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Übergewicht Abspecken bringt Bonustore: In England gibt es eine Fußballliga für Dicke

In England gibt es eine Fußballliga speziell für Dicke
England, London, Stadtteil Croydon: Unter Flutlicht treten die "One Tonne Wanderers" an gegen "Dynamo Kebab"
© Peter Dench
In England spielen in einer ganz besonderen Liga Dicke gegen Dicke – und gegen ihre Leibesfülle. Wer abspeckt, kann seinem Team mit Bonustoren helfen. Selbst wenn der Ball nicht sein Freund ist.

Zu den bislang unumstößlichen Weisheiten des Fußballs gehört, dass ein Spiel 90 Minuten dauert, 22 Menschen dazu benötigt werden und am Ende derjenige gewinnt, der die meisten Tore geschossen hat. Was nach dem legendären Verdikt der englischen Fußball-Ikone Gary Lineker im Übrigen sehr regelmäßig Deutsche sind.

An einem kalten und feuchten Abend im Londoner Stadtteil Croydon lernt der Chronist, dass diese fundamentalen Dinge, die ihn sein Leben lang begleitet und es durchaus bereichert haben, hier nicht mehr gelten. Nicht in Croydon auf einem Kunstrasenplatz mit funzeligem Flutlicht, auf dem sich kurz vor sieben zwei Dutzend Herren versammeln, deren Ziel zwar auch darin besteht, hin und wieder Tore zu schießen, vor allem aber: zu verlieren.

"Mann gegen Fett"

Auftritt Michael Falloon nun, er ist der Coach. Falloon schließt eine Tür zu einem kleinen Büro auf und danach noch eine Tür zu einer Art Rumpelkammer, aus welcher er eine handliche Elektrowaage expediert und sich hinter einen kleinen Schreibtisch setzt. Sodann tauchen der Reihe nach die Spieler auf, mit einem Heftchen in der Hand, ihrem Namen drin und Tabellen, die aber nichts mit Fußballresultaten zu tun haben, sondern mit Gewicht, das hierzulande in Stone bemessen wird. Sie steigen auf die Waage, und Falloon notiert die Ergebnisse der Plauzen-Parade. Es geht in Croydon also ums Abnehmen. Anders ausgedrückt: Wer hier verliert, gewinnt. Oder noch mal anders: Win-win für alle. Das nennt sich "Mann gegen Fett" und ist eine Erfindung des Autors Andrew Shanahan, der vor ein paar Jahren in den Spiegel schaute und betroffen feststellte, dass sein Job Spuren hinterlassen hatte. Shanahan, ein Restaurantkritiker, aß gewissermaßen hauptberuflich, und so sah er auch aus.

Einmal machte er sogar ein Selfie von sich und dem Bauchspeck, der in mehreren Etagen an ihm herabhing, und das war kein schönes Bild. Zu viele Mahlzeiten, zu wenig Bewegung, "ich fühlte mich miserabel". Er wusste, dass es Zeit war für einen dramatischen Schnitt, versuchte Weight Watchers und Gym, aber das machte keinen Spaß. Er suchte nach Büchern und Rat im Netz und bemerkte erstaunt, dass sich Literatur und Websites vor allem an Frauen richten. Womöglich auch deshalb, weil, wie er beobachtet hat, Männer seltener über Fett reden und ihre Wampen gesellschaftlich sogar protegiert sind. "Wenn ein Kerl zu viel isst, heißt es, er habe gesunden Appetit. Unfug natürlich."

Michael Falloon trainiert die übergewichtigen Fußballer in der Selhurst Sports Arena in London
Michael Falloon trainiert die übergewichtigen Fußballer in der Selhurst Sports Arena in London
© Peter Dench

Über all das grübelte Shanahan und fragte sich, warum Abnehmen eine solche Quälerei sein muss und was man tun könne, um – wenn es schon sein muss – dem Ganzen eine spielerische Note zu geben. Am Ende dieses Prozesses stand eine Idee: Fußball für Dicke und gegen Fett. Und am Ende seines persönlichen Prozesses hatte er mehr als 30 Kilogramm abgespeckt.

Es funktioniert. Und es funktioniert deshalb, weil die Idee so simpel ist: Vor dem Spiel steigen die Spieler auf die Waage. Danach geht's aufs Feld, zweimal 14 Minuten. Das Resultat steht aber erst dann fest, wenn das Gewicht mit dem der Vorwoche verglichen wird. Zunahme zählt wie ein Eigentor, Abnahme wird mit Bonustoren belohnt. Je höher der Speckverlust pro Team und Woche, desto mehr Tore zusätzlich in der Tabelle. Wer drei Wochen in Folge sein Fett wegkriegt, bekommt sogar einen Hattrick gutgeschrieben. Der wahre Schiedsrichter ist mithin die Waage.

Der Volkssport als Mittel zum Zweck gegen eine Volksseuche. Man muss nämlich wissen, dass zwei Drittel aller britischen Männer als entweder übergewichtig oder fettleibig gelten. In Europa sind nur Malteser und Isländer noch dicker. Die Idee von "Mann gegen Fett" traf mithin auf einen gesättigten Nährboden und gedieh zu einem Erfolg: 95 Prozent der Spieler nehmen tatsächlich ab, und mehr als die Hälfte von ihnen schafft es, fünf Prozent des Körpergewichts zu verlieren. Abnehmen als Teamsport.

