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Interview

Psychologie: "Zu viele traumatisierte Flüchtlinge fallen durchs Netz"

Seelisch kranke Flüchtlinge brauchen mehr Hilfe, sagt Trauma-Expertin Maggie Schauer. Sonst wird es teuer – und schlimmstenfalls gefährlich.

Seelisch kranke Flüchtlinge – "Zu viele fallen durchs Netz"

Afrikanische Flüchtlinge an Bord eines Schiffs nach ihrer Rettung aus einem Schlauchboot. Viele, die nach Europa kommen, leiden unter seelischen Problemen – etwa unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen. Auch Ahmad A. (kleines Bild), der in einem Hamburger Supermarkt einen Mann erstach, scheint psychisch labil zu sein.

Der 26-jährige Flüchtling Ahmad A. hat Ende Juli in Hamburg "Allahu Akbar" geschrien, einen Mann erstochen und sieben weitere Menschen verletzt. Vorher war er durch massive Stimmungsschwankungen aufgefallen. Erst zwei Tage vor der Tat will er sich für eine islamistische Lebensweise entschieden haben. Was denken Sie, wenn Sie so etwas hören?

Ich kann keine Ferndiagnose stellen. Doch man sollte wissen, dass auch spontan erscheinenden Gewalttaten in der Regel jahrelanger versteckter psychischer Druck vorausgeht. Typisch sind vielfache Erfahrungen von Erniedrigung und Gewalt in der Biografie – was aber so eine grausame Tat niemals entschuldigen kann.

Sie gehen davon aus, dass viele der Flüchtlinge, die hier Gewalttaten begehen, Traumata erlebt haben?

Studien zeigen, dass es bei Flüchtlingen häufig massive Verletzungen in der Kindheit gab. Gewalt, Verunsicherung und ein Auf-sich-gestellt-Sein schon in jungen Jahren bestimmen das Leben vieler in den Kriegs- und Krisengebieten, aus denen sie kommen. Dann folgt die Flucht mit ihren oft entsetzlichen Erfahrungen. Wir wissen aus diversen Untersuchungen von Flüchtlingsgruppen, dass 20 bis 50 Prozent mit psychischen Problemen zu kämpfen haben.

"Bring mir die Kriminellen, die Kaputten, die richtig Gläubigen sind für Syrien nicht zu gebrauchen", soll ein Imam in Oberhausen gesagt haben. Sind die "Kaputten" besonders leichte Beute, zum Beispiel für Islamisten?

Wer Jungs findet, die schon in ihrem frühen Leben stark traumatisiert wurden, muss weniger Widerstände überwinden, um sie für seine Zwecke zu missbrauchen. Erst brechen, dann zu Kämpfern ausbilden: Das ist ja ansonsten die Strategie von Rebellenführern überall auf der Welt. Wobei man sich immer vor Augen halten muss: Die allermeisten Traumatisierten entwickeln Ängste und Depressionen, sie werden nicht zur Gefahr für andere, sondern leiden an sich selbst.

Die promovierte Psychologin Maggie Schauer leitet das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie an der Universität Konstanz

Die promovierte Psychologin Maggie Schauer leitet das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie an der Universität Konstanz

Was bedeuten Traumata für die Integrationsaussichten der Flüchtlinge?

Viele tun sich deswegen schwer. Um zielstrebig zu sein, um eine Sprache zu lernen, eine Ausbildung durchzuhalten, muss ich gesund sein, darf ich keine Depression haben. Wir sehen ja auch in der deutschen Bevölkerung, dass schon weniger dramatische Erfahrungen als die vieler Flüchtlinge ausreichen, um ein Kind zum Schulversager zu machen oder um im Beruf nicht mehr zu funktionieren.

Was müsste passieren?

Was mich ärgert, ist, dass wir eigentlich viel wissen und trotzdem nicht die richtigen Schlüsse ziehen. Unsere Studien in verschiedenen Ländern belegen: Flüchtlinge haben ein erhöhtes Risiko für ein ganzes Spektrum seelischer Erkrankungen, häufig posttraumatische Belastungsstörung und Depressionen, aber auch Psychosen. Symptome wie Wahn, Halluzinationen und Denkstörungen treten dreimal häufiger als bei der einheimischen Bevölkerung auf. Bei vielen verschwinden die Probleme nicht einfach wieder. Sie brauchen soziale und traumatherapeutische Unterstützung, auch langfristig. Denn gerade im Alter kommen häufig Symptome wieder oder machen sich durch körperliche Krankheiten bemerkbar: Magen-Darm-Probleme, Diabetes, Beeinträchtigungen des Immunsystems und Herz-Kreislauf-Beschwerden sind nur einige davon.

