VG-Wort Pixel

Gratis Tampons Schottland macht es vor: Warum es Menstruationsprodukte überall umsonst geben sollte

Tampons und Binden
Tampons und Binden stehen Frauen in Schottland durch ein Gesetz gratis zur Verfügung.
© matka_Wariatka / Getty Images
In Schottland haben Frauen ab heute Zugang zu kostenfreien Periodenprodukten. Ein wichtiger Schritt, dem viele Länder folgen sollten. Zumal gratis Binden und Tampons nicht nur den Geldbeutel von Frauen schonen.

Als erstes Land der Welt gibt es in Schottland ab heute kostenfrei und öffentlich Menstruationsprodukte wie Tampons und Binden. Städtische Einrichtungen und Bildungseinrichtungen müssen seit heute Periodenprodukte kostenfrei zur Verfügung stellen – so regelt es ein neues Gesetz. Der Schritt in Schottland setzt ein wichtiges Zeichen gegen Periodenarmut. Andere Länder sollten dem Beispiel dringend folgen.

Sollte der ein oder andere Herr nun eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber Männern wittern: Bitte einmal kurz durchatmen, kostenfreie Periodenprodukte sind keine weltweite Geheimoperation aller Frauen, um Männer unfair zu behandeln. Welche abstrusen Gedanken gratis Tampons bei so manchen Herren der Schöpfung auslösen können, habe ich erst kürzlich beim Lesen eines Kommentars auf Social Media erfahren müssen. Dort brüskierte sich einer über kostenfreie Tampons in Schulen – das sei ungerecht. Seine Forderung: Für Männer müssten dann auch Rasierprodukte kostenfrei sein.

In welchem Universum sind Rasierprodukte so essenziell wie Tampons und Binden?

Rund fünf Euro im Monat geben Frauen für Periodenprodukte aus

Anders als sich einen Bart oder die Achselhaare mit einem Rasierer zu stutzen, ist das Bluten einmal im Monat keine freiwillige Angelegenheit. Wir Frauen menstruieren und müssen in dieser Zeit Periodenunterwäsche, Menstruationstasse, Binde oder Tampon benutzen. Und die sind nicht günstig. Ein Periodenslip kostet je nach Marke 30 bis 40 Euro, eine Menstruationstasse 15 Euro, eine Packung Binden oder Tampons drei bis fünf Euro – je nach Art und Menge. Monatlich zahlen knapp die Hälfte der Frauen laut einer Umfrage von "Sparwelt" weniger als fünf Euro, ein Drittel gibt fünf bis zehn Euro für Hygieneprodukte aus.

Fünf Euro im Monat hören sich erst mal nicht viel an. Doch nicht für alle Frauen und Mädchen ist das preiswert. Und in dieser Summe ist auch noch nicht der Preis für Schmerzmittel, die viele Frauen benötigen, um ihre Unterleibskrämpfe zu überstehen, die Energiekosten für das Erhitzen des Wärmflaschenwassers oder die Kosten für neue Unterwäsche eingerechnet.

Tampons und Binden nicht für alle Frauen erschwinglich

Tampons und Binden sind nicht für alle Frauen erschwinglich. Laut einer repräsentativen Online-Umfrage der Organisation "Plan International" ist es für ein Viertel der Frauen und Mädchen in Deutschland finanziell schwierig, sich ausreichend mit Binden und Tampons zu versorgen. Ein Beispiel: 2,6 Millionen Frauen beziehen Hartz IV beziehen. 17,14 Euro dürfen sie im Monat für Gesundheitspflege rein rechnerisch ausgeben. Darunter fallen Zahnpasta, Medikamente, aber auch Tampons und Binden. Bei diesem Budget sind fünf Euro im Monat sehr viel Geld.

Zu welchen Mitteln Frauen zum Teil greifen, um weniger Menstruationsprodukte zu verbrauchen, zeigt die Umfrage: Zwölf Prozent der Befragten zögern das Wechseln von Tampons, Binden oder Slipeinlagen heraus, um länger damit auszukommen. Werden Menstruationsprodukte aber nicht häufig genug gewechselt, kann dies das Risiko für Infektionen steigern. Die Schleimhaut der Vagina ist ein Eintrittsort für Bakterien und Keime. Ein zu langer getragener Tampon kann in sehr seltenen Fällen zum Beispiel das Toxische Schocksyndrom auslösen.

