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Organspende: "Ein Brief vom Empfänger ist wie ein Gruß des Verstorbenen"

In Deutschland gilt: Die Angehörigen des Organspenders und der Organempfänger dürfen sich nicht kennenlernen. Dennoch ist es möglich, dass beide Seiten in Kontakt treten - über Briefe.

Ein Interview von Karin Stawski

In der Fotostrecke (s.u.) zeigt der stern Ausschnitte aus Briefen zwischen Angehörigen von Spendern und Empfängern

In der Fotostrecke (s.u.) zeigt der stern Ausschnitte aus Briefen zwischen Angehörigen von Spendern und Empfängern

Anne-Bärbel Blaes-Eise von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) leitet Briefe von Organempfängern an Spenderfamilien weiter. Sie sorgt dafür, dass niemand entdeckt, wer der andere ist - und trotzdem ein Austausch möglich ist. Der stern zeigt Ausschnitte aus solchen Briefen und er sprach mit der Frau, die die Brücken baut.

Die Zitate aus den Briefen wühlen einen sehr auf, selbst wenn man die Menschen nicht kennt. Wie emotional muss das erst für die Betroffenen sein. Wollen überhaupt alle so einen Brief bekommen?

Nein. Wir müssen da auch sehr sensibel vorgehen. Wenn ein Organempfänger beispielsweise einen Dankesbrief an die Spenderfamilie schreiben will, kann er den an uns schicken. Wenn die Familie ihre Kontaktdaten bei uns hinterlegt hat, rufen wir sie an und fragen: Wir haben einen Brief für Sie, möchten Sie ihn bekommen? Wenn ja, stecke ich den Brief in einen Umschlag und dann noch einmal in einen Umschlag.

Warum zwei Umschläge?

Damit er der Familie beim Öffnen nicht gleich entgegenfällt. Sie sollen ihn lesen können, wenn sie den Moment für geeignet halten. Natürlich muss ich ihn aber vorher gelesen haben und alle Wörter unkenntlich machen, mit denen der Schreiber zu viel verrät, zum Beispiel Namen und Wohnort. Es muss ja alles anonym bleiben.

Warum dürfen sich Empfänger und Spenderfamilien nicht kennenlernen?

Im Transplantationsgesetz steht, dass die Anonymität gewahrt bleiben muss. Daran sind wir als DSO gebunden. Es geht um den Schutz beider Seiten. Stellen Sie sich vor, eine Mutter verliert ihren Sohn, spendet sein Herz und trifft dann den Empfänger, der ihr ganz und gar unsympathisch ist. Aber auch umgekehrt könnte es passieren, dass ein Organempfänger aus lauter Dankbarkeit die Spenderfamilie nicht mehr in Ruhe lässt, obwohl die sich Abstand wünscht.

Wer schreibt häufiger, Organempfänger oder Angehörige von Spendern?

Die Empfänger. Die Möglichkeit der Dankesbriefe ist auch vor allem für sie gedacht. Ich habe in unserer Region seit 2010 insgesamt 186 Briefe von Empfängern weitergeleitet, und nur sieben von Spenderfamilien, die auf eigene Initiative geschrieben haben.

Wie kommt das?

Für Empfänger ist es einfacher: Sie haben ein neues Leben geschenkt bekommen und wollen Danke sagen. Viele erwarten auch gar keine Antwort. Für Spenderfamilien ist es komplizierter. Ich glaube, dass alle irgendwann wissen wollen: Habe ich richtig entschieden, die Organe meines Angehörigen zu spenden? Konnten wir wirklich jemandem helfen? Aber die meisten schreiben trotzdem nicht, weil sie die Empfänger nicht bedrängen wollen, sie wollen ja keine Dankbarkeit einfordern.

Die Spenderfamilien erfahren also überhaupt nicht, wie es den Menschen geht, die Organe ihres Vaters oder Kindes bekommen haben?

Doch. Jede Familie wird nach der Spende gefragt, ob sie auf dem Laufenden gehalten werden will. Dann bekommt sie ein paar Wochen nach der Organspende einen Brief, in dem zum Beispiel steht: "Die Nierenempfängerin ist eine Frau, 36 Jahre alt, lebte seit mehreren Jahren an der Dialyse, heute geht es ihr wieder gut." Wer will, kann auch danach regelmäßig bei der DSO nachfragen, wie es den Empfängern geht. Wenn wir die Infos bekommen, geben wir sie auf Anfrage auch gerne weiter.

Wissen überhaupt alle Spenderfamilien und Empfänger, dass es die Möglichkeit gibt, Briefe zu schreiben?

Nein, deswegen haben wir vor wenigen Jahren mit der Deutschen Transplantationsgesellschaft und mit Selbsthilfegruppen eine Informationsbroschüre erstellt, in der wir darauf aufmerksam machen. Die Briefe sind im Transplantationsgesetz nicht erwähnt. Ich wünsche mir, dass sich die Gesellschaft diesem Thema mehr öffnet. In Deutschland wird Organspende oft noch als rein chirurgischer Akt gesehen. Sie ist aber auch ein emotionaler. Wir müssen mehr über Gefühle reden. Zwei Familien werden über Trauer, Trost und Dankbarkeit miteinander verbunden, ohne die Gefühle je miteinander teilen zu können. Die Briefe sind der einzige Weg, mit dem die Anonymität gewahrt bleibt.

Wie viele Briefeschreiber bekommen eine Antwort?

In unserer Region waren es in den letzten Jahren knapp zehn Prozent, deutschlandweite Zahlen gibt es nicht. Ich weiß von vielen Spenderfamilien, die nie die Kraft gefunden haben, zu antworten. Aber sie heben den Brief auf wie einen kostbaren Schatz. Für sie ist er wie ein Gruß ihres Verstorbenen.

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