Diabetes-Epidemie Zu wenig Bewegung, zu viel Essen


Die Warnung der Experten ist nicht neu, aber scheinbar ohne Wirkung: Die Volkskrankheit Diabetes droht in Deutschland in eine Epidemie auszuarten. Geschätzte acht Millionen Deutsche sind erkrankt.

Immer mehr Menschen in Deutschland erkranken an Diabetes. Als Ursache nennen Fachleute vor allem eine zunehmende "Amerikanisierung" der Lebensgewohnheiten mit zu viel und ungesundem Essen sowie mangelnder Bewegung. Der Deutsche Diabetikerbund, der an diesem Samstag in Kassel den Deutschen Diabetikertag organisiert, fordert, Diabetes-Fachärzte auszubilden. Mehr Hilfe versprechen andere sich von einer großen Aufklärungskampagne, die vor allem der steigenden Zahl junger Zuckerkranker Rechnung trägt.

"Viele nehmen Diabetes nicht allzu ernst", sagt Monika Toeller vom Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut in Düsseldorf. "Es ist erschreckend, wie viele übergewichtige Kinder und Jugendliche einem begegnen, die kaum mehr in ihre Jeans passen". Schuld sei der Lebensstil mit viel Fast Food, Limonade und kaum Bewegung. Früher habe Altersdiabetes Menschen ab 60 getroffen, inzwischen werde die Zuckerkrankheit bei 30-Jährigen diagnostiziert. "Wir müssen Wege finden, die junge Generation anzusprechen", sagt Toeller. "Wir brauchen im ganzen Land eine Kampagne, sonst werden wir dem nicht mehr Herr." Die Zahl der Kranken und die Kosten liefen sonst aus dem Ruder.

"Mangelnde Bewegung und Überernährung sind die Hauptursachen von Diabetes", sagt der Sprecher der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, Prof. Peter Bottermann. Altersdiabetes trete immer früher auf, da ungesunde Lebensgewohnheiten immer früher übernommen würden. Die beste Vorbeugung sei mehr Bewegung im Alltag, vor allem in Form von Spazierengehen. "Meiden Sie Fahrstühle und Rolltreppen oder steigen Sie eine Haltestelle früher aus der U-Bahn aus." Während der Mensch von seiner Konstruktion her darauf ausgelegt sei, rund fünf Kilometer täglich zu laufen, bewege sich der Bundesbürger im Durchschnitt gerade nochmal 400 Meter am Tag zu Fuß.

"Diabetes wird zu spät erkannt, und es wird zu lange mit einer ordentlichen Medikation gewartet", sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Diabetiker Bundes, Volker Krempel. "Wir wollen die Facharztbezeichnung des Diabetologen." Dorthin sollten sich Zuckerkranke gezielt wenden können. "Landesärztekammern sind aber noch nicht bereit, das umzusetzen." Auf künftige neue Therapieformen solle nicht allein gehofft werden, meint Krempel. "Wir haben bereits sehr gute Möglichkeiten und letztendlich muss in den meisten Fällen gespritzt werden." Notwendig sei jedoch, die Ernährungserziehung der Kinder zu ändern.

Um dem erwarteten Zuwachs an Diabetes-Fällen Einhalt zu gebieten, fordern die Experten eine offensivere Aufklärung, aber auch mehr Gesundheitsbewusstsein. "Eine Gemeinschaftsaktion ist erforderlich", sagt Krempel. In diesem Herbst sei die Schaffung eines nationalen Aktionsforums Diabetes geplant. "Wir müssen weg aus dieser Ecke, wo keiner sich traut zu sagen, ich habe Diabetes." Die Aufklärung müsse bereits im Kindergarten und in der Schule beginnen. "Wir wissen das meiste seit 20 Jahren, aber die Umsetzung ist schwierig", sagt Bottermann.

Michael Evers/DPA DPA

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