Norovirus Medienthriller ohne Killer


Schaut man derzeit in deutsche Zeitungen, vor allem die mit den großen Lettern, glaubt man Deutschland schon am Ende: "Die schlimmste Magen-Darm-Seuche", "erste Tote in Hamburg", "jetzt wird's dramatisch" - das Norovirus geht um in Deutschland. Alles nur ein Medienthriller, denn zum Killer taugt Noro nicht.
Von Jens Lubbadeh

Ein Virus sorgt mal wieder für Angst und Schrecken. Nicht Sars, nicht HIV, nicht H5N1- Noro heißt der Feind. Diesen Namen kannte man bislang eher aus zum Schmunzeln anregenden Meldungen mit Titeln wie "Das große Kotzen", in denen von Massendurchfallerkrankungen auf Kreuzfahrtschiffen berichtet wurde. So wütete das aggressive Magen-Darm-Virus im Dezember und Januar zum Beispiel auf der "Freedom of the Seas" und der "Queen Elizabeth 2" und schickte hunderte Kreuzfahrtgäste mit Durchfall und Erbrechen in die Kabinen.

Für den Normalbürger besteht kein Risiko

Nun aber sind nicht mehr nur ein paar Schiffe sondern das ganze Land betroffen. Von einer Million möglicher Ansteckungen sprechen Experten des Robert-Koch-Institutes. Steht es wirklich schon so schlimm um Deutschland?

Fakt ist: Die Zahl der Ansteckungen hat laut Robert-Koch-Institut (RKI) zugenommen. Das aber ist eigentlich nichts Neues - schon in der Dezemberausgabe des "Epidemiologischen Bulletins" wies das Institut auf eine Verdreifachung der Norovirus-Erkrankungen innerhalb weniger Wochen hin. Dem RKI ging es vorwiegend um die Eindämmung der Virus-Ausbreitung in Krankenhäusern und wollte damit die Fachöffentlichkeit an die notwendigen Hygienemaßnahmen erinnern.

Keine besonders dramatischen Fallzahlen

Nun schreiben die Zeitungen von dramatischen Zunahmen. Schaut man sich die Statistiken aber genau an, kann man sehen, dass die Infektionswelle in Woche 51 des vergangenen Jahres mit 5087 Fällen bereits einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. Danach fiel sie zunächst wieder auf 3257 Fälle ab. Im Januar 2007 dann stieg die Zahl der Fälle wieder an: 4619 Fälle wurden in Woche 1 und 6071 Fälle in Woche 2 gemeldet.

So sensationell sind aber auch diese Zahlen nicht. Schon in vergangenen Jahren gab es starke Wellen von Norovirus-Infektionen: "Die jetzigen Zahlen entsprechen im Großen und Ganzen den Infektionswellen, die wir vor zwei und vier Wintern schon einmal hatten", sagt Susanne Glasmacher vom RKI.

Woher aber kommt die geschätzte Zahl von einer Million möglicher Ansteckungen, die derzeit durch die Gazetten geistert? Das Norovirus ist meldepflichtig. Weil aber eine Ansteckung in der Regel nur unangenehm und nicht gefährlich ist und die meisten Leute damit erst gar nicht zum Arzt gehen, wird nur ein Bruchteil der Infektionen offiziell erfasst. "Wir haben zu der Zahl der gemeldeten Fälle die angenommene Dunkelziffer gerechnet und kamen auf ungefähr eine Million möglicher Fälle bis zum Ende der Welle", sagt Glasmacher. Eine Zahl, die offenbar die Fantasie der Journalisten anregt. Und in Verbindung mit den drei Todesfällen, die im Januar in Verbindung mit Noro-Erkrankungen auftraten, ergibt sich der perfekte Nachrichten-Aufreger.

Grippe ist viel gefährlicher

Dass eines der Noro-Todesopfer, wie die "Hamburger Morgenpost" berichtete, eine 69-jährige Patientin des Hamburger Marienkrankenhauses war, die an ihrem Erbrochenen erstickte, lässt eher auf drastische Verfehlungen des Krankenhauspersonals schließen als auf ein tödliches Killervirus. Dass Kleinkinder und ältere Leute zur Noro-Risikogruppe gehören und ohnehin schon geschwächte Krankenhauspatienten ebenfalls, ist hinlänglich bekannt.

Der Grund dafür ist simpel und hat so gar nichts vom Horror eines Ebola-Virus oder der Spanischen Grippe, die zu qualvollen Toden durch innere Blutungen und Ersticken führen: Der massive Flüssigkeitsverlust durch den heftigen Durchfall ist es, der eine Gefahr für den Kreislauf älterer und schwacher Menschen darstellt. Genauso weiß man, dass Grippeviren durch die allgemeine Schwächung des Organismus' Kinder und Senioren gefährlich werden können. Daher raten Ärzte diesen Personengruppen jedes Jahr zu Schutzimpfungen.

Ein Vergleich mit Grippe rückt die Verhältnisse ohnehin schnell wieder zurecht: "Wir haben jedes Jahr durchschnittlich geschätzte 10.000 Todesfälle durch Grippe", sagt Glasmacher. In der besonders heftigen Wintersaison 2002/2003 wurden sogar 16.000 Grippetote gemeldet. Dagegen stehen 19 Todefälle nach Norovirus-Infektion, die im letzten Jahr dem Robert Koch-Institut übermittelt wurden. Immer wieder beklagt das RKI mangelndes Problembewusstsein - bei Grippe, nicht bei Noro. Zu Recht - denn Grippe ist der wahre Killer. Grippe ist allerdings ein weitestgehend vermeidbares Problem mit vielen vermeidbaren Toten. Eine Noroinfektion hingegen ist unvermeidbar und einfach Pech.


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