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Kunstfehler: Deutsche beschweren sich öfter über Ärztepfusch

Fast 11.000 Patienten beklagten sich laut neuer Statistik im vergangenen Jahr über Ärztepfusch. Das zeigt die neue Beschwerdestatistik der Bundesärztekammer. Kunstfehler sind demnach ein wachsendes Problem.

Knapp 11.000 Mal haben sich Patienten im Jahr 2008 falsch behandelt gefühlt und sich an Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern gewendet. Laut deren Statistik starben 84 Menschen im vergangenen Jahr wegen eines ärztlichen Kunstfehlers. In 169 Fällen blieben schwere Dauerschäden zurück. Die meisten Fehler gab es bei der Implantation von künstlichen Hüft- und Kniegelenken sowie bei der Behandlung von Brustkrebs und Knochenbrüchen.

Die Zahl der Beschwerden bei den Gutachterstellen der Kammern stieg 2008 gegenüber dem Vorjahr von 10.432 auf 10.967 an, also um etwa fünf Prozent. Nach Schätzungen gehen jährlich insgesamt gut 40.000 Patienten gegen Ärzte wegen Verdachts auf fehlerhafte Behandlung vor.

Pfusch am Patienten ist ein altes und leidiges Thema, denn niemand - auch Ärzte nicht - gibt gerne Fehler zu. Verbraucherschützer gehen deshalb von einer hohen Dunkelziffer aus. Es kursieren sogar Zahlen von bis zu 560.000 - wenn auch meist folgenlosen - fehlerbehafteten Krankenhaus-Behandlungen.

Immerhin gibt es seit 2006 im Internet eine Datenbank, bei der Mediziner und Pfleger anonym ihre Patzer eingestehen können. Die Bandbreite des ärztlichen Versagens ist groß: Bei einem Patienten mit Meniskusschaden wurde das falsche Knie operiert. Eine Kranke erhielt trotz ihrer Allergie das Antibiotikum Penicillin verabreicht, bei anderen Patienten wurden Infektionen oder Magengeschwüre zu spät erkannt und behandelt.

Mehr als zwei Drittel der Kunstfehler passieren im Krankenhaus

"Wenn man viel arbeitet, macht man natürlich auch mal einen Fehler", sagt Andreas Crusius, Vorsitzender der Konferenz der ärztlichen Gutachterkommissionen. Dies gelte vor allem für die häufig überlasteten Krankenhausmediziner. Gut zwei Drittel aller Kunstfehler passieren dort. Gleichwohl weiß auch er: "Jeder Fehler ist einer zu viel." Deshalb gehe die Ärzteschaft mit den Fehlerstatistiken "transparent um" - um daraus zu lernen.

Angesichts von 440 Millionen Arzt-Patienten-Kontakten jährlich im ambulanten Bereich und 17 Millionen stationären Behandlungsfällen muten die Fehlerzahlen im Promille-Bereich zwar gering an. Doch für die Betroffenen ist das kein Trost, zumal wenn es sich um einen inzwischen häufigen Eingriff wie eine Hüftoperation handelt. Diese wurde im vergangenen Jahr rund 150.000 Mal vorgenommen. Das Risiko von Nervenschädigungen, Gefühlsstörungen oder Lähmungen ist beträchtlich. 27 Prozent der Beschwerden dieser Fallgruppe - also mehr als ein Viertel - beziehen sich allein darauf. Auch bei sorgfältigster Vorbereitung einer Hüftgelenk-Implantation gebe es immer wieder "unvermeidbare Auswirkungen", räumt Medizin-Expertin Renée Fuhrmann ein.

Verbraucherschützer werfen den Ärzten seit langem vor, sich gegenseitig zu decken. Deshalb sei Behandlungs-Pfusch auch nur schwer nachweisbar. Überlegungen in der Bundesregierung, den Nachweis gesetzlich zu erleichtern, weist Crusius zurück: Als "Belastung für das "Partnerschaftsmodell in der Arzt-Patienten- Beziehung". Er hält die Gutachtenkommissionen und Schlichtungsstellen für ein "positives Beispiel für den Umgang mit Behandlungsfehlern".

DPA / DPA
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