Gedopte Schriftsteller Im Kampf gegen die Schreibblockade


Das Blatt ist genauso leer wie der Kopf. Und das schon seit Stunden. Wie Schriftsteller sich dopen, um diesem Drama ein Ende zu setzen.

Er kann nur schreiben, wenn er raucht und nur rauchen, wenn er schreibt: Der Schriftsteller Feridoun Zaimoglu ("Leyla"). Hat er sich eine Zigarette angezündet, setzt er sich an die Schreibmaschine und fängt an. "Es passiert dann, dass ich eine halb gerauchte Zigarette in den Aschenbecher lege und ein paar Schritte durch das Zimmer gehe. Wenn ich den Rauchfaden in die Luft steigen sehe, ruft er mich zurück an den Schreibtisch." Beim Schreiben keine Zigaretten zu haben - für Zaimoglu undenkbar. "Ich rauche nur Mentholzigaretten und es ist diese Mischung aus Nikotin und Minze, die meine Wörter herausbringt." Seine Zigaretten kauft er nur stangenweise und legt die Stange immer in Sichtweite. "Ich muss wissen, dass ich sofort zugreifen kann."

Schreiben, ohne dabei zu rauchen - das kann sich auch die Schriftstellerin Judith Herrmann nicht vorstellen. Als sie im Herbst 1999 feststellte, dass sie schwanger ist, hörte sie sofort auf. Mit beidem. "Rauchen und Schreiben ist so sehr eins, dass ich sowieso wusste, ich kann jetzt lange nicht mehr schreiben."

Dem Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin ("Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit") dienten in den späten 20er Jahren Meskalin und Haschisch als Schreibhilfe. Alleine oder unter - nüchterner - Aufsicht notierte er die veränderten Wahrnehmungen. Sogar die kleinsten Details hielt er fest: "Man wird so zart: fürchtet, ein Schatten, der aufs Papier fällt, könnte ihm schaden." Seltsame Sätze und Wortbildungen schrieb er sofort auf: "Wertheimrausch", "Strickpalmen", "Alimentenz".

Benjamin bedeckte Papierseiten mit ornamentförmigen "Schriftzeichnungen" und führte mit seinen Freunden tief greifende Diskussionen - in einer Mischung aus wissenschaftlichem und poetischem Eifer, den man auch in seinen Texten findet. Den Anstoß zu einem der Haschischexperimente gab der "Steppenwolf" von Hermann Hesse (1927 erstveröffentlicht), der in den späten 60ern zu einem Kultbuch der Bewußtseinserweiterer wurde.

Für die Münchener Journalistin und Buchautorin Ulla Hildebrandt müssen es gar nicht Drogen, Zigaretten oder Alkohol sein. Auch die Arbeit selbst kann den inneren Turbo anwerfen. "Es gibt Menschen die dopen sich mit Arbeit. Sie suchen den Stress, weil es zu einer Ausschüttung von Glückshormonen führt." Hildebrandt hat den Journalismus der 90er Jahre erlebt. "Das war die Zeit in der Stress und viel Arbeit sexy waren und man sich selbst permanent unter Druck gesetzt hat."

In ihrem Roman "Ein freier Fall" (erscheint im Oktober) schildert Hildebrandt diesen permanenten Druck zwischen Können und Konkurrenz. Ihre Protagonistin arbeitet bei einer Frauenzeitschrift, ist diesem Druck ausgesetzt. Sie fängt an zu trinken. Hildebrandt: "Eine Zeitlang kann Alkohol ein Dopingmittel sein, er beflügelt und beamt einen scheinbar in eine andere Dimension der Kreativität. Aber nur eine Zeitlang." Dann folge der Absturz in die Sucht.

Die Autorin sieht die Ursache im Doping nicht nur im Leistungsdruck einer Erfolgsgesellschaft, sondern auch in der Persönlichkeit seiner Darsteller. "Es sind immer bestimmte Personen, die sich Berufe wie Journalismus, Schauspielerei aber auch Lehramt oder Polizei suchen." Es sind Personen mit einem Bestätigungsdefizit. Sie suchen die Anerkennung von außen so intensiv, dass sie bereit sind, sich selbst mit Alkohol oder Drogen zu beschädigen."

Jochen Siemens print

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