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stern-Gespräch

Hamburger Marienkrankenhaus: Mitarbeiter in Notaufnahmen sind zunehmender Gewalt ausgesetzt. Ein Chefarzt erklärt die Gründe

Michael Wünning, Leiter der Notaufnahme des Hamburger Marienkrankenhauses, spricht mit dem stern über die Gründe für die wachsende Gewalt gegen Krankenhausmitarbeiter.

Notaufnahme: Mitarbeiter sind zunehmender Gewalt ausgesetzt.

Zum Alltag von Notfallmedizinern gehört heute auch, heftigen Beleidigungen ausgesetzt zu sein. Michael Wünning, 45, ist Facharzt für Allgemeine Chirurgie und Chef der Notaufnahme des Hamburger Marienkrankenhauses. Er sagt: "Das Anspruchsdenken der Patienten ist heute enorm".

Die Zahlen sind erschreckend. Knapp 76 Prozent der Mitarbeiter in hessischen Notfallambulanzen geben an, im zurückliegenden Jahr Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein, so eine Studie der Hochschule Fulda. Geht es um verbale Aggression, liegt die Quote sogar bei 97 Prozent. In anderen Bundesländern sieht es kaum anders aus. "Mich überrascht das nicht", sagt Michael Wünning gleich zur Begrüßung. Seit neun Jahren leitet er als Chefarzt die Notaufnahme des Marienkrankenhauses, einer der größten Kliniken Hamburgs. Insgesamt 41.000 Patienten pro Jahr werden in seiner Abteilung behandelt. In den vergangenen Jahren sei etwas ins Rutschen geraten zwischen Ärzten und Patienten. Eine Bestandsaufnahme.

Herr Wünning, wir sprechen an einem Donnerstag, später Vormittag. Sie wirken entspannt. Darf man dies angesichts der jüngsten Zahlen als gutes Zeichen werten: Heute ist alles bislang friedlich geblieben?

Friedlich, ja, das trifft es, aber nicht so, wie Sie das meinen. Ich komme gerade aus einer Akutsituation. Ein Leben ist soeben zu Ende gegangen.

Ein Unfall?

Nein, eine Erkrankung, die über Jahre schon chronisch war, das Herz war mehrfach voroperiert. Ab einem gewissen Krankheitsgrad geht der Körper einfach nicht mehr mit. Dann müssen wir ad hoc entscheiden, was wir tun, in der intimsten Situation, die es gibt, beim Sterben. Dieser Mensch bringt sein gesamtes Leben mit, Kindheit, Heirat, eigene Kinder, Enkelkinder. Schicksalsschläge. Und dann kommt er in die Notaufnahme, neben ihm noch 32 andere Patienten, viele mit Bagatellen, manche angetrunken, laut und ordinär.

Wie schafft man da Intimität?

Es geht in dem Moment nur um diesen einen Patienten. Er soll loslassen können. In seiner größten Not. Dafür muss man einen abgegrenzten Raum schaffen. Dem Patienten, so gut es geht, Ruhe verschaffen. Gleichzeitig Nähe aufbauen. Er soll wissen, spüren, dass er nicht allein ist. Die Hand halten. Reden. Ein stilles Gebet. Einfach da sein.

Wie oft kommt ein solcher Fall vor?

Jeden Tag ringen Menschen bei uns direkt oder indirekt um ihr Leben. Schlaganfall, Hirnblutung, ein Herzinfarkt. Ein Verkehrsunfall. Der Tod ist ein steter Begleiter hier.

Dabei klagen Kollegen von Ihnen, die Notaufnahme werde täglich von Menschen verstopft, die sich schon mal gegen eine Erkältung schnell behandeln ließen. Verärgert das nicht?

