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Geplatztes Aneurysma: Der mühsame Weg zurück ins Leben

Vor zwei Jahren wurde Monica Lierhaus an einem Aneurysma operiert und erlitt dabei eine Hirnblutung. stern.de erklärt, was das ist, und wie schwierig der Weg zurück ins Leben ist.

Von Katharina Kluin

Alexandra Rode spricht langsam, sie muss sich sehr auf das Gespräch konzentrieren, die richtigen Worte finden. Die Unsicherheit herunterschlucken. Einen neuen Anfang suchen. Seit der Nacht zum 26. Mai 2004 funktioniert die junge Frau aus Brandenburg nicht mehr wie früher, als sie in einer Werbeagentur arbeitete und mit dem Blick auf den Bildschirm und einem Ohr am Hörer das zweite noch für die Kollegen frei hatte.

In jener Nacht im Mai riss ein Blutgefäß in ihrem Kopf. Eine Schwachstelle der Aderwand hatte sich unentdeckt erst zu einer Aussackung, einem Aneurysma, geweitet. Dann war es geplatzt. Der stechende Schmerz riss sie aus dem Bett - und nach 36 Jahren war ihr altes Leben vorbei. "Schnell!", hörte ihr Mann sie noch rufen. "Mir läuft der Kopf voll!"

Ein großer Schock

Aneurysmen im Kopf sind recht selten, gut sechs Prozent der Bevölkerung sollen nach jüngsten Schätzungen eine solche Gefäßausstülpung im Gehirn haben. Dass sie reißen, ist noch viel seltener. Experten sprechen von fünf bis zehn Betroffenen je 100.000 Einwohner. Dennoch: Weil die Krankheit oft scheinbar kerngesunde, mitten im Leben stehende Menschen trifft, ist der Schock meist besonders groß.

Immer wieder erfasst dieser Schock auch die Öffentlichkeit, zum Beispiel als der 20 Jahre alte Handball-Nationalspieler Sebastian Faißt Anfang 2009 mit einer plötzlichen Hirnblutung im Turnier zusammenbrach und starb. Auch die Tragödie der Monica Lierhaus schockte und bewegte die Menschen. Tief ergriffen zeigten sich die Zuschauer von ihrem ersten Auftritt nach zwei Jahren bei der "Goldenen Kamera".

Schwäche der Gefäßwände ist angeboren

Die Schwäche der Gefäßwände ist offenbar angeboren und bei Frauen etwas häufiger als bei Männern. Wann und warum es zu einem Riss kommt, ist kaum vorherzusagen. Bei einigen Patienten platzt die Ader beim Niesen, beim Sport oder bei anderen körperlichen Anstrengungen. Einige Studien haben außerdem Risikofaktoren wie Bluthochdruck, die Pille, Alkoholmissbrauch und das Rauchen in Verdacht.

Nur die Hälfte der Patienten überlebt solch eine Blutung. Auch für Alexandra Rode wurde es eng. Ein Arzt im Kreiskrankenhaus stellte die Blutung per Hirnscan fest, setzte sich mit ihr sofort in den Krankenwagen und brachte sie zum Spezialisten ins 30 Kilometer entfernte Berlin. "Ich weiß nur noch, wie dort in der Notaufnahme ein paar weiße Gestalten auf mich zukamen - danach ist alles schwarz." Zunächst abgeflaut, hatte die Blutung in ihrem Kopf zu diesem Zeitpunkt ein zweites Mal stark zugenommen. Dass sie davon heute noch erzählen kann, verdanke sie vermutlich dem Umstand, dass sie "irgendwo da oben wohl noch nicht auf der Liste stand". Denn mit jeder Nachblutung sinkt die Überlebenschance um etwa ein Drittel.

Unfassbarer Schmerz

Deshalb ist es wichtig, schon die erste Blutung schnell zu erkennen. Zwei beinahe untrügliche Alarmsignale sind die Plötzlichkeit, mit der der Schmerz durch den Schädel schießt, und seine Stärke. "Von einem Augenblick zum nächsten hatte ich das Gefühl, mir fliegt die Schädeldecke weg", beschreibt Alexandra Rode den Moment, als das Gefäß platzte. Ganz typisch war auch ihr steifer, schmerzender Nacken. Andere Patienten reagieren mit Erbrechen, Schwindel, Wahrnehmungsstörungen oder epileptischen Anfällen. Die Diagnose stellen die Mediziner dann meist per Computertomografie.

