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Toxisches Schocksyndrom Frau verlor Bein wegen eines Tampons

Lauren Wasser mit amputiertem Unterschenkel, den sie aufgrund eines Toxischen Schocksyndroms verlor
Lauren Wasser erlitt ein Toxisches Schocksyndrom. Schuld war ein Tampon. Gekostet hat es ihr einen Unterschenkel. Nun will sie gegen den Tampon-Hersteller klagen.
© Scrrenshot/instagram/fotofetish
Ein amerikanisches Model verliert ein Bein, nachdem es an einem Toxischen Schocksyndrom (TSS) erkrankte. Die Ursache: ein Tampon. Die Bakterieninfektion TSS ist äußerst selten, doch wenn sie auftritt, kann sie gefährlich bis lebensbedrohlich werden.
"Vogue"-Model Lauren Wasser ist 24 Jahre alt, als sie in ein künstliches Koma versetzt wird. Wie Millionen andere Frauen verwendete sie über Jahre Tampons. Seit dem 3. Oktober 2012 tut sie das nicht mehr.
An jenem Tag fühlte sie sich plötzlich unwohl, erzählt sie der "Vice", so als würde sie eine Grippe bekommen. Am Abend war sie wie erschlagen, legte sich ins Bett und schlief ein. Wie lange sie schlief, weiß sie nicht mehr. Nur einmal sei sie wach geworden, weil ihr Hund bellte. Er hatte Hunger und mehrfach in die Wohnung gemacht. Danach setzte ihre Erinnerung aus.
Einen Tag später fand eine Freundin sie bäuchlings auf dem Boden ihres Schlafzimmers. Mit fast 42 Grad Fieber wurde Lauren ins Krankenhaus eingeliefert. Ihre Organe waren kurz davor zu versagen, sie hatte einen schweren Herzinfarkt erlitten. Die Ärzte versuchten sie zu stabilisieren, ohne Erfolg. Ein Infektiologe wurde hinzugerufen, er fragte gleich: "Hat sie einen Tampon in sich?" Hatte sie. Sofort entfernten ihn die Ärzte. Kurz darauf wurde sie ins künstliche Koma versetzt. 

TSS ist äußerst selten - aber gefährlich

Der Laborbefund des Tampons war eindeutig: Toxisches Schock Syndrom (TSS). Dabei handelt es sich um eine Infektionserkrankung mit dem Bakterium Staphylococcus aureus, die zu schweren Kreislauf- und Organversagen führt. Mit einem Fall pro 200.000 Einwohner kommt die Infektion äußerst selten vor. Tritt sie auf, kann sie jedoch schwer bis tödlich verlaufen. Typische Symptome sind plötzliches Auftreten von Kopfschmerzen, Schwindel, Blutdruckabfall sowie hohes Fieber und sonnenbrandähnlicher Hautausschlag. 
Das Bakterium kommt fast überall in der Natur vor - auf der Haut von Tieren und Menschen, in Gewässern und in Nahrungsmitteln. Die Bakterien geben krankheitserregende Gifte ab. Die meisten Menschen bilden im Lauf ihres Lebens Antikörper, nur einige wenige tun das nicht. 