Die höheren Kosten von Frauen für Hygiene- und Körperpflegeprodukte sind auch vor dem Hintergrund, dass Frauen im Schnitt 18 Prozent weniger verdienen als Männer, ungerecht. Dazu kommt, dass sie für Kosmetikprodukte wie Nassrasierer ebenfalls mehr berappen müssen als Männer. Ist der Rasierer pink statt blau, kostet er meist mehr. Pink Tax wird der Preisaufschlag für Produkte für die weibliche Zielgruppe genannt.

Periodenarmut hängt auch mit Scham zusammen

Doch Periodenarmut betrifft nicht nur den Geldbeutel von Frauen und Mädchen. Die Monatsblutung ist nicht nur mit hohen Kosten verbunden, sie ist ein Tabuthema, sie ist mit Scham besetzt und viele Mädchen und Frauen wissen nicht genug über ihre Menstruation. Im Jahr 2021 war es immer noch eine Schlagzeile wert, dass in der Werbung für Tampons und Binden keine blaue Flüssigkeit mehr genutzt wird, um die Saugfähigkeit zu präsentieren, sondern eine rote Flüssigkeit. Unsere Gesellschaft war also erst 2021 bereit dafür, im Fernsehen zu sehen, dass Periodenblut rot ist. Wow.

Das Worst-Case-Szenario für fast alle Frauen während ihrer Tage ist, dass sich auf ihrer Hose ein roter Fleck abzeichnet. Wie tief die Scham sitzt, zeigt ein Beispiel: Eine Freundin von mir trägt seit einem Vorfall vor rund 20 Jahren keine weiße Hose mehr während ihrer Tage. Sie hat dieses Worst-Case-Szenario erlebt – in einer weißen Jeans. Kurz vor einer Sitzung mit allen Kolleg:innen an ihrem Ausbildungsplatz. Weil sie zu Hause nur ihren Vater erreichte und es ihr zu peinlich war, ihm den Vorfall zu schildern, rief sie mich an. Ich brachte ihr eine Ersatzhose und Tampons vorbei. Mit dieser Scham ist meine Freundin nicht allein. 33 Prozent der Befragten in der Umfrage von "Plan" fühlen sich während der Periode "unrein".

Über die Periode zu sprechen, ist auch wichtig, um sie in den politischen Diskurs zu bringen. Viele Frauen erinnern sich wahrscheinlich noch daran, dass sie bis Januar 2020 für Tampons und Binden noch 19 Prozent Mehrwertsteuer in Deutschland bezahlen mussten. Seit der Einführung des verminderten Mehrwertsteuersatzes 1963 werden besonders notwendige Dinge wie Nahrung, aber auch Bücher oder Kulturgüter nur noch mit sieben Prozent besteuert. Die 499 Männer und 36 Frauen im Bundestag bezogen Menstruationsprodukte dabei nicht mit ein. Warum es Lachskaviar, Schnittblumen und dekorative Bildwerke auf die Liste der Produkte mit dem niedrigeren Steuersatz geschafft haben, Periodenprodukte aber nicht, dürfte damit zusammenhängen, dass männliche - meiste ältere - Bundestagsabgeordnete eher selten ein Tampon oder eine Binde benötigen. Sie hatten es wahrscheinlich also einfach nicht auf dem Schirm.

Danke Schottland, dass wir über die Periode sprechen

Slipeinlagen werden übrigens weiter mit 19 Prozent besteuert. Der Grund: "Slip-Einlagen dienen laut Herstellerangaben vorrangig dem täglichen Gebrauch und unterliegen daher dem Regelsteuersatz", hieß es auf eine Nachfrage des Bio-Tamponherstellers "The Female Company" aus dem Bundesfinanzministerium. Wir müssen also noch mehr über unsere Tage sprechen, dann wüssten auch (männliche) Abgeordnete, dass Frauen sehr wohl Slipeinlagen für die Monatshygiene nutzen, zum Beispiel an sehr leichten Tagen oder sozusagen als doppelten Boden, wenn die Angst zu groß ist, dass der Tampon allein nicht reichen könnte.

Wir müssen also weiter machen, die Periode weiter aus der Tabu-Ecke holen. Danke Schottland, dass wir durch dich über Menstruationsprodukte reden, Frauen in Schottland künftig kostenfreie Periodenprodukte zur Verfügung stehen und so hoffentlich das Stigma der Periode weiter abgebaut wird.

Quellen: Plan International 1, Plan International 2, Sparwelt,The Female Company,Mitteilung schottische Regierung, Umsatzsteuergesetz,Hartz-4-Regelsatz, Franka Frei (2020): "Periode ist politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu", Wilhelm Heyne Verlag


Mehr zum Thema



Newsticker