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Behandlung von Depressionen: Ketamin-Therapie: Der kontrollierte Drogenrausch

Ein Kölner Anästhesist behandelt schwere Depressionen mit dem Narkosemittel Ketamin. In den USA ist die Methode bereits weit verbreitet. Wird sie halten, was Kranke sich von ihr erhoffen?

Licht, Ruhe, Tropf: Über den Dächern von Köln erhält André M. seine achte Ketamin-Infusion (Das Bild wurde nachgestellt).

Licht, Ruhe, Tropf: Über den Dächern von Köln erhält André M. seine achte Ketamin-Infusion (Das Bild wurde nachgestellt).

Still wie in einem Andachtsraum muss es sein während der Therapie. Der Anästhesist Frank Mathers hat deshalb für seine schwerstdepressiven Patienten Extraräume angemietet – im neunten Stockwerk des Hochhauses, in dem er seit Langem seine Schmerzpraxis betreibt. "In der Praxis war es für diese Patienten zu laut, sie brauchen absolute Ruhe."

Frank Mathers, 1,95 Meter groß, Stoppelhaarschnitt und breiter Unterkiefer, ist US-Amerikaner. Aus seiner Heimat hat er eine Therapie importiert, die weltweit Psychiater und Neurowissenschaftler elektrisiert: Das Narkosemittel Ketamin, seit mehr als 50 Jahren im Einsatz, kann depressiven Patienten helfen, bei denen zuvor alle anderen Behandlungsoptionen versagt haben. Je nach Definition fallen 15 bis 20 Prozent der Depressiven in diese Gruppe.

Bislang gibt es für sie nur wenige Möglichkeiten, etwa die Elektrokrampftherapie (EKT, umgangssprachlich "Elektroschocks") oder versuchsweise auch verschiedene Techniken, bei denen das Gehirn durch Magnetfelder oder Elektrizität stimuliert wird. In den vergangenen 16 Jahren wurde der durchschlagende antidepressive Effekt von Ketamin in kleineren Studien belegt, er soll bei bis zu zwei Drittel der Patienten auftreten, manchmal sogar binnen weniger Stunden. Noch aber fehlen die großen "Doppelblindstudien" , die für den wasserfesten Wirksamkeitsbeweis gefordert werden.

Die Nebenwirkungen von Ketamin

Mathers schiebt seinem Patienten André M. eine Infusionsnadel in die Arm vene. Der Schlauch führt zu einer großen Spritze, die in einem Infusionsautomaten steckt. M. ist seit vier Monaten in Behandlung und bekommt heute seine achte Infusion. Er weiß also, was ihn erwartet. "Den Stuhl noch, bitte", sagt er. "Ah ja, klar", sagt Mathers. Er schiebt einen Stuhl an die Liege, Lehne voran, der Patient umgreift sie fest. "Das nimmt den Patienten die Angst, runterzufallen" , sagt der Arzt – und zu André M.: "Ich lass Sie jetzt allein. Wir beobachten Sie über die Kamera. Wenn Sie sich unwohl fühlen, melden Sie sich, wir kommen sofort!"

Die Tür fällt ins Schloss. Stille. "Es geht los", sagt André M. nach fünf Minuten. "Ich spüre ein Kribbeln zwischen den Augenbrauen." Zehn Minuten später: "Ich höre einen Bohrer oder eine Kreissäge, ist da was?" Aber da ist nur das leise Rauschen des Verkehrs. Einige Minuten später: "Ich höre Stimmen." Aber da ist nur ein leises Raunen vom Flur. "Von Doktor Mathers und der Arzthelferin … als wenn's direkt an meinem Ohr wäre … Aber ich verstehe nichts, jedes Wort dehnt sich so unendlich lang."

Es sind die bekannten Wirkungen von Ketamin. Das Narkosemittel senkt die Wahrnehmungsschwelle, schärft die Sinne, raubt das Zeitgefühl. Bald sieht André M. "schwarze Formen und Muster". Nach einer halben Stunde spürt er, was Neurowissenschaftler "Dissoziation" nennen: "Es ist … wie in so einem Fahrstuhl, aber von oben … ich schwebe … die Grenzen meines Körpers kribbeln sehr stark … es zerfließt ein bisschen … eine schöne Erfahrung." Dann sagt er nichts mehr.

Ketamin-Boom in den USA

Drogenrausch auf Rezept – das ist Neuland in Deutschland. Mathers kann es gefahrlos betreten, denn Ketamin ist ein zugelassener Wirkstoff. Neben seiner Anwendung für die Narkose hat es seinen festen Platz in der Schmerztherapie. Doch das Gesetz erlaubt Ärzten, zugelassene Medikamente auch für Indikationen einzusetzen, die nicht auf dem Beipackzettel stehen.

