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Behandlung im Krankenhaus: "Unzureichende" Qualität: Prüfer finden Mängel in mehr als 60 Kliniken

Einmal jährlich veröffentlicht der Gemeinsame Bundesausschuss, wie Krankenhäuser in bestimmten Behandlungsbereichen abschneiden. Insgesamt verbesserte sich das Ergebnis, dennoch werden mehr als 60 Kliniken gerügt.

Ein Patient wird in einem Krankenhaus behandelt

Ein Patient wird in einem Krankenhaus behandelt

DPA

Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) hat in 62 deutschen Krankenhäusern insgesamt 66 Mängel bei der Behandlung von Patienten in den Bereichen Gynäkologie, Geburtshilfe und Brustkrebsoperationen gefunden. Das teilte der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am Donnerstag in Berlin mit. Die meisten Auffälligkeiten gab es in Nordrhein-Westfalen (15), gefolgt von Baden-Württemberg (11) und Bayern (9). Keine fanden die Fachkommissionen lediglich in Hamburg und Bremen.

Geprüft werden die Krankenhäuser in zahlreichen verschiedenen Bereichen. Veröffentlicht werden von der noch jungen Erhebung bislang jedoch nur die drei Teile gynäkologische Operationen, Geburtshilfe und Mammachirurgie, weil diese Daten bereits die nötigen gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen. Überprüft werden die Kliniken anhand von elf sogenannten Qualitätsindikatoren. 66 dieser Indikatoren wurden in den Krankenhäusern nicht erfüllt, ohne dass die Kliniken dies nachvollziehbar entschuldigen konnten. Diese Auffälligkeiten werden von den Prüfern dann als "unzureichende" Qualität eingestuft. In 47 Fällen jedoch konnten sich die Krankenhäuser so erklären, dass die Prüfer überzeugt wurden – etwa dass sich die Auffälligkeit ob kurzzeitigen Personalmangels zutrug.


Krankenhäuser sollen für das Dasein vorsorgen genauso wie die Polizei oder Feuerwehr. Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet ist. Es darf nicht länger passieren, dass Krankenhäuser Gewinne für nötige Anschaffungen ausgeben und dafür am Personal sparen – weil der Staat ihnen seit Jahren Finanzmittel vorenthält, um unrentable Einrichtungen "auszuhungern". Es ist fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Niemand würde fordern, dass die Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen oder Profite erwirtschaften müssen. Warum also Krankenhäuser?

Die Führung eines Krankenhauses gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten. Deshalb dürfen Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften keine Entscheidungsträger vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patientinnen und Patienten im Blick haben. Aber auch manche Ärztinnen und Ärzte selbst ordnen sich zu bereitwillig ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. Wir rufen diese auf, sich nicht länger erpressen oder korrumpieren zu lassen.

Das Fallpauschalensystem, nach dem Diagnose und Therapie von Krankheiten bezahlt werden, bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patientinnen und Patienten zu erwirtschaften. Es belohnt alle Eingriffe, bei denen viel Technik über berechenbar kurze Zeiträume zum Einsatz kommt – Herzkatheter-Untersuchungen, Rückenoperationen, invasive Beatmungen auf Intensivstationen und vieles mehr. Es bestraft den sparsamen Einsatz von invasiven Maßnahmen. Es bestraft Ärztinnen und Ärzte, die abwarten, beobachten und nachdenken, bevor sie handeln. Es bestraft auch Krankenhäuser. Je fleißiger sie am Patienten sparen, desto stärker sinkt die künftige Fallpauschale für vergleichbare Fälle. Ein Teufelskreis. So kann gute Medizin nicht funktionieren.

Der Arbeitstag im Zeitalter der Fallpauschalen und der Durchökonomisierung der Medizin ist bis zur letzten Minute durchgetaktet. Nicht einberechnet ist der auf das Mehrfache angestiegene Zeitaufwand für Verwaltungsarbeiten. Nicht einberechnet ist die Zeit für die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte und für die immer wichtigeren Teambesprechungen. Vor allem nicht einberechnet sind Patientinnen und Patienten, die viele Fragen haben oder Angst vor Schmerzen, Siechtum und dem Tod. Wenn aber mit den Kranken nie ausführlich gesprochen wird, können Ärztinnen und Ärzte nicht erfassen, woran sie wirklich leiden. Wenn diese Patientinnen und Patienten entlassen werden, verstehen sie weder ihre Krankheit, noch wissen sie, wofür die Therapie gut ist. Das Diktat der Ökonomie hat zu einer Enthumanisierung der Medizin an unseren Krankenhäusern wesentlich beigetragen.

Unsere Forderungen:

1. Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden.

2. Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden. Dabei bekennen wir uns zur Notwendigkeit wirtschaftlichen Handelns.

3. Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.

Behandlung in Krankenhäusern: Mängel zum Vorjahr rückläufig

Der Mitteilung zufolge ist die Zahl der Mängel um circa 30 Prozent rückläufig. Im vergangenen Jahr gab es 73 statistische Auffälligkeiten bei 90 Fällen, in denen sich das Krankenhaus ausreichend erklären konnte. Insgesamt hat das IQTIG im Auftrag des G-BA die Daten von 1063 Krankenhausstandorten ausgewertet. 

Die Indikatoren sind – vereinfacht gesagt – vom IQTIG festgelegte Mindeststandards, die eine überprüftes Krankenhaus bieten können sollte. Bei Geburten ist ein solcher Indikator zum Beispiel die Anwesenheit eines Kinderarztes bei Frühgeburten, was in 21 überprüften Kliniken ohne Erklärung nicht der Fall war. Oder auch die "E-E-Zeit", also die Minuten, die zwischen Entscheidung zu einem Notkaiserschnitt bis zur tatsächlichen Entbindung des Kindes vergehen. Dies sollte laut den Prüfern nicht mehr als 20 Minuten sein. In elf Krankenhäusern wurde diese Zeit überschritten – auch hier wieder, ohne dass die Klinik dies zufriedenstellend erklären konnte.

Die Macher der Untersuchung warnen ausdrücklich davor, aus den Teilergebnissen Rückschlüsse auf das gesamte Krankenhaus zu ziehen. Die Indikatoren seien noch in der Weiterentwicklung und es handle sich immer nur um Ergebnisse aus einzelnen Behandlungsbereichen. Es reicht also, in einem Teilbereich eine Hürde zu reißen, um als Krankenhaus in der Auflistung aufzutauchen.

Quellen: Pressemitteilung Gemeinsamer Bundesausschuss / Zusammenfassung der Erhebung 

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