch erscheinenden therapeutischen Selbstversuch einlassen möchte. Sofern er nicht psychisch krank ist oder durch seinen Heiler davon abgehalten wird, eine schwere Erkrankung - etwa Krebs - nach den Regeln der ärztlichen Kunst diagnostizieren und behandeln zu lassen, droht dabei kaum Gefahr. Denn es ist allemal besser, dem Leidensdruck aktiv etwas entgegenzusetzen, als dem therapeutischen Nihilismus zu erliegen und sich mit ärztlichem Achselzucken abspeisen zu lassen.

Die "Droge Arzt"

Gerade die von vielen Praxisgängern empfundene individuelle Geringschätzung, die Schnellabfertigung im medizinischen Alltag - Rezept auf die Hand und der Nächste bitte - hat der alternativen Medizin viel Zulauf beschert. Das ist verständlich: Die "Droge Arzt" ist hoch potent, und viele Menschen erleiden Entzugssymptome, wenn sie ihnen vorenthalten wird - da kann der Heilpraktiker von Fall zu Fall willkommenen Ersatz bieten.

Zuspruch, Trost und entschlossen helfendes Handeln eines als kompetent empfundenen Menschen setzen in uns offensichtlich Kräfte der Selbstheilung frei. Berühmt geworden sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel die scheinchirurgischen Eingriffe des Orthopäden Bruce Moseley, der an den Knien einer Gruppe von Patienten lediglich Hautschnitte vornahm, Nähte setzte und sie als erfolgreich operiert wieder entließ. Langfristig ging es den Schein-Operierten ebenso gut wie jenen, die einen echten Knie-Eingriff hinter sich hatten.

Bedeutet das, dass dramatische Inszenierung, Zauber und Brimborium - also die Rituale medizinischen Handelns - ebenso heilkräftig sind wie der eigentliche Eingriff? Kaum: Denn was Moseley und Kollegen tatsächlich belegt haben, ist schlicht, von wie geringer Wirksamkeit gängige orthopädisch-chirurgische Eingriffe sind. Wer einem Massenansturm von Streptokokken ausgesetzt ist, sollte hingegen nach wie vor auf Antibiotika setzen, statt den Gesundbeter zu bemühen.

Vertreter alternativmedizinischer Richtungen argumentieren gern, hochwertige Studien - etwa im Zuge einer Arzneimittelzulassung - seien so teuer, dass allein die "schulmedizinische" Pharmaindustrie sie sich leisten könne. Doch mittlerweile fördern unter anderem die US-Gesundheitsbehörden die kritische Untersuchung alternativer Methoden mit dreistelligen Millionenbeträgen - und Arbeitsgruppen wie die von Professor Ernst in Exeter beweisen, dass selbst mit bescheideneren Budgets viel patientenfreundliche Aufklärung geleistet werden kann.

Die Geschichte lehrt: In unserer medizinischen Tradition hat es stets alternative Schulen, abweichende Meinungen und Außenseiter gegeben. Ignaz Semmelweis, der Mitte des 19. Jahrhunderts das tödliche Kindbettfieber erfolgreich bekämpfte, indem er die Mitarbeiter seiner Wiener geburtshilflichen Station verpflichtete, sich die Hände zu desinfizieren, machte sich dadurch zum Außenseiter - Jahrzehnte später wurden Bakterien als Krankheitserreger entdeckt, der Sinn seiner Methode wurde verständlich. Wirksam war sie freilich schon vorher.

In diesem Sinne werden die alternativen Ideen der Cleveren unter den Abweichlern von der Norm auch in Zukunft die Medizin bereichern. Medizingeschichtler Robert Jütte sagt: "Es wird bestimmten Strömungen der Zutritt zur akademisch etablierten Medizin gelingen, andere Therapieformen werden herausfallen. Einen Markt für Richtungen, die sich von der vorherrschenden Lehre abgrenzen wollen, dürfte es auch in Zukunft geben." Wir, die mündigen Verbraucher und Patienten auf dem Marktplatz medizinischer Möglichkeiten, haben weitgehende Wahlmöglichkeiten. Die acht Teile dieser Serie sollen helfen, dabei den Überblick zu behalten.

Christoph Koch

Wissenscommunity