Welche Prioritäten würden Sie setzen?

Die mentale Versorgung der Flüchtlinge wird bei uns in Deutschland wie die Spitze einer Bedürfnispyramide gesehen. Luxus – für Notfälle reserviert, für Leute, die in ihrem Containerraum sitzen und stundenweise weggetreten sind oder extrem unangenehm auffallen. Es ist aber so: Wer psychisch angeschlagen ist und leidet, dem ist das oft nicht anzusehen. Die, die zurückgezogen sind und nicht mehr schlafen können, die sich sozial erniedrigt fühlen, fallen durchs Raster – es ist ja tatsächlich manchmal nur ein schmaler Grat zwischen Belastung und Krankheit. Mit diesen Menschen müssen geschulte Helfer ins Gespräch kommen. Solche, die die Sprache können oder die einen Dolmetscher dabei haben.

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Da werden sich viele fragen: Warum sollen die deutschen Steuerzahler das alles finanzieren?

Ich würde sagen: Es ist eine humanitäre Aufgabe. Aber es ist auch ökonomisch geboten. Wenn Sie warten, bis die Dinge sich zuspitzen, bis ein Mensch chronisch psychisch krank wird, bis er körperliche Krankheiten entwickelt oder Gewalt ausübt, ist das immer die teurere Variante; teurer in Bezug auf Leid und teurer in Bezug auf faktische Kosten.

Zu welchem Zeitpunkt sollte eine Behandlung beginnen?

Je länger eine Traumatisierung unbehandelt bleibt, desto giftiger wird sie für Psyche, Körper und Gesellschaft. Schon in den ersten Wochen nach der Ankunft könnte ein freiwilliges Screening vorgenommen werden. Psychosoziale Helfer sollten jeden einzelnen Flüchtling einmal treffen, mit ihm zusammen ausloten, wie es ihm geht. Hierfür gibt es strukturierte Interviews, manche auch zum Selbstausfüllen, die schon zu erstaunlich guten Ergebnissen kommen und aufzeigen, wer professionelle Hilfe braucht. Dieser Schritt scheint aufwendig, aber er lohnt sich. So können wir die belasteten Menschen erkennen und verlieren sie nicht wieder aus den Augen.

Und wie müsste es nach dem psychologischen Erstkontakt weitergehen?

Danach sollte denjenigen, die behandlungsbedürftige psychische Probleme haben, eine Untersuchung beim Experten angeboten werden. Das könnten "Flüchtlingslotsen" in die Wege leiten. Erst danach entscheidet sich, ob jemand ein therapeutisches Angebot braucht und möchte – und wenn ja, welches.

Wie soll das funktionieren? Es gibt viel zu wenige Psychologen in Deutschland.

Die wenigen spezialisierten Einrichtungen, die es gibt, müssen immerzu um ihre Finanzierung bangen, weil sie nicht vom Staat, sondern mit Spenden oder über befristete Anträge finanziert werden. Wir müssen mehr Mittel einsetzen. Benötigt werden geschulte Dolmetscher und Kompetenzen in evidenzbasierter, traumaspezifischer Behandlung – übrigens nicht nur für Flüchtlinge, auch für Deutsche. Und wie gesagt: Wir werden damit langfristig Geld sparen, indem wir die Sozial- und Krankenkassen entlasten.

Aber auch mit viel Geld lassen sich nicht binnen kürzester Zeit all die Psychologen heranschaffen, die man für Ihre Pläne brauchte.

Es muss nicht jeder ein studierter Psychologe oder ein Arzt mit psychotherapeutischen Kenntnissen sein. Es wäre sinnvoll, Traumaberater zu schulen, darunter auch Migranten, die sich regelmäßig mit Ärzten und Psychologen austauschen. Wichtig ist, dass diese Helfer im Ernstfall an approbierte Psychologen und Psychiater überweisen. Wir sollten auch digitale Medien nutzen und, ganz wichtig, niederschwellige Kurzzeit-Traumatherapien anbieten. Es gibt dazu kluge Konzepte und punktuell bereits einige gute Initiativen in Deutschland. Aber punktuell reicht eben nicht. Zu viele Menschen fallen durchs Netz – ihre Probleme verfestigen sich, statt dass sie innerlich Frieden finden und ankommen. Und, noch einmal: Dass ihnen dies gelingt, ist nicht nur in ihrem Interesse – sondern im Interesse von uns allen.

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