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Psychiatrie: Hausbesuch vom Therapeuten - dieses Modell soll Schule machen

Einige Kliniken betreuen psychisch Schwerkranke in deren eigenen vier Wänden statt in der Psychiatrie. Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend. Jetzt soll das Modell Schule machen.

Von Katharina Kluin

Psychiatrie

Das Zuhause gibt Halt – auch und gerade in psychischen Krisen.

Die Nacht vor dem ersten Treffen war lang. Mehr als hundert Mal rief Sigrid Ahrend* in der Klinik an. Stunde um Stunde, manchmal alle paar Minuten. "Was ich noch vergessen hatte …", "was mir ganz wichtig ist für morgen …" Immer wieder fiel ihr etwas ein, das sie dringend noch sagen wollte, bevor sie am nächsten Tag kommen würden, die Leute von der Psychiatrie. Wach war Sigrid Ahrend ja sowieso. Sie schlief kaum, auch nicht in normalen Nächten.

Jetzt sitzt die 51-Jährige an ihrem Küchentisch in Itzehoe, karierte Bluse überm Ringelshirt, Pünktchensocken in Sandalen. Ahrend teilt sich die Wohnung mit einer anderen psychisch kranken Frau. Betreuer helfen den beiden durch den Alltag – und neuerdings auch die Leute vom Klinikum Itzehoe, die vorbeikommen, um Ahrend seelisch stabiler zu machen. Fachpfleger Joachim Scheele und Sozialpädagogin Kerstin Rickert sind heute schon zum dritten Mal da. Sigrid Ahrend hat vorher nur noch zweimal angerufen. Auch weil sie inzwischen wieder schlafen kann.

Menschen in schweren psychischen Krisen, nimmt man an, gehören in die Psychiatrie. In Itzehoe ist das anders. Im sogenannten Home-Treatment versorgen Klinikärzte, Pfleger und Sozialarbeiter ihre Patienten in der eigenen Wohnung. Ein Konzept, das an den starren Grenzen des deutschen Gesundheitssystems rüttelt, weil es die Trennung zwischen "ambulant" und "stationär" aufhebt.

"Ich habe das Gefühl, man kümmert sich um mich. Das ist schön."

Die ersten Erfahrungen in etwa 20 Kliniken deutschlandweit sind so vielversprechend, dass das Bundeskabinett vor Kurzem eine gesetzliche Grundlage dafür geschaffen hat, die Betreuung in den eigenen vier Wänden flächendeckend einzuführen – als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen.

Das Klinikum Itzehoe hat schon vor zweieinhalb Jahren aufs Home-Treatment umgestellt. Das Außendienstteam besteht im Kern aus einem Leiter, einer Ärztin für Psychiatrie, dem Pfleger Scheele und der Sozialpädagogin Rickert. Sie fahren mal zu zweit, mal zu dritt durch den schleswig-holsteinischen Kreis Steinburg und besuchen die Betroffenen, wo sie sich am wohlsten fühlen: in ihren Häusern, bei ihren Familien, in Wohneinrichtungen und manchmal auch im Café.

Die Therapeuten betreuen regelmäßig zwischen 15 und 25 Patienten, manche von ihnen jeden Tag. Die meisten leiden unter schweren Depressionen, Burnout oder Ängsten, und gut zwei Drittel haben Psychosen. Auch Sigrid Ahrend. Immer wieder ist die ehemalige Finanzbeamtin wochenlang in Kliniken behandelt worden, in ihr altes, selbstständiges Leben hat sie trotzdem nicht zurückgefunden.

Psychose-Patientin Sigrid Ahrend (von hinten) mit ihren Betreuern und dem Home-Treatment-Team des Klinikums Itzehoe.

Psychose-Patientin Sigrid Ahrend (von hinten) mit ihren Betreuern und dem Home-Treatment-Team des Klinikums Itzehoe.

Noch vor wenigen Jahren, sagt Pfleger Scheele, hätte man Sigrid Ahrend nach ihren hundert Anrufen wahrscheinlich einfach ruhiggestellt. Stattdessen haben sie sich erst einmal mit ihr an den Küchentisch gesetzt und ihr einen Vorschlag gemacht: Sie könne doch einfach alles aufschreiben, was ihr nachts einfalle, und es dann beim nächsten Treffen erzählen. Fand sie ganz leicht, sagt sie. Und überhaupt, sie mag den Besuch. "Ich habe das Gefühl, man kümmert sich um mich. Das ist schön." Joachim Scheele überlegt oft, was aus seinen Patienten geworden wäre, wenn schon vor 20, 30 Jahren jemand so mit ihnen gearbeitet hätte, wie er und seine Kollegen das heute tun. Nicht einfach verordnen, sondern reden, mit allen, die im Alltag dazugehören.

Bei Sigrid Ahrend sind das vor allem die Betreuer ihrer Wohngemeinschaft. Sie sprechen mit Scheele und der Sozialpädagogin Rickert darüber, was sich seit dem letzten Treffen verändert hat. Ahrend nimmt jetzt andere Medikamente ("ich bin tagsüber nicht mehr so schlapp"), sie schafft wieder mehr ("Dienstag haben wir Bolognese gekocht"). Und doch bleibt da nach wie vor ein Problem: Sie bestehe darauf, sagt ihr Betreuer, ihre Tabletten zu mörsern. Und beim Umfüllen gehe immer die Hälfte der Dosis verloren.

