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Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Tatsache oder Trugschluss: Gibt es Lebensmittel, die Fett verbrennen?

Ananas und Grapefruit lassen angeblich die Fettpolster schmelzen, Brokkoli verbrennt mehr Kalorien als drinstecken, heißt es. Gibt es wirklich Lebensmittel, die die Pfunde purzeln lassen?

Von Lydia Klöckner

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Gibt es Nahrungsmittel, die Fett verbrennen?

Die Auflösung

Neujahr nervt. In der Adventszeit konnte man sich noch einreden, all die Völlerei sei vollkommen in Ordnung - was wäre Weihnachten ohne Lebkuchen, Spekulatius und Zimtsterne? Und "zwischen den Jahren" hat es sich auch nicht so recht gelohnt, eine Diät anzufangen. Nun aber gibt es kaum noch Ausreden: Bis zum Frühjahr muss der Winterspeck weg. Aber wer hat schon Lust auf Diäten und Fitness-Workouts? Gibt es keinen Weg, ganz ohne Stress, Hunger und Verzicht abzunehmen?

Diätenratgeber und Gesundheits-Websites behaupten das jedenfalls. Früchte wie Ananas und Kiwi enthielten Enzyme, die den Stoffwechsel in Schwung bringen, heißt es. Auch einige Gemüsesorten sollen Wunder wirken: Angeblich verbraucht der Körper bei der Verdauung von Brokkoli und Tomaten mehr als sie liefern. Ein Traum: Einfach Funghi- oder Spinatpizza statt Margherita bestellen - schon hat man was für die Figur getan.

Aber funktioniert das wirklich? Können Lebensmittel zum Schmelzen bringen?

So einfach ist es leider nicht. Obst und Gemüse sind zwar Bestandteil vieler Diäten. Auch die Mediterrane Diät, deren gesundheitsfördernde Wirkung bereits in etlichen Studien belegt wurde, rät dazu, täglich Salat oder Gemüse zu essen.

Beim Abnehmen hilft die Naturkost aber aus einem anderen Grund: Sie füllt den Magen, enthält aber im Vergleich zu den meisten Fertigprodukten wenig Kalorien. Kalorien ist ein Maß für den Energiegehalt von Essen: Je mehr Kalorien Lebensmittel liefern, umso mehr Energie kann unser Körper daraus gewinnen. Wenn wir diese nicht durch Bewegung verbrauchen - was im modernen Arbeitsalltag oft der Fall ist - speichert unser Körper sie als Fett. Die meisten Gemüsesorten bestehen zu überwiegenden Teilen aus Wasser und weitestgehend unverdaulichen Fasern (den sogenannten Ballaststoffen) und haben nur zwischen 15 und 30 Kalorien pro 100 Gramm. Zum Vergleich: Die gleiche Menge Chips oder Schokolade hat etwa 500 bis 600 Kalorien. Das Volumen-Kalorien-Verhältnis ist bei Gemüse also deutlich besser als bei Chips und Süßigkeiten. Einfach gesagt: Fettige und süße Speisen liefern viel Energie, ohne den Hunger zu stillen. Gemüse trägt zur Sättigung bei, ohne dabei dick zu machen. Wer viel Gemüse isst, nimmt womöglich insgesamt weniger Kalorien zu sich.

Nährstoffe, die man bereits gegessen hat, lassen sich mit Gemüse allerdings nicht wegzaubern. Es stimmt zwar, dass der Körper auch beim Kauen und Verdauen Energie verbraucht, aber nicht besonders viel. Selbst sehr kalorienarme Gemüsesorten enthalten immer noch mehr Energie, als Gebissmuskeln und Darm beim Zerkleinern und Verwerten der Nahrung verbrennen. Auch in Experimenten hat sich gezeigt, dass der "kalorienlöschende" Effekt von Gemüse wohl eher ein Wunschtraum von Diätmuffeln ist.

Vitamin C, Ananas und grüner Tee

Aber wie steht es um die Fettverbrennung? Immer wieder hört man, Vitamin C attackiere Fettzellen und fördere deren Abbau. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es jedenfalls nicht. Große Bevölkerungsstudien deuten zwar daraufhin, dass Menschen, deren Körper gut mit Vitamin C versorgt ist, einen geringeren Taillenumfang, also weniger Bauchfett haben als Menschen die sich von eher vitaminarmer Kost ernähren. Doch das muss nicht unbedingt bedeuten, dass Vitamin C beim Abnehmen hilft. Es ist schließlich denkbar, dass die schlankeren Studienteilnehmer sich insgesamt gesünder ernährt und daher auch weniger Fett angesetzt hatten. Das sieht die Forschung ähnlich: "Unterschiede in Bezug auf Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil könnten die umgekehrte Beziehung zwischen Fettverteilung und der Vitamin C-Konzentration erklären", schrieb das Forscherteam 2005 im "American Journal of Clinical Nutrition." Von synthetischem Vitamin C als Nahrungsergänzungsmittel sollte man besser die Finger lassen: Wissenschaftler von der University of Minnesota wiesen 2004 nach, dass Vitamin C-Pillen die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen kann. Vor allem älteren Frauen, die unter Diabetes leiden, scheint das künstliche Vitamin eher zu schaden als zu nutzen: Bei ihnen könne die Einnahme der Vitamintabletten das Herzinfarktrisiko nahezu verdoppeln, heißt es in der Untersuchung.

Neben Vitaminen gelten auch bestimmte Enzyme als natürliche Schlankmacher. Ein populäres Beispiel ist Bromelain, das etwa in Ananas vorkommt. Anhänger der Ananas-Diät meinen, dass das Enzym den Fettabbau beschleunigt. Allerdings gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass das tatsächlich funktioniert – im Gegenteil: Ernährungswissenschaftler gehen davon aus, dass das Eiweiß schon im Magen zerlegt wird und somit seine Aktivität einbüßt. Wer abnehmen will, sollte Ananas ohnehin lieber in Maßen genießen, weil sie viel Fruchtzucker enthält, der den Blutzuckerspiegel recht schnell ansteigen lässt. Sie sind zwar gesünder und kalorienärmer als Schokoladen- oder Weingummi-Snacks, halten aber auch nicht lange satt.

Essen gegen den Speck – das ist leider ein Mythos. Bestimmte Getränke hingegen könnten eine – wenn auch äußerst geringe – Wirkung zeigen: Experimente deuten daraufhin, dass das sogenannte Catechin aus grünem Tee einen Einfluss auf den Fettstoffwechsel hat. Das Extrakt scheint etwa den Cholesterinspiegel zu senken. Dass es auch einen direkten Effekt auf das Fettgewebe hat und wirksam beim Abnehmen hilft, ist aber noch nicht belegt. Die beste Waffe gegen überflüssige Pfunde ist und bleibt wohl die altbewährte Kombination aus Sport und bewusster Ernährung. Auch wenn der Verzicht und die Anstrengung oft schwerfällt: Gewicht verliert nur, wer weniger Kalorien zu sich nimmt, als er verbrennt.

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