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Schlaganfall: Minuten, die alles entscheiden - Protokoll einer dramatischen Rettung

Eine junge Mutter bricht zusammen – Schlaganfall! Ihr Mann reagiert sofort, Notarzt und Neurologen behandeln nach neuesten Standards: das Protokoll einer Rettung, wie sie viel öfter glücken könnte.

Von Christoph Koch und Constanze Löffler

Schlaganfall: Die glückliche Rettung einer jungen Mutter

Das dreirädrige Elektrofahrrad (l.) ersetzt Barbara Menke und ihren Töchtern Tilda und Amelie das Auto. Der Neuroradiologe Alexej Titschert vom St. Elisabeth Hospital in Gütersloh zeigt Liz Mohn, Präsidentin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, einen Spezialkatheter.

Es war der perfekte Ausflugstag. Viel frischer Schnee war gefallen, der münsterländische Himmel strahlte in wolkenlosem Blau. Die Menkes lockte der Park. Barbara und Sebastian und die Töchter Tilda und Amelie, zwei und fünf, hatten den Schlitten dabei, sie bauten einen Schneemann. Es war der 15. Januar 2017, und alles schien gut. Ein Besuch bei Freunden sollte auf den Ausflug folgen. Doch beim Aufbruch verspürte Barbara Menke, 36, ungewohnte Kopfschmerzen, sie ging zurück ins Haus, eine Tablette holen. Und kehrte nicht zum Auto zurück.

Sebastian Menke wurde unruhig, ging nachsehen – und fand seine Frau zusammengesunken im Bad. Versuchte sie aufzurichten. Doch alle Kraft war aus den Muskeln der linken Körperseite geschwunden. Barbara Menke lag auf dem Boden, blickte Sebastian an, blieb stumm. Rettung musste her, sofort! Doch das Handy hatte im Bad keinen Empfang,

Ins Eli-Hop zur Schlaganfallsofortbehandlung

Menke hastete zum Festnetzapparat, wählte 112, verlangte nach einem Notarzt. Instinktiv, erzählt er, habe er gewusst: "Meine Frau hat einen Schlaganfall." Das ist im großen Unglück großes Glück: Der Notarztwagen war schnell vor Ort. Sebastians Mutter holte die Mädchen, damit sie geborgen waren.

Barbara Menkes Erinnerungen an ihren Schicksalstag sind brüchig, Schlaglichter bloß: "'Warum tragen die mich raus', dachte ich, 'ich kann doch laufen!'" Der Arzt bestätigt die Verdachtsdiagnose, eine halbe Stunde später ist seine Patientin im St. Elisabeth Hospital in Gütersloh. Vom heimischen Oelde sind es 25 Kilometer, aber hier im "Eli-Hop" steht alles bereit, was für die Sofortbehandlung eines Schlaganfalls nötig ist. Das Krankenhaus hat eine zertifizierte "Stroke Unit".

Dort läuft eine strenge Choreografie der Hirndiagnostik ab. Das Ziel: Nervenzellen retten, so viele und so schnell es geht. Was eigentlich dasselbe ist. Denn die Grundregel der Behandlung nach Gefäßschäden im Gehirn heißt "Time is brain", Zeit ist Hirn. Sofort muss geklärt werden, welches Unglück sich präzise in Barbara Menkes Kopf zugetragen hat: Blutung oder Blutstau – Leck oder Gerinnsel? Der Computertomograf kann die Antwort geben.

Heute arbeitet Barbara Menke wieder halbtags für die Stadt Oelde

Heute arbeitet Barbara Menke wieder halbtags für die Stadt Oelde

Vier von fünf der in Deutschland jährlich 270.000 Schlaganfälle gehen auf ein verstopftes Hirngefäß zurück, in rund 15 Prozent blutet ein Hirngefäß, beispielsweise, wenn es gerissen ist. Die nachfolgenden Regionen des Gehirns werden plötzlich – schlagartig eben – nicht mehr oder nur noch unzureichend versorgt. Bei einer Blutung muss man operieren, das Gefäß flicken. Ein stauendes Gerinnsel aber entfernen die Neurologen ohne Operation. Sie verabreichen dazu meist eine Infusion mit einem Enzym, das den Blutpfropfen auflöst. Eine solche "Lysetherapie" aber wirkt nur in einem engen Zeitfenster – viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall. Kommt sie zu spät, ist der Schaden geschehen, nur die Rehabilitation kann eine Linderung der Folgen bringen. Noch immer ist der Schlaganfall eine der häufigsten Ursachen von bleibender Schwerbehinderung – auch deshalb, weil zu wenige Menschen ihn erkennen und sofort so konsequent handeln wie Sebastian Menke: Verdacht auf Hirnschlag ist immer ein Fall für den Notarzt. In Berlin ist man mittlerweile schon so weit, dass der Doktor den Computertomografen zum Patienten mitbringt. Das "Stroke-Einsatz-Mobil", kurz Stemo, ein Zwölf-Tonnen-Notarztwagen, hat ein CT an Bord. Belegt ist mittlerweile: Auch dieser Zeitgewinn rettet Nervenzellen und damit Fähigkeiten und Lebensqualität von Patienten.

Am Nachmittag des 15. Januar 2017 klärt sich der Fall rasch: Barbara Menkes Ärzte erkennen dank Kontrastmittel einen Verschluss der mittleren Hirnarterie.

