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Kampf gegen Leukämie Ist es sinnvoll, Nabelschnurblut einfrieren zu lassen?


In dieser Woche feiert die Deutsche Knochenmarkspenderdatei ihren 25. Geburtstag. Die Suche nach lebensrettenden Therapien muss weitergehen – denn nur selten passen Empfänger und Spender zusammen. Ist das Nabelschnurblut, über das oft berichtet wird, eine Alternative?

Weltweit sind derzeit fast 28 Millionen Menschen registriert, die bereit sind, Blutstammzellen zu spenden. Das sind jene Vorläuferzellen im Knochenmark, aus denen alle Blut- und auch Immunzellen hervorgehen. Doch viele Blutkrebs-Patienten, die auf solche Hilfsbereitschaft angewiesen sind, finden trotzdem keinen passenden Spender. So gibt es ein großes Interesse an zusätzlichen Quellen.

Welchen therapeutischen Nutzen Nabelschnurblut haben kann, zeigte sich erstmals 1988. Damals konnte in Frankreich einem Kind mit Fanconi-Anämie geholfen werden. Bei dieser sehr seltenen, erblichen Krankheit, die nach einem italienischen Kinderarzt benannt ist, werden aufgrund eines Genschadens zu wenige weiße und rote Blutkörperchen produziert und von denen auch noch zu viele abgebaut. So kommt es zu einer bedrohlichen Blutarmut. Stammzellen aus dem Nabelschnurblut seiner gesunden jüngeren Schwester retteten damals das Leben des französischen Jungen.

Aus dem experimentellen Verfahren ist inzwischen eine Standardprozedur geworden. Das Problem: die Ausbeute. Nabelschnurblut enthält etwa zehnmal weniger Vorläuferzellen als die anderen Quellen. Deshalb laufen Experimente, die aus der Nabelschnur gewonnenen Zellen im Labor zu vermehren. Doch der Aufbau von neuen Immunzellen beim Empfänger hinkt bei Nabelschnurspenden deutlich hinter dem her, was Zellen aus dem Knochenmark leisten können.

Doch es gibt auch klare Vorteile. Zuerst ist da die Verfügbarkeit des Nabelschnurblutes. Es lässt sich bei jeder Geburt ohne Nebenwirkung gewinnen. Besteht es die Sicherheitstests, kann es nahezu beliebig lange eingefroren und ohne größeren Qualitätsverlust gelagert werden. Noch nach mehr als 20 Jahren verhielten sich Stammzellen aus dem Eis fast wie frische. Für Zellen aus Nabelschnurblut spricht auch, dass sie aufgrund ihrer "Unreife" bei der genetischen Typisierung nicht so genau passen müssen wie Stammzellen von Erwachsenen. Außerdem könnten aufgrund der hohen Verfügbarkeit spezielle Depots aufgebaut werden, die etwa den besonderen genetischen Erfordernissen von ethnischen Gruppen entsprechen.

Nabelschnurblut: Die Qualität muss stimmen

Der Wert von Blutstammzellen aus der Nabelschnur ist also hoch. Das stiftet Hoffnung. Doch haben manche, menschlich durchaus verständliche Erwartungen an die Kraft des Nabelschnurblutes bisher keine wissenschaftliche Grundlage. Das gilt vor allem für die "Eigenspende", also das Einfrieren von Nabelschnurblut als eine Art Lebensversicherung für ein Neugeborenes oder vielleicht auch noch für seine Geschwister. Denn was dem kleinen Franzosen 1988 das Leben rettete, ist eine sehr seltene Ausnahme.

Die Einschränkungen beginnen bereits bei den notwendigen Qualitätsstandards für eine Spende: Unter den erforderlichen Sicherheitsbedingungen sind nach amerikanischen Erfahrungen rund 70 Prozent des angebotenen Nabelschnurblutes für eine Lagerung nicht geeignet. Natürlich gilt das prinzipiell ohne Unterschied für private wie öffentliche Banken. Private Depots allerdings werden das Blut von Kunden womöglich auch dann einfrieren, wenn ein therapeutischer Nutzen eher fraglich ist. Denn Geld bringt das allemal. Bis zu 2.500 Euro kostet in Europa die Prozedur der Gewinnung und des Einfrierens. Etwa 100 Euro pro Jahr kommen für die Kühlung obendrauf.

Wer so viel anlegt, darf sich zwar in dem Gefühl sonnen, im Notfall ein privates Zelldepot nutzen zu können. Eine Garantie aber gibt es nicht. Wichtiger vielleicht: Diese privat gehorteten Zellen werden aller Wahrscheinlichkeit nach nie gebraucht. Denn es gibt in Deutschland zwar mehr als 700.000 Geburten jährlich, aber erfreulicherweise erkranken bei uns im selben Zeitraum nicht mehr als 600 Kinder an einer Leukämie. Leiden wie die Fanconi-Anämie, mit der 1988 alles anfing, sind noch sehr viel seltener.

Stammzellen aus Nabelschnurblut: Hoffnung auf ein wenig wahrscheinliches Ereignis

Wird also tatsächlich eine Stammzellspende benötigt, kommt sie so gut wie immer aus dem öffentlichen System. Schon deshalb, weil das eigene Nabelschnurblut bereits für ältere Kinder und erst recht für Erwachsene nicht genügend Stammzellen liefert. So wurden in den vergangenen zwanzig Jahren weltweit mehr als 35.000 Spenden aus den öffentlich verwalteten Nabelschnurblut-Banken eingesetzt, aber nicht einmal 1.000 aus privaten Depots. Letztlich wird also jeder selbst entscheiden müssen, wieviel ihm die Hoffnung auf ein wenig wahrscheinliches Ereignis wert ist. Dazu stellt sich die Gewissensfrage, ob das Nabelschnurblut nicht besser da aufgehoben ist, wo es tatsächlich eine große Nachfrage gibt – im öffentlichen System also. Die DKMS rät Eltern daher, aus Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen für jedermann zugänglich zu machen – und potenziell Leben zu schenken.

Könnte es nicht aber sein, dass sich der wahre Wert des privaten, auf das eigene Genom zugeschnittenen Zelldepots erst in vielen Jahren zeigt, wenn die sogenannte regenerative Medizin ihr volles Potenzial entfaltet hat? Stammzellen könnten dann womöglich nicht nur Leukämien heilen. Sie wären Rohstoff für frische neue Organe oder wenigstens für Zellverbände, die mit den Jahren verbrauchte ersetzen könnten. Denkbar ist das, derzeit aber nicht realistischer als eine dauerhafte menschliche Besiedlung des Planeten Mars. Ähnlich lange dürfte es auch dauern, bis aus Phantasien konkrete Projekte geworden sind. Und bis dahin profitiert nur einer von den Zellen im Eis: der Betreiber der privaten Nabelschnurblut-Bank.


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