"Wenn ich die Hälfte nehmen sollte – die würde ich ja nehmen", sagt sie plötzlich. "Also lassen Sie in Wahrheit", hakt Kerstin Rickert nach, "einen Teil der Mittel verloren gehen, um die Dosis selbst zu reduzieren?"

"Ja …"

Verhandeln statt behandeln

Es entsteht eine kurze Pause. Dann fragt Pfleger Scheele: "Und was könnte jetzt dabei helfen, dass Sie nichts mehr unter den Tisch fallen lassen?"

Verhandeln statt behandeln – das ist einer der Grundsätze, nach denen die mobilen Therapeuten arbeiten. Zwei Jahre lang wurden sie geschult, bevor sie sich zu den ersten Hausbesuchen aufmachten. In den Küchen und Wohnzimmern ist ihre wichtigste Aufgabe, genau hinzuhören. Welche Probleme könnten zur Krise geführt haben? Und wer oder was kann helfen? Wie lässt sich verhindern, dass ein Problem größer wird?

Manchmal reichen schon ganz banale Tipps. So besuchen die Frauen des Teams immer wieder auch Mütter mit Babyblues. "Schlaf, sobald dein Kind schläft." "Lass den Haushalt liegen." Eine Psychiatrie-Therapeutin kann das mit anderem Nachdruck sagen als Freundinnen und Hebammen – und so dazu beitragen, die Krise in den Griff zu bekommen, ehe nur noch die stationäre Unterbringung bleibt.

Mit dem Home-Treatment, sagt Arno Deister, Chef der Psychiatrie in Itzehoe, verschiebe sich der Fokus vom Reparaturbetrieb auf die "Gesundhaltung" der Patienten. In Itzehoe scheint das zu funktionieren. Denn während deutschlandweit immer mehr Psychiatriebetten in den Krankenhäusern bereitgehalten werden, kommt das Klinikum im Norden mit 60 von ursprünglich 118 Betten aus. Den übrigen Bedarf decken eine Tagesklinik und das Home-Treatment. Nach den bisherigen Datenauswertungen in Itzehoe bleiben die Patienten so selbstständiger und besser an Familie und Freunde gebunden als stationär Behandelte.

Auch die ersten breiter angelegten Untersuchungen sind positiv: Bei manchen seelischen Krankheiten, etwa bei Depressionen und Schizophrenie, ist die Behandlung vor Ort genauso effektiv wie im Krankenhaus – die Patienten erleben sie aber als weniger belastend. Genau wie ihre Angehörigen.

Psychiatrie zu Hause: Der Patient muss in der Lage sein, sich an Vereinbarungen zu halten

Gerade ihnen, den Partnern, den Eltern oder erwachsenen Kindern, hilft der Hausbesuch sehr. Sie wollen sich um die Kranken kümmern, müssen aber auch die eigenen Kräfte schonen. Und merken, dass sie allein oft nicht weiterkommen. Der Satz "Das höre ich jetzt zum ersten Mal" fällt regelmäßig, wenn das Team bei den Leuten im Wohnzimmer sitzt.

Auch Sigrid Ahrends Betreuer Raoul Keller hat ihn gerade gesagt, als er hörte, dass sie ihre gemörserten Medikamente mit Absicht verstreut. Und nicht etwa aus Ungeschick, wie sie ihm immer wieder versichert hat. Nun handelt die Runde einen Kompromiss aus. Das Klinikteam will mit der Ärztin besprechen, ob auch eine geringere Dosis der Medikamente genügen würde. Und Sigrid Ahrend verspricht, diese geringere Dosis dann auch tatsächlich zu nehmen.

Es ist ein Geschäft – ein Geschäft, das man nicht mit jedem psychisch Kranken machen kann. Die wichtigste Voraussetzung für die Teilnahme am Home-Treatment ist denn auch: Der Patient muss in der Lage sein, sich an Vereinbarungen zu halten. Immer wieder steht vor allem Birgit Molitor, die verantwortliche Ärztin, vor der Frage, ob sie einem Patienten seine Beteuerungen glauben soll – oder lieber nicht. Vor allem dann, wenn sie Sorge hat, er könnte sich selbst oder anderen gefährlich werden. "Letztlich ist das nur ein Bauchgefühl" , sagt sie. "Aber das muss stimmen."

Bei Sigrid Ahrend hat die Ärztin kein schlechtes Gefühl. Joachim Scheele und Kerstin Rickert erzählen ihr von ihren Verhandlungen, und Molitor ist einverstanden: Die Patientin darf ihre Dosis reduzieren.

"Das ist doch schon mal was", hatte Sigrid Ahrend in ihrer Küche gesagt, als sich der Kompromiss abzeichnete. Allerdings sieht sie noch immer nicht ein, weshalb sie die Mittel überhaupt nehmen soll.

Das, so hat das Psychiatrieteam beschlossen, wird dann Thema des nächsten Hausbesuchs sein.

*Name von der Redaktion geändert

Gesunde Fingernägel

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