HOME

Medikamente: Wenn Medizin Kinder krank macht

Nebenwirkungen von Arzneimitteln treffen Kinder doppelt so oft wie Erwachsene. Ärzte glauben, den Grund zu kennen: Die Pharmaindustrie spart bei klinischen Tests.

Medikamente sollen Kinder gesund machen - doch manchmal bewirken sie das genaue Gegenteil. Täglich werden in Praxen und Kliniken Medikamente an Säuglinge, Kinder und Jugendliche verabreicht, die nur für Erwachsene zugelassen sind und an Kindern nicht klinisch erprobt wurden. "Es passiert häufig, sicherlich täglich, dass Arzneimittel bei Kindern unerwünschte Nebenwirkungen auslösen", sagt der Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette.

Ein falsches Präparat oder eine falsche Dosierung können gefährlich und in Extremfällen sogar lebensbedrohlich für die kleinen Patienten sein, sagt der Experte. Auch beim Bundesverband Herzkranke Kinder (BVHK) in Aachen ist man sich sicher, dass es immer wieder zu Schädigungen kommt. "Kinder und Jugendliche, aber auch schon Ungeborene sind aufgrund des Mangels an kindgerechten Arzneien einem doppelt so hohen Risiko unerwünschter Nebenwirkungen und therapeutischer Schäden ausgesetzt wie Erwachsene", sagt BVHK-Geschäftsführerin Hermine Nock.

Die nicht am Kind getesteten Medikamente werden in der Kinderheilkunde regelmäßig und in großer Bandbreite eingesetzt - laut Hulpke-Wette wurden 17 Prozent der Medikamente, die in niedergelassenen Praxen an die Kleinen verabreicht werden, nie an Kindern getestet. Im stationären Bereich sind es 50 bis 60 Prozent und in der Intensivmedizin sogar zu 90 Prozent. "Je kranker das Kind, desto stärker sind Ärzte und Eltern auf Arzneien angewiesen, die nur für Erwachsene zugelassen sind", sagt auch Nock.

Selbst Paracetamol ist nicht ausreichend an Kindern getestet

Aber sogar bei Alltagsmedikamenten wie dem Schmerzmittel Paracetamol sei die für Kinder richtige Dosierung nicht ausreichend getestet, kritisiert Hulpke-Wette. Die Dosierung eines Erwachsenen-Medikaments dürfe nicht einfach nach Körpergewicht des Kindes heruntergerechnet werden. "Der kindliche Stoffwechsel funktioniert ganz anders." Über Art der Schädigungen und Fallzahlen gebe es keine genauen Daten. Unerwünschte Wirkungen würden nur selten an die Bundesärztekammer gemeldet.

Dahinter steckt nach Ansicht der Ärzte betriebswirtschaftliches Kalkül der Pharma-Industrie. "Der Arzneimittelmarkt für Kinder macht nur ein Prozent am gesamten Arzneimittelmarkt aus", sagt Hulpke-Wette. Daher lohnten sich teure und aufwendige Wirkungsstudien für die Konzerne nicht.

Das Problem besteht nicht nur in Deutschland, deshalb soll eine neue EU-Richtlinie zur Förderung kindgerechter Medikamente nun Abhilfe schaffen. Die Verordnung passierte im September in erster Lesung das EU-Parlament. Für Kinder zugelassene Präparate sollen demnach deutlich gekennzeichnet werden, die Pharmaindustrie soll Anreize für mehr klinische Studien erhalten.

Yuriko Wahl/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity