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Plötzlicher Kindstod: Todesursache: unbekannt

Ein gesundes Kind zu verlieren, ist für Eltern das schlimmste Unglück. Trotz neuer Forschungsergebnisse liegen die Ursachen des Plötzlichen Kindstods noch immer im Dunkeln. Manche Forscher glauben sogar, dass es ihn gar nicht gibt.

Von Erich Lederer

Rund ein Kind auf 2000 Neugeborene stirbt an Plötzlichem Kindstod - die Ursachen sind noch immer nicht geklärt

Rund ein Kind auf 2000 Neugeborene stirbt an Plötzlichem Kindstod - die Ursachen sind noch immer nicht geklärt

"Da lag er. Sein kleines Gesichtchen war blau. Ich hob ihn hoch, drehte ihn auf den Kopf und klopfte ihm auf den Rücken." Völlig unerwartet traf es Franziska Tangl aus der Nähe von München. Sechs Wochen nach der Geburt hatte ihr schlafender Sohn Marcus plötzlich zu atmen gehört. Die herbeigerufenen Sanitäter stellten fest, dass Marcus bereits seit Stunden tot war. "Mein Kind? Niemals!", Franziska erinnert sich, dass , dass sie die schreckliche Entdeckung einfach nicht wahrhaben wollte. Der plötzliche Kindstod ist aber nicht nur für die meisten Eltern unfassbar, sondern auch für die Mediziner immer noch ein Ereignis voller Rätsel.

Defekte im Hirnstamm

Mit neuen Forschungsergebnissen scheint man aber nun den Ursachen des Tods im Schlaf etwas näher gekommen zu sein. Vor einigen Monaten veröffentlichten amerikanische Wissenschaftler von der Kinderklinik in Boston, was sie im Hirnstamm von 31 Opfern des unerwarteten Kindstods, kurz SIDS ( für "sudden infant death syndrome") gefunden hatten. Diese Gehirnregion reguliert die Atmung, den Herzschlag, die Körpertemperatur, aber auch Einschlafen und Aufwachen.

Wie Hannah Kinney und ihre Kollegen in der amerikanischen Famzeitschrift JAMA schrieben, entdeckten sie dort im Vergleich zu Babys mit anderen Todesursachen wesentlich mehr jener Nervenzellen, die ihre Signale über den Botenstoff Serotonin weiterleiten. Die Anzahl der Bindungsstellen für diese Signalsubstanz war jedoch deutlich erniedrigt. Ob die Veränderungen direkt etwas mit dem tödlichen Atemstillstand zu tun haben, ist aber nach wie vor nicht klar. Die Wissenschaftler wiesen jedoch nach, dass die Anzahl der Bindungsstellen für Serotonin bei männlichen Babys niedriger als bei weiblichen war. Das spiegelt auch die Sterberaten bei SIDS wider: Der Kindstod kommt bei Jungen etwa doppelt so häufig vor wie bei Mädchen.

Die meisten Experten sind sich darin einig, dass im Stammhirn der Schlüssel zur Auflösung der rätselhaften Todesfälle liegt. Bei den betroffenen Babys versagt der Alarmplan, wenn bei ihnen im Schlaf die Luft knapp wird. Vergräbt es seinen Kopf in einem Kissen, der Bettdecke oder einer weichen Matratze, fehlt die Frischluftzufuhr und der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt, während das Kohlendioxid steigt. "Gesunde Kinder wachen auf, drehen ihren Kopf und atmen schneller, wenn sich der CO2-Spiegel erhöht" erklärt Hannah Kinney.

