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Babys mit Missbildungen Wie der Contergan-Skandal in Brasilien weitergeht

Thalidomid - der Wirkstoff von Contergan - kann in der frühen Schwangerschaft zu schweren Missbildungen am Fötus führen
Thalidomid - der Wirkstoff von Contergan - kann in der frühen Schwangerschaft zu schweren Missbildungen am Fötus führen
© DAHW
In Deutschland richtete das Schlafmittel Contergan eine Katastrophe an. Mehr als 50 Jahre später wird das gefährliche Medikament in Brasilien eingesetzt, um Leprakranke zu behandeln. Die Folge: Bis heute kommen Babys mit Fehlbildungen zur Welt.

Contergan - dieser Name lässt bei den meisten Deutschen die Alarmglocken läuten. Bis heute ist einer der größten Arzneimittelskandale der Bundesrepublik in den Köpfen präsent - und das wird vermutlich auch noch lange so bleiben. Das vermeintlich harmlose Schlafmittel kam 1957 auf den Markt, zunächst rezeptfrei, und war besonders bei Schwangeren ein beliebtes Medikament, da es nicht nur gegen Schlafstörungen, sondern auch gegen die typische Morgenübelkeit half.

Erst Jahre später stellte sich heraus: Das Arzneimittel griff bei der Einnahme in der frühen Schwangerschaft in den Wachstumsprozess des Ungeborenen ein. Allein in Deutschland wurden etwa 5000 Babys mit zum Teil massiven Fehlbildungen an Armen und Beinen geboren. Contergan - eine Katastrophe, ein Alptraum, der sich nie mehr wiederholen darf. 

Doch wer glaubt, das Arzneimittel sei für immer verbannt worden, liegt falsch. Contergan wird unter dem Namen Thalidomid in zahlreichen Ländern gegen verschiedenste Erkrankungen weiterhin eingesetzt - auch in Deutschland ist es gegen eine bestimme Krebsform zugelassen. Vor allem Brasilien setzt auf Thalidomid. In dem südamerikanischen Land ist die Lepra noch immer weit verbreitet, und gegen eine äußerst schmerzhafte Komplikation der Infektionskrankheit gilt Thalidomid als hocheffektiv. Gleichzeitig kommen in Brasilien bis heute Kinder mit verstümmelten Gliedmaßen zur Welt.

"Es gibt keine Alternative"

Thalidomid ist in Brasilien nicht frei verkäuflich, es darf nur streng kontrolliert von Ärzten herausgegeben werden. So lautet die Vorschrift. Doch die Realität sieht anders aus. "In Brasilien gibt es sehr viele Lücken im Gesundheitswesen, es mangelt an gut ausgebildetem Personal", sagt Jochen Hövekenmeier von der Deutschen Lepra- und Tuberkolosehilfe e.V. (DAHW) dem stern. "Das führt dazu, dass diese Kontrolle gar nicht gewährleistet werden kann."

Dennoch hält Brasilien an Thalidomid fest. Laut DAHW gibt es dort jedes Jahr fast 40.000 neue Lepra-Erkrankungen. Und Brasilien hat viele Gründe, die für das umstrittene Arzneimittel sprechen. "Thalidomid ist bezahlbar", sagt Hövekenmeier. "Und oftmals ist es die letzte Alternative zur Amputation." Für die Behandlung der bereits erwähnten schweren Lepra-Komplikation gebe es bislang keine Alternative. 

WHO rät von Thalidomid ab

Doch sind die Risiken hinnehmbar? Ist es ethisch vertretbar, dass man riskiert, dass behinderte Kinder zur Welt kommen? Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht. "Aufgrund seiner teratogenen (Fehlbildungen erzeugenden, Anm. d. Red.) Wirkungen rät die WHO vom Einsatz von Thalidomid ab", heißt es auf der Webseite. "Die Erfahrungen haben gezeigt, dass es so gut wie unmöglich ist, ein sicheres Kontrollsystem zu entwickeln, das den Missbrauch des Medikaments verhindert."

