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Interview

Podcast "Die Diagnose": Rätselhaften Leiden auf der Spur: "Entscheidender Hinweis kann in Nebensatz fallen"

Mysteriöse Leiden, überraschende Diagnosen: Im Podcast "Die Diagnose" berichten Mediziner von ihren spannendsten Krankheitsfällen. stern-Redakteurin Anika Geisler erklärt, was den Reiz der Fallgeschichten ausmacht - und warum Ärzte ihren Patienten genauer zuhören sollten.

Die Diagnose: Anika Geisler trifft Ärzte, die von ihren spannendsten Fällen erzählen

stern-Redakteurin Anika Geisler ist selbst Medizinerin und trifft für "Die Diagnose" Ärzte, die zu Detektiven wurden

Frau Geisler, heute startet die dritte Staffel des Podcasts "Die Diagnose". Was macht den Reiz der medizinischen Fallgeschichten aus?

Es ist spannend, mit den jeweiligen Ärzten zusammen auf Spurensuche zu gehen und dabei zu sein, wie sie Schritt für Schritt eine Art medizinischen Kriminalfall lösen. Immer mit der Frage vor Augen: Was ist die Ursache für die rätselhaften Beschwerden? Viele der Ärzte lassen den Hörer auch bei der Suche nach der Lösung an ihren Gefühlen teilhaben. Sie empfinden Zweifel oder Ratlosigkeit, wenn sich der erste Verdacht doch als falsch erweist. Oder sie freuen sich und sind regelrecht gerührt, wenn der Auslöser endlich gefunden ist und dem Patienten geholfen werden kann. Das macht die Mediziner menschlich und nahbar. Viele Hörer kennen zudem jemanden im Verwandten- oder Freundeskreis, der in einer ähnlichen Situation steckt: hartnäckige Beschwerden, der Patient hat eine Odyssee durch Praxen und Kliniken hinter sich, kein Arzt kann helfen. Da gibt es auch die Hoffnung: Vielleicht steckt die Lösung ja im nächsten Podcast?

Welche der neuen Folgen ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben? 

Gleich in der ersten Folge geht es um eine Frau, die nach einem Urlaub am Mittelmeer direkt aus dem Flugzeug mit dem Rettungswagen in die Klinik kommt, weil es ihr so schlecht geht. Sie ist geschwächt, hat Sehstörungen und kann nicht mehr laufen. Sie muss auf die Intensivstation. Letztlich findet der Arzt heraus, dass die Patientin eine Vergiftung hat. Und die wiederum hat mit einer Reise zu tun, die schon länger zurückliegt. Es geht um die mitunter großen Gefahren von manch alternativen Heilmethoden. Als der Fall der Frau publik wurde, meldeten sich viele Erkrankte mit einer ähnlichen Geschichte. 

Hier können Sie sich die Folge anhören:

Oder der Fall, bei dem eine sportliche Frau plötzlich zunehmend unter Atemnot leidet. Eine Spezialistin checkt sie gründlich durch und findet nichts. Patientin und Ärztin kommen zu dem Schluss, dass wohl doch der Stress im Job der Auslöser sein müsse. Aber dann, gerade als die Patientin aus dem Sprechzimmer geht, fällt der Ärztin doch noch etwas ein – eine potenziell lebensgefährliche Erkrankung. Die hat die Patientin dann auch tatsächlich. Ihr kann schnell geholfen werden – sie hat riesiges Glück gehabt.

Sie sind selbst Medizinerin. Wie viel Zeit haben Ärzte im Arbeitsalltag überhaupt für detektivisches Nachspüren?

Immer weniger.  Der Alltag der Ärzte ist strikt durchgetaktet, das kennt wohl jeder Patient aus eigenem Erleben. Ganz egal, ob in der Klinik oder in der Praxis. Einige Fallgeschichten in diesem Podcast zeigen sehr deutlich, wie wichtig – neben allen High-Tech-Diagnosemethoden – das ausführliche Gespräch zwischen Arzt und Patient sein kann, um auf die richtige Spur zu kommen. Der entscheidende Hinweis kann eben auch mal in einem Nebensatz fallen. Aber für ausführliche Gespräche bleibt oft kaum Zeit, zudem werden sie nicht besonders gut vergütet.

Was machen die Mediziner anders, die Sie für Ihren Podcast interviewen? Was für "ein Schlag Mensch" ist das?

Die Ärzte haben ein breites Wissen und viel Erfahrung, dazu kommen Neugier und Hartnäckigkeit. Alle treibt ein detektivischer Spürsinn an. Und sie sind den Patienten sehr zugewandt. Viele von ihnen sagen so etwas wie: "Mich hat dieser Fall einfach nicht losgelassen." Oder: "Auf dem Weg nach Hause auf dem Rad kam mir der entscheidende Geistesblitz." Das heißt, auch wenn die erste Verdachtsdiagnose nicht die Lösung brachte, haben sie sich im Hinterkopf weiter mit dem Fall beschäftigt. Dazu kommt, dass die Ärzte die Erkrankten nicht vorschnell in die psychische Schublade stecken – nach dem Motto: Man findet nichts Organisches, also ist es etwas Psychisches. 

Was sollten Menschen tun, die sich in einer der Folgen wiedererkennen und vermuten, dass ihre Beschwerden ähnlichen Ursprungs sein könnten?

Sie sollten mit ihrem Hausarzt oder einem Facharzt über den Verdacht sprechen. Viele Ärzte mögen es ja nicht, wenn man als Patient mit Internet-Ausdrucken ankommt und sagt, es könnte dies und das sein. Aber wenn man erzählt, man hat einen Spezialisten mit einem Fall im Podcast gehört, die Krankengeschichte und die Beschwerden waren vergleichbar – sollten gute Ärzte ein offenes Ohr dafür haben. Es kommt immer wieder vor, dass sich Patienten bei mir in der stern-Redaktion melden und berichten, dass "Die Diagnose" ihnen geholfen hat, die wahre Ursache ihrer Symptome zu finden. Ganz einfach, weil sie ihre Beschwerden wiedererkannt haben. Eine Patientin drückte es so aus: "Das bin ja ich, über die da berichtet wird!" Sie hatte tatsächlich dasselbe Krankheitsbild, was dann endlich entdeckt und behandelt wurde. Heute geht es ihr wieder gut.

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Haben Sie selbst etwas durch die Arbeit an den Fallgeschichten lernen können?

Ich habe gelernt, dass es Patientengeschichten gibt, die einfach unglaublich klingen: Ein Maurer mit massiven Seh- und Hörproblemen und drohendem Herzversagen – und letztlich war sein künstliches Hüftgelenk schuld. Oder ein Mathematiker, der seit Jahren nachmittags für einige Zeit gelähmt zusammenbrach – und am Ende entdeckte der Arzt: Es hat mit der Ernährung zu tun, dieser Patient braucht Salziges, am besten Currywurst und Pommes. Und ich habe gelernt, dass es die jungfräuliche Empfängnis tatsächlich geben kann.

Neugierig geworden? Hier gibt es alle bislang veröffentlichten Folgen zum Nachhören.

ikr

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