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Interview

Juckende Bläschen: Experte klärt auf: Gibt es Menschen, die immun gegen Herpes sind?

Für einige sind sie ein wiederkehrendes Ärgernis – andere bleiben dagegen von ihnen verschont: Herpesbläschen. Woran liegt das?

Ein Herpesbläschen an der Lippe einer Frau

Juckende Bläschen: Herpes

Unappetitlich, aber wahr: Herpes ist allgegenwärtig. In rund 85 Prozent aller Erwachsenen schlummert das Virus. Die meisten Menschen stecken sich bereits im Kindesalter mit Herpes an – über Familie, Freunde, Bekannte. Schon ein kurzer Kuss auf die Backe genügt, um die Viren zu übertragen. Sind sie in den Körper gelangt, wandern sie ins Nervensystem und in die Lymphknoten. Mediziner sprechen dann von einer sogenannten "Primärinfektion". Diese kann unangenehme Symptome wie Schwellungen im Mund hervorrufen – oder völlig unbemerkt ablaufen.

Nach erfolgter Infektion verfallen die Viren im Körper in eine Art Tiefschlaf, das Immunsystem kann sie gut in Schach halten. Doch ist die Abwehr einmal geschwächt – durch Stress, Infektionen oder ausgiebige Sonnenbäder – werden die Viren aktiv und verursachen unangenehme Bläschen, meist an den Lippen.

Herpes: Kampf gegen Bläschen

Herpesviren wird man nicht mehr los – sie bleiben ein Leben lang im Körper. Das gilt übrigens für beide Formen des Virus: Den häufigen Herpes Typ 1, der zu Bläschen an der Lippe führt. Und den selteneren Herpes Typ 2, der für ähnliche Symptome im Intimbereich sorgt.

Doch warum haben einige Menschen immer wieder mit den lästigen Bläschen zu kämpfen, während andere ein Leben lang verschont bleiben? Thomas Mertens, ehemaliger Präsident der Virologischen Gesellschaft und Ärztlicher Direktor der Virologie am Universitätsklinikum Ulm, gibt Antworten.

85 Prozent der erwachsenen Bevölkerung trägt das Herpesvirus in sich, das Lippenbläschen auslöst. Doch nicht jeder bekommt auch die typischen Symptome. Warum?

Es ist wichtig, zwischen Infektion und symptomatischer Erkrankung mit Bläschen zu unterscheiden. Ein Großteil der Bevölkerung ist mit dem Herpes-simplex-Virus Typ 1 infiziert, nämlich etwa 85 Prozent. Die Infektion erfolgt vielfach unbemerkt oft schon in der Kindheit. Bei allen infizierten Menschen schlummern die Herpesviren danach in bestimmten Nervenzellen – ein Leben lang. Durch verschiedene Auslöser können die Viren dort reaktiviert werden, sie vermehren sich und wandern entlang der Nervenzellen wieder an den Ort der Erstinfektion. An dieser Stelle wird es interessant: Bei vielen Betroffenen bilden sich nun die typischen Bläschen, zum Beispiel an der Lippe – bei anderen nicht.

Woran liegt das?

Das ist noch nicht abschließend geklärt. Offenbar besteht ein Zusammenhang mit den T-Zellen des Immunsystems. Ob es zu Bläschen kommt, hängt daher wohl auch von der Immunreaktion des Einzelnen ab.

Zum Schutz vor einer Infektion mit Herpes soll man Menschen mit Lippenbläschen nicht küssen, heißt es immer wieder. Die Flüssigkeit in den Bläschen ist hochansteckend. Wie sieht es bei Menschen aus, die das Virus in sich tragen, aber keine Symptome zeigen?

Auch bei ihnen kommt es gelegentlich zu einer Reaktivierung des Virus und zu einer Virusausscheidung. Das ist auch ein Grund, warum Herpes in der Bevölkerung so weit verbreitet ist. Eine Übertragung wäre viel leichter zu verhindern, wenn man einfach die Personen meiden könnte, die aktuell von Lippenbläschen betroffen sind.

Wie kann man sich dann noch effektiv vor Herpes schützen?

Herpes gehört zu den normalen Lebensrisiken – einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Doch es gibt Vorsichtsmaßnahmen, die man beachten kann: So sollte man den Kontakt mit Herpesbläschen meiden. Hat man sie berührt, sollten die Hände gründlich gewaschen werden. Vor allem eine Ansteckung von Neugeborenen sollte unbedingt vermieden werden, da Herpes bei ihnen zu schweren Erkrankungen führen kann. In Krankenhäusern darf Pflegepersonal mit Lippenherpes beispielsweise keine Neugeborenen versorgen.

Gibt es Menschen, die gegen eine Ansteckung mit Herpesviren immun sind?

Nein, zumindest sind keine Fälle bekannt.

Woher weiß ich, dass ich das Herpesvirus in mir trage?

Aufschluss gibt ein Antikörpertest, den man beim Hausarzt machen kann. Bei Bedarf kann auch zwischen einer Infektion mit Viren des Typs 1 oder des Typs 2 unterschieden werden.

Wann sollte man mit Herpes zum Arzt gehen?

Herpesbläschen sind zwar lästig, aber in der Regel nicht gefährlich. Mit einem Lippenherpes muss man daher nicht zum Arzt. Eine Erstinfektion mit Herpesviren kann jedoch zu der sogenannten Mundfäule führen, häufig sind Kinder betroffen: Ihre Mundschleimhäute sind geschwollen, sie haben hohes Fieber, Schmerzen und sind quengelig. Der Arzt verschreibt dann eine antivirale Therapie. Auch ein Herpes im Genitalbereich sollte beim Arzt abgeklärt werden. Das gilt vor allem für Frauen mit Kinderwunsch, da das Virus bei der Geburt auf das Kind übertragen werden kann. Herpesviren können auch die Hornhaut der Augen oder in sehr seltenen Fällen das Gehirn befallen. Wer Symptome am Auge, Fieber, Lähmungen oder Probleme beim Sprechen hat, sollte daher unbedingt einen Arzt aufsuchen. Auch immunsupprimierte Patienten, etwa nach einer Organtransplantation, sollten mit dem betreuenden Arzt sprechen.

Dieser Artikel stammt aus unserem Archiv.

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