HOME

Versicherungen gegen Krebs : Innovation des Jahres: Angst

Bessere Heilungschancen bei Krebs dank einer Zusatzversicherung? Damit werben Versicherer seit Kurzem. Verbraucherschützer sind entsetzt – und kritisieren solche Produkte scharf.

Zusatzversicherungen gegen Krebs: Versicherer haben diesen Markt für sich entdeckt

Zusatzversicherungen gegen Krebs: Versicherer haben diesen Markt für sich entdeckt.  Hier würden gezielt Ängste bedient - und das mit einem überwiegend sinnlosen Produkt, kritisieren Verbraucherschützer.

Noch lächelt er, der kleine blaue Kerl. Schaut wie ein Wassertropfen aus und soll die Gesundheit darstellen. Die bedrohte Gesundheit der Familie Jungmann: Mama, Papa, große Schwester, kleiner Bruder. Ihr Feind: ein Monster namens Krebs. "Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen neu an Krebs", tönt es dräuend in einem Comic-Werbevideo des Münchener Vereins, einer Versicherungsgesellschaft. "Leider kann es jeden treffen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene." Doch jetzt soll die Gesundheit einen mächtigen Verbündeten haben: die "Deutsche Krebsversicherung". Angeboten vom Münchener Verein.

Sich gegen Krebs versichern? Klingt absurd. Doch die Deutschen werden immer älter. Und da fast alle Krebsarten bei älteren Menschen gehäuft vorkommen, wird bei vielen Krebsarten die Diagnose vermehrt gestellt. Das schafft Aufmerksamkeit. Und sät Angst. An Angst lässt sich mitunter gut verdienen.

Die Münchner, seit Anfang des Jahres dabei, sind nicht der einzige Anbieter auf dem jungen Markt. Auch die Advigon, eine Tochter der Hanse Merkur, bietet eine "Zusatzversicherung gegen Krebs". Versicherbar sind jeweils bereits Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche. Bausteine des Münchener Angebots: zahlreiche Früherkennungsuntersuchungen, Lebensstilberatung und eine Summe von bis zu 10.000 Euro, die im Krebsfall ohne Zweckbindung ausgezahlt wird. Die Police der Advigon bietet – neben Vorsorge und gleich hohem Diagnosegeld – weitere gesondert buchbare Module. Auch der "Status Privatpatient" lässt sich erkaufen, freilich nur bei Krebs.

Die Advigon sieht sich daher selbst als "erste Versicherung, die eine ganzheitliche Absicherung im Zusammenhang mit dieser Diagnose bietet". Ihr Produkt wird mit markigen Versprechen angepriesen. Den "Krebs-SCHUTZ" (Hervorhebung im Original) feiert die Versicherung auf ihrer Website als "Produktinnovation 2016". Und Innovationen dürfen kosten: Wer sich als 35-Jähriger für das Komplettpaket entscheidet, muss mit monatlichen Kosten von rund 40 Euro rechnen, was immerhin einem Jahresbeitrag von knapp 500 Euro entspricht. Raucher zahlen extra. Ob in der Familie gehäuft Krebsfälle auftreten oder eine genetische Vorbelastung vorliegt, werde nicht geprüft, schreibt die Advigon. Wer die Police abschließt, erhält laut Anbieter eine "erweiterte Vorsorge, Früherkennung und Nachsorge". Zudem wird mit "Spitzenmedizin" und "erhöhten Heilungschancen durch schnellen Zugang zu modernsten Behandlungsmethoden und Therapieverfahren" geworben. Auch der Münchener Verein verspricht eine "umfassende Krebsvorsorge" und "moderne Möglichkeiten zur Früherkennung".

Die Advigon bewirbt die Krebsversicherung als "Produktinnovation 2016"

Die Advigon bewirbt die Krebsversicherung als "Produktinnovation 2016"

"Umfassende Vorsorge", "erhöhte Heilungschancen", "Spitzenmedizin"? Tatsächlich sind die Krebs-Policen ein fragwürdiger Mix aus in ihrem Nutzen zum Teil umstrittenen Untersuchungen, Leistungen, die von der gesetzlichen Krankenversicherung ohnehin übernommen werden, und überschaubarem Mehrwert. Das erklärt, warum Verbraucherschützer empört sind. "Es ist dreist und beschämend, in einem so sensiblen Bereich derart mit der Angst der Menschen zu spielen", sagt etwa Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Vor allem das Angebot der Advigon ärgert sie. "Hier wird so getan, als ob es bei der gesetzlichen und privaten Versicherung riesige Lücken bei der Therapie gegen Krebs gibt, die das Produkt schließt." Zudem werde suggeriert, dass mithilfe dieser Zusatzversicherung ein schneller Zugang auch zu anderen, ansonsten nicht erhältlichen Therapien möglich sei, mit denen sich Genesungs- und Überlebenschancen verbessern lassen. "Das ist schlichtweg falsch."

