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Krankenhäuser: Im Datennebel der Medizin

Geheimniskrämerei hat Tradition im Gesundheitswesen. Auch im diesjährigen Qualitätsreport werden weder gute noch schlechte Kliniken genannt. Mit einer eigenen Initiative will die AOK Klarheit schaffen.

Langsam, gaaanz langsam kommt Licht ins Dunkel. Und der 65-Milliarden-Euro-Koloss "Krankenhaus", größter Kostenfaktor im Gesundheitswesen, kommt in Bewegung. Grund: Erstmals müssen jetzt alle Kliniken die Anzahl ihrer häufigsten Operationen veröffentlichen. Mit Hilfe der Faustregel "je häufiger, desto besser" können ab sofort auch Patienten bei den 2200 deutschen Krankenhäusern wenigstens grob die Spreu vom Weizen trennen. Ein längst überfälliger Schritt zu größerer Transparenz, denn die Qualitätsunterschiede zwi-schen den Häusern sind neuesten Studien zufolge beängstigend.

Wer beispielsweise verengte Herzkranzgefäße hat und einen Bypass braucht, sollte sich gut überlegen, bei wem er sich unters Messer legt. Das Risiko, dabei zu sterben, ist in manchen Krankenhäusern fünfmal höher als in anderen. In nahezu der Hälfte aller Kliniken ist die Sterblichkeit der Patienten höher, als nach Wahrscheinlichkeitsberechnungen zu erwarten wäre.

Auch Frauen, die wegen einer drohenden Frühgeburt vor der 34. Woche stationär behandelt werden müssen, können sich nicht blind auf eine optimale Behandlung verlassen. Obwohl dabei zur Verbesserung der Lungenreife beim Fötus Hormone (Kortikosteroide) an die Mutter verabreicht werden sollten, geschieht das in durchschnittlich 38 Prozent aller Fälle nicht. Manche Kliniken sind vorbildlich und setzen Kortikosteroide immer ein, andere nur bei jeder 20. Patientin. Neugeborenen drohen so schwerste Schäden bis zum Erstickungstod.

Bei der Brustkrebsbehandlung gibt es ebenfalls gravierende Unterschiede. Einerseits machen viele Kliniken bei der Diagnose unnötig große Einschnitte in die Brust, andererseits entnehmen 89 Prozent bei der Operation zu wenig tumorgefährdetes Gewebe. 85 Prozent unterlassen wichtige Nachuntersuchungen. Sträflich vernachlässigt wird zudem in manchen Häusern die Pflege von lange liegenden Patienten. Während in einigen der Dekubitus (das Wundliegen) gar nicht vorkommt, hat in anderen beinahe jeder dritte Kranke darunter zu leiden.

Nachzulesen sind diese und weitere Zahlen im neuen "BQS-Qualitätsreport", der Mitte August veröffentlicht wurde (www.bqs-qualitaetsreport.de). Das Werk basiert auf Millionen Datensätzen, die die deutschen Krankenhäuser an die "Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung" (BQS) liefern müssen. Erfasst wird das Krankenhausgeschehen zu 19 festgelegten Behandlungen, vom neuen Kniegelenk über die Herzoperation bis zur Weitung verstopfter Halsschlagadern. Die Fleißarbeit hat nur einen Haken: Die Namen der Krankenhäuser werden nicht genannt. Nicht die der guten, und erst recht nicht die der schlechten. Grund sind die Interessen der Krankenhausträger und "Datenschutzprobleme".

Deshalb dürfen auch die Krankenkassen ihre Kenntnisse über Klinik-Pfusch nicht öffentlich machen. So hat zum Beispiel das Wido-Institut der AOK zusammen mit den Helios-Kliniken und dem Magdeburger Forschungsinstitut Feisa längst eine Methode zur Qualitätsmessung entwickelt, die in Teilen noch aussagekräftiger ist als die BQS-Daten. Während bei BQS nur der Zustand der Patienten bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus erfasst wird, kann die AOK mit ihrem QSR-System, das die Daten ihrer Versicherten aufbereitet, auch deren weiteres Schicksal verfolgen.

Dabei tritt mitunter Düsteres zutage, wie das Beispiel "künstliches Kniegelenk" zeigt. Laut BQS ist das Operationsergebnis sehr gut, weil im Schnitt über 99 Prozent der Patienten die Klinik nach dem Eingriff "gehfähig" verlassen. Die Daten des Wido-Institutes sprechen eine andere Sprache. Verfolgt wurden die OP-Ergebnisse von 37 000 AOK-Patienten, die 2003 ein neues Knie erhielten, bis Ende 2004. Es stellte sich heraus, dass das Gelenk in vielen Fällen nicht lange hielt und erneut ausgewechselt werden musste. In den meisten Kliniken kam das zwar nie oder äußerst selten vor. In elf Prozent aller Häuser aber musste jeder 20. Patient wieder auf den OP-Tisch, in drei Prozent der Kliniken sogar jeder zehnte. Und beim Spitzenreiter in Sachen Pfusch gingen nicht weniger als 29 Prozent der Knieprothesen binnen eines Jahres zu Bruch.

Natürlich dürfen auch hier keine Kliniknamen genannt werden. Einziger Trost: Wie schon bei vielen anderen Studien zeigte sich, dass Therapiefehler umso seltener sind, je häufiger der entsprechende Eingriff vorgenommen wird. Deshalb stellt die AOK nun als erste Kasse ihren Versicherten im Internet (www.aok.de) wenigstens einen Häufigkeitszähler, genannt "Krankenhaus-Navigator" zur Verfügung. Zu vorerst sieben Behandlungsgebieten (Herz, Hüfte, Knie, Wirbelsäule, Geburtshilfe, Brust, Mandeln) kann man sich dort je nach Diagnose geeignete Kliniken im Umkreis von bis zu 100 Kilometern um eine anzugebende Postleitzahl auflisten lassen, sortiert nach der Menge der Behandlungen von "sehr häufig" bis "selten". Grundlage der Zählung sind vorerst nur die Behandlungsdaten von AOK-Patienten. Bis 20. September können alle mal im Navigator schnuppern (Nickname: aok-krankenhaus Kennwort: navigator), danach nur noch AOK-Versicherte.

Auch die anderen Kassen und die Privatversicherungen wollen über das Internet mehr Transparenz schaffen. Unter der Adresse www.g-qb.de können bequem die neuen Qualitätsberichte aller deutschen Krankenhäuser recherchiert werden. Allerdings ist es nicht einfach, in den mitunter wie Hochglanzprospekte daherkommenden Veröffentlichungen die wichtigen Häufigkeitszahlen zu finden. Zudem fehlen meist Vergleichsangaben, die es ermöglichen würden, eine Rangfolge zu ermitteln. Das könnte nur ein systematischer Vergleich der 2200 Qualitätsberichte aller Krankenhäuser bieten. Und genau das will die AOK bis Ende September mit einem weiteren Internetangebot für "medizinisch erfahrene Nutzer" leisten.

Georg Wedemeyer / print
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