Schlaganfälle sind wohl schon in der Bibel geschildert

Sie entscheiden sich für die Lysetherapie. Eine Stunde lang fließt die Gerinnsel-lösende Infusion durch Menkes Adern, fünf Tage bleibt sie auf der Schlaganfallstation, dann geht es direkt in die Rehabilitation nach Bad Oeynhausen. Barbara Menkes Kopf sagt Ja dazu, ihr Herz schreit Nein. "Mit jedem Meter, den ich weiter von zu Hause wegfuhr, ging es mir schlechter", erinnert sie sich. "Ich habe meine Kinder vermisst und das Leben verflucht."

So geht es vielen, wenn nicht gar allen vom Schlag Getroffenen. Sie hadern mit dem Schicksal, das ausgerechnet sie getroffen hat, manch einer zürnt seinem Gott oder verflucht schlechte Lebensgewohnheiten, die womöglich zum Risiko für den Gefäßschaden beigetragen haben. Doch auch junge und ganz gesunde Menschen wie Barbara Menke können betroffen sein, selbst Kinder. Manchmal reicht es, sich unglücklich den Kopf am Türrahmen gestoßen zu haben. Das war schon immer so: Schlaganfälle sind wohl schon in der Bibel geschildert und vom griechischen Arzt Hippokrates (um 400 v. Chr.). Aber in den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der Behandlung des Hirnschlags mehr zum Guten hin verändert als in all den Jahr hunderten zuvor.

"Vor 25 Jahren wurden Schlaganfallpatienten gepflegt und verwahrt, heute werden sie nach international anerkannten Leitlinien aktiv behandelt", sagt Stephan Pantenburg, der Geschäftsführer des St. Elisabeth Hospitals. Damals hatte sein Krankenhaus noch kein Tomografie-Gerät, heute sind es zwei Kernspins und ein CT. Und die seit Längerem erprobte Lysetherapie wurde jüngst durch ein weiteres Verfahren zur Gefäß-Entstopfung ergänzt: Mit einem feinen Katheter können Ärzte von der Leiste bis ins Gehirn hineinfahren, ein Blutgerinnsel mechanisch einfangen und entfernen. Seit 2015 ist gesicherter Forschungsstand, dass bei bestimmten Patienten auch so schwere Schlaganfallfolgen abgewendet werden können.

Barbara Menke blieb 13 Wochen von ihrer Familie getrennt. Nur an den Wochenenden kommt sie zu Besuch, Reha ist anstrengend, das Gehirn muss von Neuem lernen, den Körper möglichst gut zu beherrschen. Oft gelingt das nur mit Einschränkungen. Eine Bandage hüllt heute Menkes linken Arm von der Schulter bis zum Ellenbogen ein. Der feste Stoff stützt das Gelenk und verhindert, dass der Arm auskugelt. Der Arm – er ist Menkes größtes Handicap. Bei den regelmäßigen Übungen in der Physiotherapie schmerzt er, im Alltag hängt er meist schlaff und nutzlos herab. Und doch: "Er gehört zu mir wie alle anderen Körperteile auch. Manchmal wärme ich die kalten Finger mit der anderen Hand, streichle ihn. Wir zwei gewöhnen uns noch aneinander" , sagt die junge Frau.

Barbara Menkes Ergotherapeutin Nicki Tuschl hilft regelmäßig, ihren linken Arm zu stärken

Barbara Menkes Ergotherapeutin Nicki Tuschl hilft regelmäßig, ihren linken Arm zu stärken

Vor einem Jahr, Ende April 2017, ist Menke heimgekehrt. "Ich habe mich riesig gefreut, wieder nach Hause zu kommen, hatte aber auch einen Riesenbammel, ob ich das alles packe", erzählt sie – auch, weil der Schlaganfall mit ihr ausgerechnet eine Linkshänderin traf. Vieles schafft sie heute allein. Aber Auto fahren, das zum Beispiel geht noch nicht. Im Sommer hat die Familie ein Lastenfahrrad mit Elektroantrieb gekauft. So ist Mama wieder mobil – kann die Kinder in die Kita bringen, einkaufen gehen, allein zur Reha fahren. Auch ihre Arbeit im Jugendamt der Stadt Oelde hat sie wieder aufgenommen, 20 Stunden pro Woche, so wie früher. Eine verkleinerte Computertastatur, allein mit der rechten Hand zu bedienen, hilft ihr, die Tagespflege-Börse für Eltern zu betreiben, die Betreuung für ihre Kinder brauchen.

Rosenball mit Familie Menke

Am 16. April 2018 ist Barbara Menke wieder im "Eli-Hop" – mit der ganzen Familie. Sie trifft das medizinische Personal, und sie trifft Frauke Ludowig und Liz Mohn, die Gründerin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Der gemeinsame Wunsch: dafür einzutreten, dass der Fortschritt in Behandlung, Prävention und öffentlicher Aufklärung zum Hirnschlag weiter vorankommt – wie in den 25 Jahren, seit Mohn die Stiftung zu diesem Zweck gegründet hat. Beim alljährlichen Rosenball in Berlin, der prominent besuchten Spendengala, wurde das am 5. Mai gefeiert. Liz Mohn lud ein, Frauke Ludowig moderierte. Und Familie Menke war dabei.

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