Danach ist gute Teamarbeit gefragt. Denn zur Behandlung der gerissenen Ausbuchtungen gibt es zwei ganz unterschiedliche Methoden, über die sich die Ärzte schnell einig werden müssen. Die neurochirurgische OP im geöffneten Schädel, bei dem das Aneurysma mit wäscheklammerähnlichen Metallclips vom Blutgefäß abgeschottet wird (Clipping). Oder den Eingriff eines Neuroradiologen, der einen sehr feinen Katheter in die Blutbahnen schiebt und eine kleine Metallspirale (einen sogenannten Coil) in die Gefäßausbuchtung pflanzt. Dort soll sie wie ein Wellenbrecher den Blutfluss verlangsamen, um die Gefahr eines weiteren Aufreißens zu verringern, und gleichzeitig eine Art Blutpfropfen provozieren, der das Aneurysma verschließt.

Beide Verfahren retten vielen Patienten das Leben. Je nach Form, Größe und Lage des Aneurysmas kommt aber oft nur eine der Methoden infrage. "Das kann nur mit einiger Erfahrung und guter Zusammenarbeit zwischen Neuroradiologen und Neurochirurgen entschieden werden", sagt Rolf Kalff, Direktor der Neurochirurgie der Uniklinik Jena. Wirklich zur Behandlung geeignet seien deshalb auch nur Kliniken, in denen Spezialisten beider Disziplinen eng zusammenarbeiten.

Medikamente wirken nicht immer

Die Gefäßaussackung im Kopf von Alexandra Rode wurde mit einem Coil verschlossen, die Gefahr erst mal gebannt. Doch auch nach dem Eingriff bleibt das Risiko neuerlicher Blutungen erhöht, ab dem dritten Tag kommt es bei einem Drittel der Patienten zu krampfartigen Gefäßverengungen - wie auch bei der Brandenburgerin. Gegen diese Reaktion der Gefäße auf die Abbauprodukte des ausgetretenen Blutes haben die Ärzte wenig Mittel. "Es gibt Medikamente, aber sie wirken nicht immer", sagt Kalff. Im schlimmsten Fall erleiden die Patienten dann Tage nach der Blutung noch einen Schlaganfall.

Alexandra Rode überstand all diese Gefahren. Doch Blutungen und Gefäßkrämpfe haben Spuren in ihrem Gehirn hinterlassen. Ihre linke Körperhälfte nimmt sie schlechter wahr. Sie kann dort kaum zwischen kalt und warm unterscheiden, Bewegungen schlechter koordinieren. Vor allem aber ist sie schnell überanstrengt. Für ihre frühere Arbeit, längere Gespräche oder auch rummelige Partys reichen ihre Konzentration, ihre Aufmerksamkeit und Energie nicht aus. Sie ist jetzt verrentet. "Solche Leistungseinbußen sind typisch für Aneurysmapatienten", sagt Cornelius Weiller, Leiter der Neurologie am Freiburger Universitätsklinikum. In Zusammenarbeit mit Ärzten, Neuropsychologen, Ergo-, Physio- und Psychotherapeuten könnten die Patienten aber geschwächte Fähigkeiten trainieren, lernen, ihre Defizite auszugleichen oder sie zumindest zu akzeptieren.

Bis die Ärzte ihr Entwarnung gaben, standen für Alexandra Rode halbjährliche Kontrolluntersuchungen an. Weil das gerissene Aneurysma noch lange auffällig blieb und noch zwei weitere, kleinere Aussackungen in ihrem Kopf gefunden wurden, war sie "vor Angst wie gelähmt". Die Furcht, etwas in ihrem Kopf könnte jederzeit reißen, reibt viele Aneurysmapatienten auf. Das gilt auch für die, bei denen es noch gar keine Blutung gegeben hat und deren Gefäßaussackung zufällig bei anderen Untersuchungen gefunden wurde.

In manchen Fällen raten die Experten, das Aneurysma vorsorglich zu entfernen. Die Gefahr einer plötzlichen Blutung ist aber nur schwer gegen das Operationsrisiko abzuwägen - oft sind beide Risiken nahezu gleich. Eine solche OP dient dann vor allem der Linderung der Angst. Für Alexandra Rode ist die Zeit der Angst vorbei. Inzwischen ist ihr Risiko, weitere Blutungen zu erleiden, ähnlich gering wie beim Rest der Bevölkerung. Fünf Jahre nach dem Ende ihres ersten Lebens hat endlich ihr zweites begonnen.

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