Von Verbrauchertäuschung spricht auch Christoph Kranich, Leiter der Abteilung Gesundheit und Patientenschutz der Verbraucherzentrale Hamburg. Schon der Name der Advigon-Police führe in die Irre: "Einen Schutz vor Krebs kann diese Versicherung garantiert nicht bieten", sagt er. "Hier werden gezielt Ängste bedient, mit einem überwiegend sinnlosen Produkt." Vor allem die angepriesenen Vorsorgeleistungen ärgern Patientenschützer. Die Advigon bietet entweder Kassenleistungen schon früher an – etwa das Hautkrebs-Screening ab dem 15. Lebensjahr (von den Kassen wird es ab dem 35. Lebensjahr übernommen) oder Bluttests zur Darmkrebsfrüherkennung ab dem 21. Lebensjahr (bestimmte Tests sind Kassenleistung ab dem 50. Lebensjahr). Und sie erstattet umstrittene "IGeL"-Selbstzahlerangebote.

Auf Anfrage teilt die Versicherung mit: "Unser Standpunkt lautet: Grundsätzlich ist Vorsorge sinnvoll." Eine landläufige Weisheit, doch keine untrügliche Wahrheit. So kommt es, dass Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), widerspricht. "Wir alle wären glücklich, wenn das so einfach wäre", sagt er. "Tatsächlich gilt keineswegs: Mehr hilft mehr. Der Nutzen mancher Früherkennung ist ungewiss, der Schaden sicher." Es gibt also Gründe, warum die Kasse gerade nicht jede Untersuchung zahlt.
Beispiel: Ultraschall der Eierstöcke, eine gern angebotene Selbstzahlerleistung bei Frauenärzten, mit der die Advigon wirbt. Sie hat keinen Nutzen. Dank ihr überleben nicht mehr Frauen Eierstockkrebs. Gerade bei jungen Frauen kann der durch die Untersuchung angerichtete Schaden dagegen massiv sein. Fehlalarme sind häufig, sogar eigentlich gesunde Eierstöcke werden entfernt.

"Die Risiken sollten Patienten kennen, bevor sie solche Untersuchungen zulassen", sagt Windeler. "Eine umfassende und sorgfältige Aufklärung darüber sehe ich bei den angebotenen Produkten nicht." Zwar ist der mögliche Schaden bei anderen Untersuchungen nicht so groß. Beim Hautkrebs-Screening folgen auf einen falschen Verdacht eventuell ein nicht notwendiger Schnitt und eine Narbe. Allerdings: "Der Nutzen dieses Screenings ist generell umstritten. Ob Patienten dadurch wirklich länger leben, ist offen", sagt Windeler. Kein anderes Land der Welt habe das Haut-Screening. Es für unter 35-Jährige anzubieten, bei denen Hautkrebs selten ist, entbehre jeglicher Grundlage.

Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Hamburg, pflichtet dem Institutschef bei. Die Ärztin, die sich intensiv mit dem Thema Früherkennung beschäftigt hat, fügt hinzu: Von Okkultbluttests oder dem angebotenen M2-PK-Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung für junge Menschen ab 21 Jahren rate sie entschieden ab. "Die Tests liefern viele Verdachtsfälle, die für Aufregung sorgen und weiter abgeklärt werden müssen, aber keinerlei Probleme gemacht hätten. Tatsächliche Krebsfälle werden hingegen oft übersehen." An Darmkrebs erkrankt mehr als die Hälfte der Betroffenen ab dem 70. Lebensjahr, nur etwa zehn Prozent vor dem 55. Lebensjahr. "Junge Menschen, die ein höheres Risiko haben, etwa weil bei ihnen diese Krebsart gehäuft in der Familie auftritt, sollten in speziellen Zentren beraten werden", rät Mühlhauser. Dann übernehme die Kasse die Kosten für eine Früherkennung – in diesem Fall eine Darmspiegelung – aber ohnehin.

Die Advigon wirbt auch mit "genetischen Tests zur Abklärung der Medikamentensicherheit". Die sollen sicherstellen, dass eine Therapie für den Patienten geeignet ist und anschlägt. Eine ärztliche Zweitmeinung oder Begutachtung durch ein interdisziplinäres Ärzteteam, ein sogenanntes Tumorboard, wird ebenfalls vergütet – mit maximal 1000 Euro, und das einmal in fünf Jahren. 

