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Diskussion um Impfschutz: Wo endet die Freiwilligkeit?

Ob man sein Kind oder sich selbst impfen lässt, ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine ethische Frage. Über gesellschaftliche Verpflichtung, persönliche Wahlfreiheit und finanzielle Anreize sprach stern.de auf der Nationalen Impfkonferenz in Mainz mit dem Medizinethiker Georg Marckmann.

Ein Ziel von Impfungen ist es, eine Gesellschaft langfristig gegen bestimmte Krankheiten immun zu machen

Ein Ziel von Impfungen ist es, eine Gesellschaft langfristig gegen bestimmte Krankheiten immun zu machen

Herr Marckmann, eine Mutter, die mit ihrem Säugling beim Kinderarzt sitzt, will in erster Linie wissen, ob eine Impfung wirksam ist. Inwiefern ist Impfen auch eine ethische Frage?

Es geht zum einen darum, welches Risiko die Mutter ihrem Kind zumutet. Nimmt sie in Kauf, dass es Masern oder eine andere schwerwiegende Krankheit bekommt oder versucht sie es durch eine Impfung zu schützen? Zum anderen ist es eine Frage, ob es eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft gibt, geimpft zu sein, um andere nicht anzustecken. Das alles muss abgewogen werden gegen die persönliche Entscheidungsfreiheit.

....hierzulande ein hohes Gut.

Das stimmt, und niemand würde dieses Gut leichtfertig einschränken. Ich bin deshalb auch nicht für eine gesetzlich verankerte Impfpflicht, obwohl Impfungen unbestritten eine sinnvolle Sache sind.

Wo hört denn die Freiwilligkeit beim Impfen auf?

Wir haben in Deutschland durchaus juristische Möglichkeiten, die Freiheit des einzelnen einzuschränken, wenn eine akute und direkte Gefahr besteht, sei es für ein Kind oder für andere Menschen. Droht ein Kind zu sterben, weil seine Eltern aus weltanschaulichen Gründen eine dringend nötige Bluttransfusion ablehnen – wie es etwa bei den Zeugen Jehovas der Fall ist – kann der Staat den Eltern vorübergehend das Sorgerecht entziehen, damit Ärzte das Leben retten können. Würde jemand mit einer Sars-Infektion nach Deutschland eingeflogen, käme er in Quarantäne, um eine Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern. Und laut Paragraf 20 des Infektionsschutzgesetzes kann bei einer akuten Epidemie die Teilnahme an Schutzimpfungen angeordnet werden, um weitere Krankheitsfälle zu verhindern.

Aber Impfungen wehren auch Schaden von der Gemeinschaft ab.

Ja, aber der Nutzen einer Impfung ist eher mittelbar, er liegt erst in der Zukunft, wenn künftige Krankheitsfälle verhindert werden sollen. Es geht also nicht um eine direkte und sofortige Gefahrenabwehr, sondern um das Ziel, langfristig eine Gesellschaft immun zu machen gegen bestimmte Infektionen.

Wie kann man ethisch korrekt die Menschen zum Impfen motivieren?

Der Staat sollte die Entscheidung für oder gegen Impfungen nicht generell einschränken. Er sollte aber versuchen, sie gezielt zu beeinflussen. Anscheinend fehlt vielen Menschen das Vertrauen in Impfungen, also muss noch mehr aufgeklärt werden. Dabei sollte man die individuellen Sorgen und Befürchtungen der Impf-Skeptiker sehr ernst nehmen. Und ich kann mir bei Impfungen mit einem sehr guten Nutzen-Risiko-Profil durchaus auch monetäre Anreize vorstellen.

Geld für alle, die ihre Kinder impfen lassen?

Nicht generell. Man sollte jede Impfung individuell bewerten. Ich stelle mir eine Art Stufenschema vor. Wenn für ein Impfung die Datenlage in Bezug auf einen Nutzen für die Gesellschaft dünn, der Impfstoff teuer und vielleicht noch mit Risken behaftet ist, kann der Staat davon abraten und die Kassen sollten die Kosten nicht übernehmen. Für einen sicheren Impfstoff mit einer nachgewiesenen Wirksamkeit sollte es eine Empfehlung und eine Kostenübernahme geben. Bei Impfungen, die einen sehr großen Nutzen bei geringen Risiken aufweisen und bei denen das Verhältnis von Kosten und Nutzen günstig ist, kann ich mir durchaus finanzielle Anreize zur Erhöhung der Impfraten vorstellen.

Sind Ihre Kinder geimpft?

Wir haben bei unseren drei Kindern die empfohlenen Impfungen durchgeführt. Als wir für ein Jahr in den USA lebten, wo Kinder ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Impfungen nicht eingeschult werden, mussten wir zusätzlich die Windpockenimpfung nachweisen. Ich empfand diesen Zwang als störend, obwohl ich Impfungen grundsätzlich für sinnvoll halte. Zwang erzeugt schnell Ablehnung. Daher sollte der Staat erst das Potenzial von Aufklärung und Anreizen ausschöpfen, bevor er zur Impfpflicht greift. Finnland hat es zum Beispiel geschafft, masernfrei zu werden, indem konsequent aufgeklärt und in Kindergärten und Schulen an Auffrischungsimpfungen erinnert wurde.

Interview: Nicole Heißmann

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