In Deutschland ist Mathers erster Vorbote einer größeren Bewegung, in den USA werden "Ketamine Clinics" gerade zu einem regelrechten Trend. Allein in Manhattan sollen es 15 sein, sagt der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner Charité. Er hat kürzlich auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde ein Symposium dazu geleitet. Das Interesse der mehr als 100 Zuhörer war groß, nur wenige Psychiater haben hierzulande je von der neuen Therapieoption gehört. Bajbouj und seine Kollegen haben schon etwa 80 therapieresistente Depressionspatienten behandelt.

Derzeit arbeitet er an einer klinischen Studie. Die Erfolgsrate der Ketaminbehandlung schätzt er niedriger ein als in der Fachliteratur angegeben. "Ein Drittel spricht dauerhaft gut an, bei einem weiteren Drittel hält der Effekt nur kurz, bei einem Drittel hilft Ketamin gar nicht." Bajbouj sieht die Chancen, aber er warnt auch vor Risiken. Die Entwicklung in den USA macht ihm Sorgen. "Wenn wir die Kontrolle verlieren und ungeeignete Patienten das Medikament bekommen, steigt die Gefahr unerwünschter Zwischenfälle."

Suchtkranke zum Beispiel könnten abhängig von Ketamin werden, für Patienten mit Psychose könnte die halluzinogene Wirkung gefährlich sein. Dann werde das Therapiekonzept schon infrage gestellt, bevor es sich richtig etabliert habe. Oft böten Anästhesisten die Therapie an. "Die haben wenig Erfahrung mit psychiatrischen Erkrankungen."

André M. hat Jahre an die Depression verloren. Jetzt sieht er eine Besserung.

André M. hat Jahre an die Depression verloren. Jetzt sieht er eine Besserung.


Gefürchtete Nebenwirkungen

Trotzdem verweist auch die Charité, an der mehrere Psychiater mit Ketamin arbeiten, Depressive an den Anästhesisten Mathers, die nicht für eine Behandlung an der Charité infrage kommen, zum Beispiel, weil sie zu weit weg wohnen. Mathers sagt, er bestehe darauf, dass seine Patienten sich bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten in Behandlung befinden.Auch André M. hatte sich zunächst per E-Mail an die Charité gewandt, nachdem er im Internet darüber gelesen hatte. Gerade hatte er sein Studium beendet, bereitete seine Doktorarbeit vor, boxte, lief Triathlon und feierte Partys. 16 Stunden durcharbeiten war kein Problem, M. verfügte über unerschöpfliche Energien. Erst unmerklich, dann immer rascher erlahmte seine Antriebskraft. Er kam morgens nicht mehr aus dem Bett, musste sich zur Arbeit zwingen. Ihn überkam ein Gefühl der Leere und eine tiefe Traurigkeit. Immer öfter suchten ihn Fantasien wie diese heim: "Mir das Gehirn mit einer Kugel wegzublasen."

Es folgten mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, eine ambulante Psychotherapie, nichts half. Die Ärzte verschrieben M. Psychopharmaka aller großen Medikamentengruppen, die seit Jahrzehnten in der Psychiatrie eingesetzt werden. Auf manche reagierte er mit starken Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, andere blieben wirkungslos. Bei wieder anderen versiegte der anfängliche therapeutische Effekt nach wenigen Wochen oder kehrte sich gar um, und M.s Stimmung kippte urplötzlich in eine Manie. Dann schlief er kaum noch, war sprunghaft, fahrig und aggressiv, warf Gegenstände durchs Zimmer. Vor drei Jahren wurde M. berentet - dauerhaft arbeitsunfähig.

Bevor er sich im August in Mathers' Ketaminpraxis persönlich vorstellte, musste er einen langen Fragebogen ausfüllen. Nach Alkoholabhängigkeit und Sucht wurde gefragt, auch danach, ob im Krankheitsverlauf je Halluzinationen aufgetreten waren. Patienten mit solchen Vorgeschichten schließt Mathers aus, das Risiko ist ihm zu hoch.

Ketamin ist auch als Partydroge weltweit in der Clubszene verbreitet. Konsumenten schnupfen das weiße Pulver wie Kokain. Von der Nasenschleimhaut gelangt die Droge direkt ins Gehirn, dockt dort an die sogenannten NMDA-Rezeptoren an und steigert so indirekt die Konzentration des Botenstoffs Glutamat in den Schaltstellen der Gehirnzellen. In der Folge erschlaffen die Muskeln, die Nutzer verfallen in Bewegungslosigkeit, sie erleben Reisen durch dunkle Tunnel und Nahtoderfahrungen, das "K-Hole" (zu Deutsch: K-Loch), wie sie es nennen. Überdosierungen führen zu Bewusstlosigkeit, immer wieder kommt es zu Todesfällen.