Man versteht sich zunehmend als Dienstleister, sagen wir es so. Not wird heute von vielen Menschen anders definiert, als wir es tun. Ich habe es schon erlebt, dass wir mit dem Helikopter zu Menschen nach Hause geflogen sind – mit Polizei, Straße absperren, allem Drum und Dran –, weil die Person angab, Atemnot zu haben. Tatsächlich hatte der Mann Asthma, und sein Spray war leer. "Ich wusste, dass ihr bei Atembeschwerden sofort kommt", meinte er nur. Kurz vor dem Todesfall eben hatten wir heute Morgen eine junge Patientin, die nicht einsehen wollte, dass wir sie nicht mit einem Krankenwagen nach Hause fahren können. Ein harmloser Fall, wohlgemerkt. Ihr Leiden konnte man problemlos zu Hause weiterbehandeln. Aber sie erklärte, sie komme keine Treppe allein hoch. Zum Rauchen gehen konnte sie aber.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben ihr ruhig erklärt, dass das nicht gehe, und mehrere Angebote gemacht, die sie ablehnte. Sie hat stattdessen geschrien: "Was ist das hier für ein Scheißladen?" Und dass wir uns nicht kümmerten. Solche Dinge laden die Atmosphäre auf, die anderen Patienten kriegen das ja auch mit. Oftmals reicht nur ein Patient im Wartezimmer, der das Ganze antreibt. Lange ist es ruhig, dann geht es los: Warten Sie denn auch schon so lange? Und plötzlich haben Sie einen Flächenbrand.

Das klingt ja, als drohte ein Massenaufstand.

Dass sich Stimmungen anstecken, das haben wir leider öfter. Fast noch schlimmer: Die Beschimpfungen müssen sich Leute anhören, die sich den ganzen Tag aufopferungsvoll um Patienten kümmern. Vor allem meine Kolleginnen am Empfang, unser Cockpit, bekommen die Unzufriedenheit ungeschminkt mit. Wir nennen sie nicht umsonst unsere erste Linie ...

... wie bei einem mobilen Einsatzkommando ...

... die werden locker fünf Mal am Tag heftig beschimpft. Das macht was mit den Menschen, die dort arbeiten. Das geht so weit, dass Mitarbeiter sagen: Diesen Job können wir nicht ein Lebtag machen.

Ein Notfallmediziner berichtete mir, in seiner Klinik seien am Empfang selbst übelste Schimpfwörter wie Fotze oder Schlampe keine Seltenheit.

Das kennen wir hier leider auch.

Haben Sie persönlich auch körperliche Aggressionen erlebt?

Das bleibt nicht aus. Ich kann mich an eine Situation aus dem letzten Jahr erinnern, da gab es einen Patienten, der mit der Behandlung einer Kollegin nicht zufrieden war. Eine Bagatellgeschichte. Er wurde laut, beschimpfte meine Kollegin unflätig. Die Kollegin holte mich dazu, um dem Patienten zu zeigen: Wir nehmen das wahr, wir lassen das nicht zu. Er hat aber immer wieder die persönliche Schutzzone durchbrochen, hat versucht, nach mir zu greifen, hat drohend die Hände gehoben. Bis er irgendwann mit der geschlossenen Faust, der Mann war körperlich vernachlässigt, mit voller Kraft auf Handgelenk und Unterarm schlug.

Wie haben Sie sich der Situation entzogen?

Da kommt dann auch der Sicherheitsdienst, wir haben den Übergriff angezeigt. Aber der Punkt war ein anderer: Der Schlag an sich hat mich nicht weiter verletzt. Aber ich hatte durch die unmittelbare Gefahr für meine Kollegin keine Zeit, Abstand zu halten, Handschuhe anzuziehen, zu schauen, ob Gegenstände in der Nähe sind. Ich wusste nicht, was der Patient hat.

Spielt das in einer solchen Situation eine Rolle?

Wenn Sie unmittelbar nach dem Schlag erfahren, dass der Patient HIV-positiv ist, seine Medikamente nicht nimmt, offene Stellen an den Händen hat, kann das schnell eine Rolle spielen. Der Patient hätte mich auch anspucken können.

Wie verarbeiten Sie solche Momente?