Tampon-Nutzerinnen gelten als Risikogruppe

Als Risikogruppe für TSS zählen Tampon-Anwenderinnen, da die Bakterien über die Hygiene-Produkte in den Körper gelangen können. Rund die Hälfte der bekannten TSS Fälle geht auf eine Tamponnutzung zurück. Vor dem Einführen sollten die Hände daher gut gewaschen sein. Ein Applikator kann ebenfalls schützen. Zusätzlich sollte darauf geachtet werden, dass die Tamponhülle unbeschädigt ist.
Bei rund einem Drittel aller Frauen findet sich das Bakterium auch in geringen Mengen in der natürlichen Scheidenflora. Jedoch nur ein Prozent seiner Stämme produziert die giftigen Stoffe - und dafür muss sich das Bakterium auch erst vermehren. Das kann geschehen, wenn ein mit Blut vollgesogener Tampon zu lange nicht gewechselt wird. Gynäkologen empfehlen daher, stets den kleinstmöglichen Tampon zu verwenden, ihn je nach Blutungsstärke alle vier bis acht Stunden zu wechseln und nachts auf Binden auszuweichen.
Lauren Wasser hat ihre Tampons immer regelmäßig gewechselt, sagt sie. Am Morgen, am Nachmittag und am Abend. So auch am 3. Oktober. 
Als sie aus dem Koma erwachte, erinnerte sie sich an nichts. Das einzige, was sie mit aller Deutlichkeit wahrnahm, war das Brennen in ihren Händen und Füßen. Sie waren von Wundbrand befallen, weil sie nicht mehr durchblutet wurden. Mithilfe einer Sauerstofftherapie versuchten die Ärzte, den Blutfluss in ihren Gliedmaßen zu reaktivieren. 

"Das Problem ist seit 30 Jahren bekannt"

TSS hat in der Vergangenheit bereits einmal für Schlagzeilen gesorgt, als in den 1980er-Jahren eine Infektions-Welle mit einem Tampon der Firma "Proctor & Gamble" in Verbindung gebracht wurde. Für einen extrasaugfähigen Tampon verwendete das Unternehmen Polyesterpartikel und Carboxymethylcellulose. Laut einer Studie verhält es sich mit dieser Materialzusammensetzung in etwa wie mit dem Nährboden einer Petrischale, der bekanntlich zur Heranzüchtung von Bakterien dient. Nachdem mehrere Nutzerinnen des Tampons an TSS gestorben waren, wurde er wieder vom Markt genommen.
Lauren Wasser kam zwar mit dem Leben davon, doch sie verlor ihren rechten Unterschenkel. Die Frau, die zuvor als Model vor der Kamera gestanden hat, sitzt heute im Rollstuhl und kann nur noch mithilfe einer Prothese gehen. 
Nun verklagt sie die Herstellerfirma "Kimberly-Clark", deren Tampons sie jahrelang benutzt hat. Denn Lauren Wasser ist überzeugt, dass falsches Material und mangelnde Aufklärung schuld an allem sind. Das Problem sei seit 30 Jahren bekannt, wird ihr Anwalt Hunter Shkolnik von "Vice" zitiert. Alles, was sich geändert habe, sei ein verpflichtender Hinweis auf TSS, wie er sich auch auf deutschen Tampon-Verpackungen findet. Für Shkolnik nicht mehr als ein Freifahrtschein für die Unternehmen, um weiterzumachen wie bisher. Zu dem Fall äußern, wollte sich der Konzern laut "Vice" bislang nicht.

"Grundsätzlich sind Tampons sicher"

Dass Tampons aus reiner Baumwolle sicherer seien, davon ist auch Philip Tierno, Mikrobiologe und Pathologe an der New Yorker Universität für Medizin, überzeugt. Die meisten Hersteller, auch in Deutschland, verwenden einen Mix aus Viskosefaser und Baumwolle, oder pure Viskose. Beide Fälle böten optimale Bedingungen für die Entstehung der Gifte - sofern sich denn ein giftiger Stamm in der Scheidenflora der Frau befinde. Habe eine Frau dann keine Antikörper, könne es zu TSS kommen, zitiert "Vice" den Wissenschaftler. 
Aus Angst vor einem toxischen Schock auf Tampons zu verzichten, dazu raten Gynäkologen aber nicht. Grundsätzlich sei die Verwendung von Tampons sehr sicher, wird Klaus Doubek vom Berufsverband der Frauenärzte im Netz zitiert. Wenn die empfohlenen Hygieneregeln beachtet werden, die sich auch auf jeder Packungsbeilage finden, ist die Wahrscheinlichkeit durch diese Produkte an einem Toxischen Schocksyndrom zu erkranken äußerst gering.
Mirja Hammer

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