Allerdings: Von den genetischen Tests, womit die Advigon auf Nachfrage sogenannte Chemosensivitätstests meint, profitieren keineswegs alle Krebspatienten. "Für einzelne Krebserkrankungen sind sie sinnvoll", so Mühlhauser. Doch hier gelte wieder: "Dann werden sie gemacht und von der Kasse bezahlt." Für den Massenmarkt sind die Tests noch nicht alle tauglich. Dafür müssen sie ihre Zuverlässigkeit erst noch in Studien beweisen, betont Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums. Derzeit sei etwa nicht auszuschließen, dass man mit den Tests eine Therapieresistenz diagnostiziert – obwohl diese nicht vorhanden ist. Eine Diagnose mit Folgen: "Man verzichtet dann eventuell auf einen gut erprobten Wirkstoff, was sich auf Heil- und Überlebenschancen auswirkt."

Die Zweifel verstärken sich noch durch einen Blick in die Versicherungsbedingungen: Nicht jede Form der Krebserkrankung ist versichert – bestimmte Formen des hellen Hautkrebses und frühe Stadien fallen bei Advigon heraus. Auch beim Münchener Verein gibt es Einschränkungen. "Und das passt vorne und hinten nicht", so Mühlhauser. "Denn genau diese Frühformen werden bei den angepriesenen Screening- Untersuchungen entdeckt." Die Advigon verteidigt die Einschränkung damit, dass man einen bezahlbaren Schutz anbieten wolle. Bianca Boss vom Bund der Versicherten leuchtet das nicht ein. Sie rät: "Hände weg! Das Streitpotenzial im Leistungsfall erhöht sich aufgrund dieser Einschränkung sicherlich noch einmal."

Sinnvoller: Eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit

Auch die jeweils angebotene Einmalzahlung von bis zu 10.000 Euro überzeugt Verbraucherschützer nicht. Den Betrag erhält der Versicherte im Fall einer Erstdiagnose zur freien Verfügung – um etwa, so die Werbung, die Lebenshaltungskosten zu bestreiten oder die Wohnung barrierefrei umzubauen. "Wie das mit dieser geringen Summe gelingen soll, ist mir rätselhaft", sagt Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg. Viel sinnvoller sei es, sich gegen Berufsunfähigkeit zu versichern, so Bianca Boss.
Und schließlich: Was verbirgt sich hinter der in den Broschüren lauthals beworbenen "Spitzenmedizin" und dem "Zugang zu modernsten Behandlungsmethoden"? Auf Nachfrage schreibt die Advigon, dass diese Begriffe schlicht das "hohe international anerkannte Leistungsniveau der privaten Krankenversicherung in Deutschland" versprechen. Und damit einen "schnelleren Zugang zu einer ärztlichen Behandlung" und "eine Reihe zusätzlicher Behandlungen und Medikamente". Darunter versteht die Versicherung vor allem Therapien, bei denen noch Forschungsbedarf besteht, und solche, "die nicht im Zusammenhang mit einer akuten Krebserkrankung stehen". Gerade bei letzteren "werden Kunden, nach einer erstmaligen Krebserkrankung, langfristig und umfangreich von ihrem Status als Privatpatient profitieren". Das mag zwar stimmen. Ob Versicherte allerdings dafür eine Krebs-Police abgeschlossen haben müssen, dürfte fraglich sein. Expertin Bianca Boss glaubt zudem nicht, dass privatversicherte Krebspatienten schneller und besser behandelt werden. "Kein Arzt wird einen Krebspatienten vertrösten, hier geht es um eine schwerwiegende Krankheit und nicht um einen Schnupfen", sagt sie.

Von einer "Krebsschutz"-Versicherung zu sprechen, findet die Advigon übrigens nicht problematisch: "Ein Kfz-Schutzbrief verhindert ja auch keine Fahrzeugpanne." Der Münchener Verein will sich auf Anfrage des stern erst gar nicht äußern. Man habe keine Zeit, "Kapazitäten kurzfristig freizuschaufeln".

"Ich würde mich niemals nur für eine Krankheit versichern, selbst wenn es die häufigste ist", sagt Verbraucherschützer Kranich. "Wer normal krankenversichert ist, erhält gute Leistungen. Solche Zusatzversicherungen sind nicht notwendig." Auch nicht für Menschen mit einem genetischen Risiko, ergänzt IQWiG-Chef Windeler. Für sie gebe es bereits zusätzliche Beratungs- und Früherkennungsangebote. "Wer dazu Fragen hat, sollte diese erst einmal mit seinem Hausarzt besprechen." Generell raten die Patienten- und Verbraucherschützer, die eigene Versicherung anzurufen und abzuklären, was diese ohnehin übernimmt. Ärztin Mühlhauser sagt: "Die Leistungen bei Krebs sind in Deutschland auch ohne Zusatzversicherung nicht unter dem Niveau der Forschung." Es werde eher zu viel getan als zu wenig. Und: "Gerade Privatversicherte sind gefährdet, Unsinniges und Unnötiges aufgeschwatzt zu bekommen."

Wissenscommunity