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Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Tatsache oder Trugschluss: Ist das Grüne von Tomaten giftig?

Der grüne Ansatz von Tomaten soll ungesund sein. Viele entfernen ihn daher bei der Zubereitung. Doch ist das sinnvoll?

Von Lea Wolz

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Ist das Grüne von Tomaten giftig?

Die Auflösung

Tomaten-Mozzarella-Salat ist lecker - und so einfach. Tomaten und Käse in Scheiben schneiden, Gewürze drüber, gutes Olivenöl und Balsamico-Essig. Geht ganz fix. Müsste man die Tomaten nicht erst von ihrem nervigen grünen Ansatzes befreien. Aber der schadet schließlich der Gesundheit, oder?

Die Empfehlung dürfte wohl jeder schon einmal gehört haben: "Grundsätzlich stimmt sie auch", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Die grünen Stellen unreifer Tomaten - auf und unter der Schale sowie um die Keime - enthalten Solanin, ein Naturgift. Nachtschattengewächse wie Tomaten oder Kartoffeln produzieren den Bitterstoff, um sich vor Krankheiten, etwa Pilzbefall, oder Schädlingen zu schützen. Allerdings ist Solanin in reifen Tomaten nur in geringen Mengen enthalten. Wer die grünen Stellen mitisst, fällt also nicht sofort um - das dürfte die meisten Menschen sicher auch die Erfahrung gelehrt haben.

"Es ist dennoch ratsam, bei der Verarbeitung den grünen Ansatz und die Stellen herauszuschneiden", empfiehlt Gahl. Denn: Zu viel Solanin kann toxisch wirken und zu Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen und Krämpfen führen. "Ab etwa 25 Milligramm Solanin können sich diese Symptome zeigen", sagt Gahl. "Ab einer Dosis von 400 Milligramm kann das Naturgift tödlich wirken."

Doch diese Dosis erreicht beim Kochen vermutlich niemand. Zum Vergleich: In reifen, roten Tomaten ist etwa 1 Milligramm Solanin pro 100 Gramm enthalten. Geht man davon aus, dass eine mittelgroße Tomate rund 80 Gramm wiegt, müsste man schon mehr als 30 solcher Tomaten essen, um die kritische Menge von 25 Milligramm Solanin zu erreichen. Bei grünen, unreifen Tomaten geht es etwas schneller: "In diesen ist bis zu 30 Milligramm Solanin pro 100 Gramm enthalten", sagt Gahl. Ein bis zwei mittelgroße grüne Tomaten können daher durchaus Probleme bereiten.

Kochen hilft nicht

Weniger Gedanken müssen Sie sich bei Tomatensorten machen, die von Natur aus grün bleiben - auch wenn sie reif sind. "Je reifer diese Sorten sind, desto weniger Solanin enthalten sie", sagt Gahl. Entwarnung gibt die Ernährungswissenschaftlerin bei Konfitüre aus grünen Tomaten. "Der Zucker reduziert den Solanin-Gehalt, auch durch Gärung verschwindet ein Teil."

Dagegen könne bei süß-sauer eingelegten grünen Tomaten bis zu 90 Prozent des Solanins verbleiben, da es relativ säurestabil sei. Gahl rät daher, süß-sauer eingelegte grüne Tomaten oder daraus hergestellte Konfitüren sicherheitshalber nicht regelmäßig und nur in kleinen Portionen zu verzehren. Auch Stiftung Warentest empfiehlt, nicht mehr als 100 Gramm zu sich zu nehmen. Bei gebratenen grünen Tomaten rät Warentest ebenfalls zu Zurückhaltung: "Grüne Tomatenspezialitäten sollten Erwachsene nur als Häppchen genießen, Kinder besser gar nicht."

Durch Kochen wird Solanin indes nicht zerstört, denn es ist hitzebeständig. Wer eine Tomatensoße macht, sollte das Grün also auch besser entfernen. Bei Kartoffeln gilt ebenfalls: Grüne Stellen und Keime ebenfalls großzügig entfernen. Ganz wegwerfen müssen Sie die Kartoffeln nicht. Das Gift steckt nur außen und durchdringt die Knollen nicht.

Fazit

Machen Sie sich beim Zubereiten besser die Mühe, und entfernen Sie die grünen Stellen. Vor einer Vergiftung müssen Sie allerdings keine Angst haben. Zum einen ist der Gehalt am Naturgift Solanin am Ansatz gering, zum anderen können Sie sich auch auf Ihren Geschmack verlassen: "Hohe Mengen an Solanin schmecken bitter", sagt Gahl. "Das ist ein ganz natürlicher Schutz vor einer Vergiftung."

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