Es hängt vom Fall ab: Wir unterscheiden verschiedene Arten von Gewalt. Ist der Patient alkoholisiert, oder steht er unter Drogen? In diesem Fall kann er sich oft gar nicht erinnern. Dann gibt es Patienten, die dement sind. Da gab es auch Kranke, die in ihrem Wahn jemandem den Finger umgedreht haben. Wir hatten gerade diese Woche einen psychiatrischen Patienten, der nicht einsehen wollte, dass er sich selbst gefährdet, wenn er wieder geht. Den müssen wir zwangsweise hierbehalten. Solche Menschen entwickeln unglaubliche Kräfte. Wir brauchten sechs Personen, um den Patienten ruhigzustellen. Da kassieren Sie auch schnell mal einen Schlag. Aber all das ist ja krankheitsbedingt und so besser einzuordnen.

Wie sieht es bei vorsätzlicher Gewalt aus?

Wenn ein Patient bei vollem Bewusstsein direkt schlägt oder schubst, ist das am schwersten zu verarbeiten. Das läuft unter ungerechter Gewalt. Das lässt sich schwerer rationalisieren.

Setzt Sie das hohe Aggressionspotenzial nicht unter Dauerstress?

Wir versuchen zu schauen, was medizinisch dahintersteht. Das ist unsere Art der Verarbeitung, um es nicht zu nahe an uns heranzulassen. Das macht es einfacher, die Beleidigung, den Schlag zu verarbeiten. Was ich wirklich gefährlich finde, ist, dass man es schon als Daily Business ansieht, dass man beleidigt wird. Wir gehen strafrechtlich ja nur gegen Menschen vor, die vorsätzlich auffällig werden.

Wie oft kommt das vor?

Zwischen fünf und zehn Mal im Jahr. Die Anzahl der Hausverbote hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Die sprechen wir so gut wie jede Woche aus.

Schauen Sie heute anders auf Patienten?

Ein unterbewusstes Screening läuft eigentlich immer ab. Es kommen ja schon besondere Fälle hier an. Wir hatten neulich einen großen Mann mit einer Grubenlampe auf dem Kopf und einem riesigen Buschmesser am Gürtel. Der war ganz harmlos, aber natürlich fragen Sie sich: Warum läuft einer mit einer riesigen Machete rum? Wir haben ja auch viele hier, die psychisch erkrankt sind. Da kommt es schon mal vor, dass Patienten einen Raum verwüsten. Wir wissen nicht, unter welchen Einflüssen ein Patient steht. In meiner Zeit ist es zwei Mal passiert, dass jemand die Tischplatte abräumte, in den Schrank trat.

Lassen sich Muster bei den nicht krankheitsbedingten Aggressiv-Tätern erkennen?

Das ist kein Schichten-, kein Nationalitäten-, kein Altersproblem. Die Gewalt zieht sich durch alle Sozialisationen und Kulturen. Das ist nicht nur der "böse Ausländer" oder der "Proll vom Kiez", auch der Anzugträger ist dabei. Wenn wir etwa Kolleginnen aus dem arabischen Raum haben, dann merken wir allerdings schon, dass die von manchen Männern aus demselben Kulturkreis weniger wahrgenommen werden. Wir sind aber ein multikulturelles Team – und stolz darauf.

All dies erklärt den Ursprung der offenbar angestauten Anspannungen nicht.

Angst. Es geht meistens um Angst. Ich will wissen, dass ich nicht todkrank bin. Oder ich habe die Sorge, meinen Flieger zu verpassen. Bei uns zeigt sich der Mensch völlig ungeschminkt, bei uns fällt die Maske. Hier muss sich der Mensch körperlich und geistig nackt machen.

Warum reagieren Menschen heutzutage in vergleichbaren Situationen aggressiver?

Das Anspruchsdenken ist heute enorm. Es geht immer um nicht erfüllte Erwartungen. Das kann die Erwartung sein, dass ich die Behandlung in dem Umfang erhalte, die ich eigentlich wollte. Dass man das, was man normalerweise in drei Wochen im niedergelassenen Bereich macht, auf einmal bekommt, und zwar nachts um drei.

Gibt es Faustregeln: je größer die Malaise, desto größer der Unmut?

