HOME

Forschung: Ansätze für Gewaltverbrechen im Gehirn gefunden

Mit Hilfe der Positronen-Emissionstomographie konnten Forscher bei Mördern eine Funktionsstörung im Frontalhirn sichtbar machen.

Gewaltverbrecher galten eine ganze Generation lang vor allem als Produkt widriger sozialer Umstände. Neuropsychologische Forschungen haben neuerdings gezeigt, dass "ein Großteil der Kriminellen für ihre furchtbaren Verbrechen biologisch prädestiniert" ist, schreibt die Zeitschrift "Gehirn & Geist" (1/2003, Heidelberg) in einem Beitrag mit dem Titel "Im Hirn des Verbrechers". Sie berichtet über Untersuchungen mit Hilfe der Positronen- Emissionstomographie (PET), die bei Mördern eine Funktionsstörung im Frontalhirn sichtbar machten. Ein weiterer Beitrag berichtet über ein gefährliches Zusammenspiel von Erbanlagen und Umwelt.

Aggressionsimpulse können ungehindert passieren

Der Neuropsychiater Adrian Raine von der University of Southern California untersuchte 41 inhaftierte Mörder und eine genauso große Vergleichsgruppe von Normalbürgern mit der PET-Methode. Seine Erkenntnis: Das Frontalhirn (Stirnhirn) der Schwerverbrecher lässt Aggressionsimpulse aus dem limbischen System fast ungehindert passieren - also von dort, wo das Gefühls- und Triebleben des Menschen entsteht. Die Vermutung liegt nahe, dass das kriminelle Verhalten durch diese Funktionsstörung mit verursacht wird.

Stirnhirn bei Soziopathen kleiner

Raine nahm dann auch PET-Scans bei 21 als "Soziopathen" klassifizierten Straftätern vor. Bei ihnen war das Stirnhirn um 11 Prozent kleiner als das normaler Kontrollpersonen. Als Soziopathen werden Menschen mit Symptomen wie Verantwortungslosigkeit, Impulsivität und Mangel an emotionaler Tiefe bezeichnet. In den USA wird diese Störung bei statistisch drei Prozent aller Männer und einem Prozent aller Frauen diagnostiziert. Bei Gefängnisinsassen liegt der Anteil bei 75 Prozent.

Kontrollinstanz fällt weg

Das Stirnhirn hat auch eine wichtige Funktion für das Moralempfinden. Das hängt mit dem ebenfalls dort angesiedelten Erlernen der Angst vor Strafe zusammen: Ein Kind macht die Erfahrung, dass unsoziales Verhalten Strafe nach sich zieht. Wenn sich später eine Gelegenheit zum Brechen einer wichtigen Verhaltensregel bietet, versucht das Stirnhirn daher, dies durch Hemmen des Handlungsimpulses zu verhindern. Fällt diese Kontrollinstanz aus, so schreckt der Mensch auch vor Aggression und Gewalt nicht mehr zurück.

Störung des MAOA-Gens

Ein Forscherteam um den Psychologen Terrie Moffitt von der University of Wisconsin hat dem Einfluss des so genannten MAOA-Gens untersucht. Tierversuche hatten gezeigt, dass die Stoffwechselfunktion dieses Gens der Entstehung von Aggression entgegenwirkt. Die Wissenschaftler untersuchten 442 junge Neuseeländer, die in der Kindheit körperlich und seelisch misshandelt worden waren und verstärkt zum Brechen von Regeln und zu unsozialem Verhalten tendierten. Jeder Sechste trug eine gestörte Form des MAOA-Gens in sich.

Gefährliche Konsequenzen

Von den 442 Männern waren diejenigen mit diesem MAOA-Stoffwechseldefekt in der Pubertät fast zehn Mal so oft durch rebellisches Verhalten aufgefallen wie die anderen. Auch wurden sie doppelt so oft wegen Gewalttätigkeit verurteilt und hatten bei Tests über antisoziales Verhalten viel höhere Werte. Die Studie zeigt, mit welchen gefährlichen Konsequenzen soziale Umstände und Erbanlagen zusammenspielen können, wie der von "Gehirn & Geist" zitierte Molekularbiologe Jon Beckwith von der Harvard Medical School of Studies konstatiert.

"Geborener Verbrecher" eher selten

Der Psychoanalytiker Micha Hilgers (Aachen), der auch Einrichtungen für psychisch kranke Straftäter betreut, machte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa jedoch darauf aufmerksam, dass der "geborene Verbrecher" relativ selten ist. Im Vergleich mit den Delinquenten, die durch angeborene Hirnanomalien zum Verbrecher werden, sind diejenigen wesentlich häufiger, "die durch erworbene biologische Veränderungen nahezu zwangsläufig immer wieder straffällig werden."

Gehirn-Veränderungen auch als Erwachsener

Hierzu gehören sowohl Schädigungen durch Sauerstoffmangel bei der Geburt und Kopfverletzungen in der Kindheit wie auch frühe Traumatisierungen durch Misshandlungen, Missbrauch oder schwere Verwahrlosung. Hilgers verwies ferner darauf, dass Gehirnteile auch im Erwachsenenalter verändert werden können. "Beispielsweise konnte man in den USA bei Veteranen des Vietnam-Krieges mit schweren Gewalterfahrungen nachweisen, dass sich in Folge dieser Traumatisierungen frontale Hirnteile, die für die Steuerung und Hemmung von Aggression verantwortlich sind, stark zurückbilden."

Prophylaxe ist wichtigstes Gegenmittel

Das Wissen über "die verheerenden psychologischen und biologischen Folgen schwerer Traumatisierungen" unterstreicht für Hilgers die Bedeutung von Prophylaxe - etwa bei engagierter Sozialarbeit und durch Jugendämter. "In vielen Fällen werden die biologischen Veränderungen des Gehirns erst im Laufe der Entwicklung erworben. Darum ist es entscheidend, wie solche Traumatisierungen in der Kindheit und Jugend entweder durch rechtzeitiges Eingreifen verhindert oder ihre dramatischen Auswirkungen frühzeitig behandelt werden können", sagte er. Die Mittel für solche Arbeit würden aber in der gegenwärtig allerorten gekürzt. "Die Folgen solcher Mitteleinsparungen sind jedoch auch volkswirtschaftlich viel höher."

Rudolf Grimm / DPA

Wissenscommunity