Mit Ultraschall gegen den Kindstod

Auch die Ergebnisse von Karl-Heinz Deeg von der Sozialstiftung in Bamberg deuten auf das Stammhirn als SIDS-Zentrum hin, allerdings mit anderem Auslöser. Dem Spezialisten für Ultraschall-Untersuchungen fielen vor etwa zehn Jahren Säuglinge auf, die mit plötzlichen Herzproblemen oder Atembeschwerden oder -aussetzern in seine Kinderklinik kamen. Bei etlichen der Patienten war der Blutstrom zum Hinterkopf verringert oder kam ganz zum Erliegen, wenn sie den Kopf stark zur Seite drehten oder überstreckten. Oft geschieht das, wenn das Baby auf dem Bauch liegt. Deeg fing daraufhin an, die Blutströmung in einer Hirnbasisarterie bei allen Neugeborenen zu untersuchen. "Bisher haben wir mehr als 14 000 Kindern untersucht". so berichtet er. "Nur eines davon ist an plötzlichem Kindstod gestorben." Bei rund anderthalb Prozent der Kinder fand die Ultraschall-Sonde mit Hilfe der "Doppler-Sonographie" einen stark verminderten Blutfluss zum Stammhirn.

Schon 1999 konnte der australische Pathologe Roger Pamphlett an SIDS-Opfern zeigen, dass die betreffende Arterie im Bereich des obersten Halswirbels abgequetscht wird, wenn das Kind sein Köpfchen bis zum Anschlag dreht oder streckt. "Eltern dieser Risiko-Kinder bieten wir ein Gerät an, das zuhause Herzschlag und Atem des Säuglings überwacht und bei Aussetzern Alarm schlägt", sagt Deeg. Nach etwa einem Jahr ist die Gefahr vorüber: Dann sind die Wirbel so weit ausgewachsen, dass ein solches Ereignis kaum mehr möglich ist. Bei 3300 Elternpaaren, die seit 1998 von der freiwilligen Ultraschalluntersuchung keinen Gebrauch machten, verloren vier ihr Kind durch den plötzlichen Kindstod - das entspricht ungefähr dem statistischen Mittelwert..

Nur ein Sammeltopf unerklärlicher Todesfälle?

Andere Kinderärzte, die sich mit dem plötzlichen Kindstod beschäftigen, glauben dagegen nicht an eine einzige Ursache. So wie Gerhard Jorch von der Kinderklinik Magdeburg: "Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es SIDS gar nicht gibt. Möglicherweise ist es vielmehr ein Sammeltopf unerklärlicher Todesfälle für Kinder im ersten Lebensjahr." Ähnlich äußert sich auch der Schweizer SIDS-Experte Martin Sutter: "Nicht alle Kinder sterben den gleichen Tod. Manchmal versagt die Atmung, ein anderes mal der Kreislauf oder es kommt zu Infarkten." Auch die Humangenetiker haben keine klaren Antworten auf die Rätsel, die SIDS nach wie vor aufgibt. So finden sich bei betroffenen Kindern Veränderungen an Genen, die das Nervensystem steuern, den Nikotinabbau beeinflussen, aber auch Entzündungen und den Stoffwechsel beeinflussen. Viele davon weisen aber auch auf die Risikofaktoren für den Säuglingstod hin.

298 Kinder starben in Deutschland im Jahr 2005 plötzlich und unerwartet, das sind etwa 0,4 pro Tausend Neugeborenen. Immerhin ist die Häufigkeit dank Aufklärungskampagnen in den letzten 15 Jahren stark zurückgegangen. Noch in den 90er Jahren war sie noch etwa dreimal so hoch. Am wichtigsten war dabei die Empfehlung, das Kind nicht in Bauchlage einschlafen zu lassen.

Auf unerklärliche Weise sein eigenes Kind zu verlieren, bleibt daher ein seltenes, aber nicht weniger tragisches Schicksal, das weit über den Todestag hinaus wirkt. "Beim plötzlichen Kindstod", so Franziska Tangl, "stirbt nicht nur das Kind, an der Frage nach dem "Warum" zerbrechen oft Partnerschaft und Familie." Eine endgültige Antwort auf das "Warum" bleibt wohl noch längere Zeit offen.

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