Missbrauch - das heißt in dem Fall: Thalidomid wird unter der Hand weitergegeben und fällt in die Hände von Menschen, die es auf keinen Fall nehmen dürften. Was Thalidomid - und zwar schon eine einzige Tablette - bei Schwangeren anrichten kann, ist vielen nicht bewusst. Denn Lepra ist eine Krankheit der armen Bevölkerungsschichten, unter denen es noch immer viele Analphabeten gibt. Sie verstehen die Warnhinweise auf den Verpackungen von Thalidomid nicht. 

Deshalb ließ die brasilianische Regierung vor einigen Jahren Piktogramme auf die Verpackungen drucken, die eine durchgestrichene Schwangere zeigten. Es war ein Versuch, auch die Menschen, die nicht lesen und schreiben können, über die Risiken von Thalidomid aufzuklären. Doch der Versuch schlug fehl. "Viele glaubten plötzlich, Thalidomid sei eine Art 'Pille danach', ein Abtreibungsmittel", so Hövekenmeier von der Deutschen Lepra- und Tuberkolosehilfe. Die Piktogramme seien inzwischen wieder abgeschafft worden. "Das Gerücht hält sich aber bis heute." Mittlerweile ist auf der Verpackung von Thalidomid ein Baby mit missgebildeten Gliedmaßen abgedruckt. 

Forscher weisen Zusammenhang nach

Thalidomid wird in Brasilien bereits seit den 1960er-Jahren eingesetzt. Erst 2003 hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das den Einsatz von Thalidomid regulieren soll. Doch trotz der Restriktionen werden nach wie vor Missbildungen bei Neugeborenen registriert, wie die brasilianische Wissenschaftlerin Fernanda Vianna angibt.

Die promovierte Molekularbiologin forscht seit Längerem zu den Auswirkungen von Thalidomid in Brasilien. Gemeinsam mit Kollegen der der Universidade Federal do Rio Grande do Sul in Porto Alegre konnte sie einen signifikanten Zusammenhang zwischen Thalidomid und dem gehäuften Auftreten charakteristischer Fehlbildungen bei Babys nachweisen. Vianna und ihr Forscherteam untersuchten den Zeitraum von 2005 bis 2010 in Hinblick auf die verteilten Thalidomid-Tabletten und die Häufigkeit von charakteristischen Fehlbildungen bei Babys. Pro 100.000 verteilten Tabletten stieg die Anzahl der Malformationen bei Neugeborenen der Studie zufolge um 26 Prozent.

Fast 5,9 Millionen Thalidomid-Tabletten wurden nach Angaben der Forscher zwischen 2005 und 2010 an Leprapatienten verteilt. Im gleichen Zeitraum traten bei 192 Neugeborenen die für Thalidomid typischen Fehlbildungen auf, fanden die Wissenschaftler heraus. Auch in den letzten Jahren wurden in Brasilien Thalidomid-geschädigte Babys geboren, genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt.

"Alle haben Bedenken"

Ist es ethisch vertretbar, ein Medikament in den Umlauf zu bringen, das nachgewiesenermaßen teratogen wirkt - und dessen Verbreitung nicht zu hundert Prozent kontrolliert werden kann? "Alle haben Bedenken. Ärzte, Apotheker, Behördenmitarbeiter, Kranke", sagt Reinaldo Bechler von der Deutschen Lepra- und Tuberkolosehilfe im brasilianischen Manaus. "Aber gleichzeitig stimmen sie alle mehr oder weniger darin überein, dass das Medikament wichtig und wirksam in der Behandlung von Lepra ist."

Claudia Maximino ist anderer Ansicht. Selbst ein Thalidomid-Opfer und Präsidentin des Brasilianischen Vereins der Träger des Thalidomid-Syndroms (ABPST), steht sie dem Gebrauch des Medikaments in ihrer Heimat äußerst kritisch gegenüber. "In Brasilien gibt es keine Überwachung und keine wirksame Kontrolle", teilt sie dem stern mit. "Sobald Patienten in abgelegenen Regionen (im Norden zum Beispiel das Amazonasgebiet) das Medikament mit nach Hause nehmen, kommt es zu einer völlig irregulären Anwendung und Entsorgung der Arznei." Sie sei für eine begrenzte Verwendung ausschließlich durch anerkannte Ärzte in anerkannten Krankenhäusern. Ob das jemals gewährleistet werden kann, ist fraglich.


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