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Gesunde Darmflora: 5 spannende Highlights aus der Darm-Forschung

Das Mikrobiom des Darmes gehört zu den aufregendsten Forschungsgebieten in der Medizin. Hier sind fünf spannende Themen rund um die Darmflora, mit denen sich Forscher aktuell beschäftigen.

Das Mikrobiom des Darmes lenkt unsere Gesundheit

Das Mikrobiom des Darmes spielt eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit

1. Darmbakterien können jetzt im Labor kultiviert werden - und bilden Sporen

Was bisher nicht möglich war, ist Forschern in einem aufwendigen Verfahren doch gelungen. Dadurch ist es erstmals möglich geworden, lebende zu untersuchen; zuvor waren Forscher auf die Überreste toter, ausgeschiedener Bakterien beschränkt.

Durch das neue Verfahren wurden nicht nur 137 neue Arten entdeckt. Es stellte sich auch heraus, dass mindestens die Hälfte der Darmbakterien widerstandsfähige Sporen bildet – "eine aufregende Entdeckung", sagt Stephan Bischoff, Professor an der Universität Hohenheim. Denn über Sporen könnten Bakterien leicht von Mensch zu Mensch oder auch zwischen Tieren übertragen werden. Im Zusammenleben mit anderen tauschen wir auf diese Weise vielleicht unsere jeweiligen Darmbewohner miteinander aus und erhöhen so die Artenvielfalt unseres Mikrobioms.

"Die Entdeckung von Sporen könnte zum Beispiel erklären, warum Kinder, die viele Geschwister haben oder auf einem Bauernhof leben, seltener Allergien haben", sagt Bischoff. "Möglicherweise haben sie durch Sporenübertragung von Tieren oder anderen Kindern ein vielfältigeres Mikrobiom."

2. Die Darmflora reagiert auf Wärme und Kälte

Wie Forscher im Tierversuch herausgefunden haben, verändert Kälte die Darmflora. Dadurch wird bei eisigen Temperaturen mehr wärmebildendes braunes Fettgewebe gebildet. Zugleich lässt Kälte den Darm wachsen, sodass er mehr Nahrung aufnehmen kann.

Braunes speichert Energie nicht, sondern wandelt sie in Wärme um. Deshalb gilt es als hilfreich im Kampf gegen Übergewicht. "Sich der Kälte auszusetzen, taugt aber vermutlich nicht auf Dauer als Mittel zum Abnehmen", sagt Bischoff. Denn der Körper produziert durch die Bildung von braunem Fett zwar mehr Wärme und verbraucht dadurch mehr Energie. Gleichzeitig holt er sich aber mehr Energie aus einem vergrößerten Darm. "Die Biologie sichert das Überleben", sagt Bischoff.

Sobald es warm wird, bildet sich das braune Fett auch wieder zurück, der Darm verkleinert sich.

3. Gene und Darmbakterien wirken zusammen

Es gibt Gene, die offensichtlich vor chronisch- entzündlichen Darmerkrankungen schützen. Denn wenn diese Gene mutiert sind, steigt das Krankheitsrisiko – nur warum das so ist, wusste man bisher nicht.

Nun haben Forscher herausgefunden, dass uns bestimmte Bakterien, namens Bacteroides fragilis, vor chronisch- entzündlichen Darmerkrankungen bewahren. Sie senden ein schützendes Signal an das Immunsystem, das nur empfangen werden kann, wenn die entsprechenden Gene intakt sind.

4. Eine Stuhlübertragung verändert die Darmflora auf Dauer

Schwere entzündliche Darminfektionen mit Clostridium difficile werden immer öfter mit einer Fäkaltransplantation behandelt: Der Kranke bekommt den Stuhl eines gesunden Spenders übertragen.
Die Methode ist sehr erfolgreich, deshalb werden Stuhltransplantationen derzeit als Therapieoption auch für andere Erkrankungen diskutiert.

Forscher haben nun drei Monate nach einer Stuhltransplantation die Darmflora der Patienten untersucht – und erhebliche Veränderungen festgestellt: Durchschnittlich ein Fünftel der Bakterien im Darm der Patienten stammte vom Spender – sie waren vorher nicht vorhanden gewesen. "Positiv formuliert heißt das: Eine Stuhltransplantation wirkt nachhaltig. Anders als Probiotika verändern sie die Darmflora dauerhaft", sagt Bischoff. "Man kann es aber auch negativ formulieren. Drastisch gesagt: Einmal übertragen, wird man die Scheiße nicht mehr los."

Wie stark sich die Darmflora eines Spenders durchsetzt, lässt sich den Wissenschaftlern zufolge nicht vorhersagen und ist individuell verschieden: Vom nahezu kompletten Austausch der Empfängerbakterien bis zum Verschwinden der Spenderbakterien scheint alles möglich.


5. Die Ernährung beeinflusst das Mikrobiom über Generationen hinweg

Eine gesunde Darmflora ist artenreich, so viel ist bekannt. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen fördert die Bakterienvielfalt; eine typisch westliche Kost geht dagegen mit einer artenarmen Darmflora einher. Ein Tierversuch brachte nun weitere Erkenntnisse: Forscher fütterten Mäuse mit faserreicher bzw. faserarmer Nahrung, und wie erwartet ließ faserarme Nahrung den Artenreichtum schwinden. Verblüffenderweise nahm die Bakterienvielfalt auch bei den vier nachfolgenden Generationen ab – und zwar auch dann, wenn die Nachkommen gesunde faserreiche Nahrung bekamen.

Übertragen auf den Menschen könnte das bedeuten: Fast-Food-Fans geben eine verkümmerte Darmflora an ihre Kinder weiter, und dieser Verlust an Diversität lässt sich nicht ohne Weiteres beheben – auch dann nicht, wenn sich die Kinder gesund und ballaststoffreich ernähren.

Für eine Gesellschaft, die mit den Folgekrankheiten von Übergewicht zu kämpfen hat, sind das schlechte Aussichten: "Die Probleme, die durch eine ungesunde Ernährung entstehen, sind vermutlich um so schwerer zu beheben, je länger sie bestehen", gibt Bischoff zu bedenken. "Je mehr Generationen eine ungesunde Ernährung praktiziert haben, desto schwieriger könnte es sein, den Schaden zu reparieren."

Fachliche Beratung: Stephan Bischoff ist Professor am Institut für Ernährungsmedizin der und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom.

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