Es gibt in England Dutzende Dicken-Ligen

Inzwischen gibt es landesweit Dutzende von Ligen mit jeweils sechs Mannschaften, die putzige Namen tragen wie Inter Flan, Monster Munchingladbach oder – wie in Croydon zu besichtigen – Full of Ham, Dynamo Kebab und Nonatletico Bilbao Blacks.

Nach dem Wiegen schaut der Coach Falloon etwas bedröppelt und sagt, der Besuch habe sich leider den vermutlich schlechtesten Spieltag der ganzen Saison ausgesucht. Am selben Abend spielt dummerweise der FC Chelsea nur 15 Kilometer entfernt, und einige der Spieler haben es vorgezogen, guten Fußball zu gucken, statt schlechten zu spielen. Wofür der Trainer durchaus Verständnis hat. Er ist ein großzügiger Coach. Doug Shanks betritt als Letzter das Kabuff, rund und glücklich, und er fragt: "Sag mal, muss ich heute?" Muss er nicht, steigt aber auf die Waage, Gewicht stabil, Nullsummenspiel. Doug ist Steuerberater und Mitglied des Londoner "Breakfast Club", das sei die eine Erklärung für seine Leibesfülle, und außerdem, Erklärung zwei: "Ich trinke nicht mehr." Was per se gut und löblich sei, aber eben immensen Hunger generiert. Yin und Yang, zwei Herzen in seiner mächtigen Brust. Abstinent oder Hunger. Er habe insgesamt jedoch ein paar Pfund abgenommen. Dann verschwindet Doug in die kalte Nacht.

Michael Falloon sagt, die Ligen im Norden seien besser. Die Männer da oben noch runder, aber noch ambitionierter. London? Arbeit und Stress, und nach der Arbeit zieht es die Leute in die Pubs oder ins Kino oder ins Theater oder eben zum Fußball ins Stadion. Im richtigen Leben arbeitet er als Gewichts- und Ernährungsberater an Schulen. Am Spielfeldrand beugen sich jetzt die vollschlanken Athleten von Dynamo Kebab und gleich nebenan die der "One Tonne Wanderers", ausgerechnet vor einem Bonbonautomaten. Im Prinzip haben alle dieselbe Geschichte. Dylan Graham, 43, Versicherungsvertreter, erzählt, er wolle wenigstens so alt werden wie sein Großvater, der sich mit 91 bester Gesundheit erfreut. Dylan erfuhr von dieser speziellen Liga durch einen Bekannten, den er im Zug traf und kaum wiedererkannte, weil plötzlich rank und schlank. "Wie hast du das geschafft?", fragte er. "Fußball." Graham trägt ein Arsenal-Trikot, das leicht spannt. Er spielt für Full of Ham; zehn Kilo sollen runter, mindestens.

Joe Nimmo, 31, spricht von seinem kleinen Sohn, mit dem er später Fußball spielen möchte. Er hörte von "Mann gegen Fett" im Radio, wohingegen Doug Mather den Tipp von seiner Frau bekam. Er ist 61, seit August dabei, 15 Kilo seitdem verdampft. Es kann nun losgehen, zweimal 14 Minuten, zwei Minuten Pause.

Der nächste Gegner ist der schwerste

Trainer Falloon steht am Spielfeld und doziert über Body Mass Index, jeder über 27, 5 darf mitkicken, die Grenze zum Normalgewicht liegt bei 25. Er spricht auch über die Ikonen der Liga. Jene Männer, die so viel abnahmen, dass sie ihre Geschichte auf der Website erzählen dürfen als "Amazing Losers", "großartige Verlierer", Geschichten von 40 Kilo oder 50 Kilo Fettverlust. Michael hat die Zeit, davon zu erzählen, weil das Tempo auf dem Spielfeld überschaubar ist. Torwart Robert Varney, Chelsea-Trikot, kriegt einen Ball nach dem anderen auf und ins Tor. Was möglicherweise daran liegt, dass er sich während des Spiels mit dem Chronisten über den Zustand von Borussia Dortmund austauscht. Robert kassiert jedenfalls Tor um Tor, sieben sind es beim Abpfiff, wenigstens fünf davon haltbar. Er sagt, das soziale Element sei ihm wichtiger als der Sieg. Das ist deutlich erkennbar. Er verlor neun Kilo, aber der Weg ist noch weit. Auch das deutlich erkennbar als Wölbung unterm Leibchen.

Nach eineinhalb Stunden geht der Abend in Croydon zu Ende. Michael schließt die Waage weg. Er fährt nach Hause, tippt alles in seinen Laptop und informiert die Spieler tags drauf via Whatsapp über die Endergebnisse und die kommenden Spiele. Die Mutter aller Fußballweisheit greift nämlich auch hier, und nie war sie treffender: Der nächste Gegner ist immer der schwerste.


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