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Apoplexie: "Wir wussten nicht, dass Kinder Schlaganfälle haben können"

Schon Säuglinge können Schlaganfälle erleiden. Risikofaktoren und Therapien sind kaum bekannt, die Diagnose schwierig. Ärzte suchen nun nach den Ursachen für den Infarkt im Kinderhirn.

Es sah aus wie ein Krampfanfall: Zunächst zuckte die kleine Alexzandra Gonzales, dann wurde sie schlaff und atmete kaum noch. Verzweifelt eilten die Eltern mit dem Kind zum Krankenhaus, und die Diagnose der Ärzte konnten sie kaum glauben: Nur Tage vor ihrem ersten Geburtstag hatte ihre Tochter einen Schlaganfall erlitten. "Wir wussten gar nicht, dass Kinder überhaupt Schlaganfälle haben können", sagt die Mutter Amanda Gonzales.

Diese Fehleinschätzung ist weit verbreitet, dabei erleiden in Deutschland jährlich rund 300 Kinder und in den USA sogar Tausende einen Hirninfarkt, und ihre Zahl nimmt nach Expertenangaben zu. Erst jetzt laufen langsam systematische Bemühungen an, Schlaganfälle bei den kleinen Patienten schneller zu diagnostizieren und die besten Behandlungsmöglichkeiten zu ermitteln.

Noch viele Wissenslücken bei den Ärzten

"Das Thema erhielt wenig Aufmerksamkeit", klagt Raymond Pitetti, Leiter der Notaufnahme am Kinderkrankenhaus von Pittsburgh. Der Mediziner gründete ein pädiatrisches Schlaganfallteam, nachdem ihm die Zunahme solcher Patienten in der Ambulanz aufgefallen war. "Es gibt noch sehr viele Wissenslücken", stimmt auch John Lynch von den staatlichen National Instituts of Health zu.

Generell sind Schlaganfälle bei Kindern selten. Dennoch sind davon laut Lynch in den USA jährlich etwa 1000 Un- oder Neugeborene betroffen. Weitere 3000 bis 5000 Menschen erleiden einen Schlaganfall im Alter zwischen einem Monat und 18 Jahren. Zwischen 10 und 25 Prozent der Betroffenen überleben den Anfall nicht.

Bleibende motorische oder kognitive Schäden

Früher gingen Experten davon aus, dass sich die überlebenden Kinder besser erholen als Erwachsene nach einem Schlaganfall. Inzwischen weiß man, dass mehr als die Hälfte von ihnen bleibende motorische oder kognitive Schäden davontragen.

Über die Behandlung eines Schlaganfalls bei Kindern gibt es bislang kaum Studien. Die Therapie orientiert sich bislang noch an der Behandlung von Erwachsenen. Aber die Ursache von deren Anfällen, meist verhärtete verstopfte Blutgefäße, ist bei den jungen Menschen nur selten der Grund. Und nur selten erfolgt die Diagnose bei Kindern so schnell, dass sich die Gabe von Medikamenten lohnen würde, die bei Erwachsenen den Blutfluss wiederherstellen können.

Dies alles könnte sich bald ändern: Unter Leitung des Kinderkrankenhauses von Toronto soll eine internationale Studie Risikofaktoren und die besten Therapiemöglichkeiten für Kinder ermitteln. Zwar können angeborene Herzfehler, ungewöhnliche Blutgefäße, Sichelzellenanämie und bestimmte Infektionen Schlaganfälle auslösen - in zwei Drittel aller Fälle liegt die Ursache jedoch im Dunklen. Eine Studie von Lynch deutet darauf hin, dass viele der Patienten genetische Mutationen aufweisen, die die Blutgerinnung und den Stoffwechsel verändern. Bislang konzentriert sich die Behandlung darauf, die Schäden durch einen Schlaganfall zu begrenzen und einen zweiten Anfall zu verhindern.

Sprachverlust, Krämpfe oder Schwäche auf einer Körperseite

Die kleines Alexzandra Gonzales kam am 24. Juli in die Pittsburgher Klinik. Drei Tage später, an ihrem ersten Geburtstag, erlitt sie einen zweiten Schlaganfall. Um nach der Schwellung Hirnschäden zu vermeiden, entfernten Chirurgen ein Stück ihres Schädelknochens. Als das Kind eine Woche später wieder das Bewusstsein erlangte, konnte es nicht einmal seinen Kopf alleine anheben. Nach vier Monaten intensiver Rehabilitation kann das Baby aber nun wieder sitzen und sogar mit Unterstützung stehen.

Zwar kennen die Ärzte nach wie vor nicht die Ursache für die Schlaganfälle, aber Alexzandra hatte das Glück, dass die Mediziner in der Notaufnahme ihren Zustand sofort richtig diagnostizierten. Viel zu oft geschieht dies laut Pitetti nicht, gewöhnlich erkennen Krankenhäuser die Ursache erst sehr spät. Und auch Eltern kennen die akuten Symptome wie Sprachverlust, Krämpfe oder Schwäche auf einer Körperseite nicht. Daher rät der Experte Eltern, ihr Kind neurologisch untersuchen zu lassen, falls es eine Seite stark bevorzugt.

Lauran Neergaard/AP / AP
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