Ja, nur andersherum: je lauter der Protest, desto nichtiger das Problem.

Warum weisen Sie Patienten nicht kategorisch die Tür bei der leisesten Form von Aggression?

Weil wir auch sicherstellen müssen, dass dem Patienten nichts passiert. Was ist denn, wenn der ausfällig ist, ich ihn nach Hause schicke, und er hat dort einen schweren Schaden oder stirbt sogar?

Das klingt, als müssten Sie sich Ihrer ärztlichen Pflichten wegen alles gefallen lassen.

Also abschließend geklärt ist diese Rechtsfrage nicht. Und dann geht es am Ende um Hilfe – für jeden. Wenn einer also brüllt: "Was ist das hier für ein Mist?", drücken wir das erst mal weg. Und wenn einer flucht, weiß ich ja erst mal nicht: Hat er eine psychiatrische oder demenzielle Erkrankung? Ich muss mir ein Bild vom Patienten machen, um diese Art des Ausfalls irgendwie einschätzen zu können. Dafür muss ich mich erst mal mit dem Patienten befassen.

Ist die Reizschwelle in Sachen Aggression noch einmal gesunken in den vergangenen Jahren?

Auf jeden Fall. Unser Bereich ist auch ein Spiegel der Gesellschaft: Wir alle sind schneller getaktet, und niemand hat natürlich geplant, heute in die Notaufnahme zu gehen. An einem Tag, der ganz viele Punkte hat, passt dieses Kranksein überhaupt nicht rein. Wir als Gesellschaft sind ja gewohnt, am Limit zu arbeiten.

Das rechtfertigt nicht fehlenden Anstand und Respekt.

Richtig. Die Frage ist deshalb, warum wir heute keine Rücksicht mehr aufeinander nehmen, und das nicht nur in der Klinik, wo eine Situation eskaliert, weil jemand Angst um sein eigenes Ich hat. Die Menschen sind doch schon im Verkehr aggressiv, weil sie getrieben und gehetzt sind. Da ist völlig egal, wie groß der Wagen, ob Arbeiter oder Manager. Alle schimpfen und fluchen. Aber es hat sicherlich auch etwas mit Erziehung zu tun, mit Grundwerten, die wir unseren Kindern weitergeben. Oder eben nicht.

Warum finden sich immer mehr Patienten ohne erkennbaren Notfall in der Klinik ein?

Da kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Wir haben die Frau, die bis 22 Uhr arbeitet und dann ins Krankenhaus geht, weil sie am nächsten Tag nicht ausfallen möchte. Dann ist da der Patient, der ein Symptom hat, zum Allgemeinmediziner geht, der sagt, da sollte vielleicht noch mal ein Facharzt draufschauen. Darauf bekommt der Patient, medizinisch gerechtfertigt, einen Termin in ein bis zwei Wochen. Aber dieser Patient fängt irgendwann an zu googeln, und Sie können sicher sein, der dritte Google-Eintrag hat immer etwas mit Sterben und Tödlichkeit zu tun – egal, was Sie haben. Und dann hält der diese Angst noch zwei Tage aus, am dritten Tag versucht er, den Termin beim Facharzt vorzuziehen, das funktioniert nicht. Am vierten Tag ist er bei uns. Das ist ein wichtiger Punkt: Wir haben verlernt, Krankheitslehre in eigener Sache zu betreiben.

Was reizt Sie noch an Ihrer Arbeit? Als niedergelassener Arzt hätten Sie ein ruhigeres Leben.

Ich liebe den Job noch immer. Es hat auch etwas extrem Erfüllendes, einen Tag wie den heutigen gestemmt zu bekommen. Die Hilfe ist sehr direkt hier. Und ein Team ist ein Team, das schweißt zusammen.

Was wünschen Sie sich also?

Wir brauchen keinen Blumenstrauß, und die Leute müssen auch nicht überschwänglich Danke sagen. Es ist gut, dass der Arzt heute kein Halbgott in Weiß mehr ist, sondern ein Partner auf Augenhöhe. Ein bisschen Respekt im Umgang würde also schon reichen.

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