Gefürchtete Nebenwirkungen sind auch schwere Gallen- und Harnblasenschäden. Die allerdings traten bislang nur bei Drogenkonsumenten auf, sagt Rupert McShane, Psychiatrie-Professor in Oxford. "In der Depressionsbehandlung dosieren wir Ketamin niedriger und geben es seltener. Es ist ein sicheres Medikament."

Illegale Produktion in China

Das Zentrum der illegalen Ketaminproduktion liegt in China. Dort wird die Substanz in Kellerlaboren zusammengemixt und gelangt über internationale Händlerringe auf den Markt. Laut aktuellem UN-Drogenreport wurden in den Jahren 2009 bis 2014 weltweit jährlich etwa zehn Tonnen der Substanz beschlagnahmt, dreimal so viel wie in den Jahren zuvor. China unternahm mehrere Anläufe bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, den Ketaminhandel unter internationale Kontrolle zu stellen – bisher vergebens. "Der medizinische Nutzen von Ketamin ist weitaus größer als der potenzielle Schaden durch Missbrauch", urteilte die WHO 2015.

Ins Tauziehen um Ketamin sind längst auch Pharmaunternehmen eingestiegen. Schließlich schadet es ihren Geschäftsinteressen, wenn ein patentfreies, billiges Medikament durchschlagende Wirkung bei der Volkskrankheit Depression zeigt. Man versucht also, möglichst schnell eigene Produkte zu entwickeln, die ähnlich wie Ketamin wirken. Am weitesten ist dabei der belgisch-amerikanische Konzern Janssen, der jetzt die chemisch nahezu identische Substanz Esketamin als Nasenspray testet.

Schon im Jahr 2013 verlieh die US-Arzneimittelbehörde FDA Esketamin den Status einer "Durchbruch-Therapie", für Patienten mit Depression. Diesen August wurde der Status auf eine zweite Indikation ausgeweitet: Selbstmordgefahr. Das Narkosemittel kann mehreren neueren Studien zufolge Selbstmordgedanken effektiv vertreiben. Im Zentrum des Interesses stehen bei den Neuentwicklungen ebenjene NMDA-Rezeptoren im Gehirn, über die Ketamin seine Rauschwirkung entfaltet. Wissenschaftler hoffen, dass die nächste Generation der Präparate therapeutische Wirkungen hervorrufen können, ohne Rauschzustände auszulösen.

"Bisher kein Patient, der unter dieser Therapie abhängig wurde"

Manche Forscher allerdings kritisieren diesen Plan. Kürzlich führte der Psychiater David Feifel von der University of California in San Diego in der renommierten Fachzeitschrift "Lancet" aus, dass Ketamin rasch verstoffwechselt werde und somit die psychedelischen Nebenwirkungen nur sehr kurz aufträten und zudem von den meisten Patienten als positiv erlebt würden. Feifel glaubt gar, dass gerade die gefürchtete "Dissoziation" den antidepressiven Effekt mit verursacht. "Man kann das eine nicht vom anderen trennen", sagt er, "Ketamin wirkt sehr gut und ist leicht erhältlich. Wir sollten unsere Forschung darauf konzentrieren, ein festes Behandlungsschema für therapieresistente Patienten zu etablieren."

Bisher nämlich behandelt jedes Zentrum nach eigenen Erfahrungswerten: Bajbouj in Berlin gibt seinen Patienten bis zu sechs Infusionen über zwei Wochen und weicht dann auf konventionelle Psychopharmaka oder Psychotherapie aus. Rupert McShane in Oxford steigt nach drei Infusionen auf Ketamintabletten als Dauertherapie um. Und Feifel favorisiert Erhaltungsinfusionen alle paar Wochen bis Monate, je nachdem, wie lange die Wirkung beim einzelnen Patienten anhält. "Ich habe bisher keinen Patienten, der unter dieser Therapie abhängig wurde", sagt er.

Nach Feifels Schema geht auch Frank Mathers vor. Sein Patient André M. hat zwar nicht die schlagartige Besserung verspürt, die in der Literatur beschrieben wird, doch seit August gehe es stetig bergauf, sagt er. "Ich spüre wieder Antrieb, kann mich über viele Stunden konzentrieren, treffe mich abends mit Freunden und kann mich ab und zu am Leben freuen." Einen so lange anhaltenden Effekt habe er nie zuvor erlebt. Seit zwei Wochen nimmt M. an einem Arbeitstraining teil und beschäftigt sich zu Hause mit Statistik und Tabellenkalkulationsprogrammen für Controlling. Eines Tages will er in dem Beruf arbeiten, den er gelernt hat – als Arbeits- und Organisationspsychologe in der Personalabteilung eines Unternehmens.

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